Wie die KPD die Nation entdeckte

»Heil Moskau«

Bei den Montagsdemos verschwimmen die Unterschiede zwischen Linken und Rechten. Dies geschah schon einmal in den zwanziger und dreißiger Jahren, als die KPD die Nation entdeckte und gegen das »neue Finanzkapital« wetterte, das ein Instrument des »amerikanischen Imperialismus« sei.

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»Die Kommunisten wollen keinen Bruderkampf mit den Nationalsozialisten!« Das soll Heinz Neumann auf einer NSDAP-Versammlung in Berlin gerufen haben, berichtet Ossip Flechtheim in »Die KPD in der Weimarer Republik«. Heinz Neumann war unter Ernst Thälmann der Theoretiker der kommunistischen Partei. Auf Neumann geht auch der Schlachtruf »Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft« zurück. Was denn nun – konsequenter Antifaschismus oder keinen »Bruderkampf«?
Auch wenn es Anfang der dreißiger Jahre wiederholt zu gemeinsamen Aktionen mit den Nazis kam – wie beim BVG-Streik im November 1932 –, wollte die KPD keine Querfront. Sie präsentierte sich vielmehr als die einzige Alternative zu den Nazis. In ihrem 1930 verabschiedeten Programm »zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes« sprach die KPD der NSDAP nicht nur ab, eine sozialistische Partei, sondern auch, eine nationale Partei zu sein. Die einzige nationale Partei sei vielmehr die KPD. Die Begründung für diese Position war schon älter: Da die rechten Parteien auf der der Seite des Kapitals stünden, könnten sie nicht national sein. Denn das Kapital sei international.
Offiziell hatte die KPD sich 1920 endgültig vom »Nationalbolschewismus« verabschiedet, als zum Beispiel der starke Hamburger Flügel um Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim aus der Partei geworfen wurde. Doch schon zu dieser Zeit stellte sich die KPD als die eigentliche nationale Partei dar. Wenn die Hamburger Nationalbolschewisten ein Bündnis mit der deutschen Bourgeoisie eingehen wollten, ignorierten sie, dass »dem Kapitalismus Nationalität völlig gleichgültig« sei, schrieb August Thalheimer in der KPD-Tageszeitung Die Rote Fahne.

1923 ging die KPD ganz offensiv auf nationalistische und völkische Parteien zu. Das war der sogenannte Schlageter-Kurs. Karl Radek, der Vertreter der Kommunistischen Internationale in Deutschland, lobte in einer Rede den Faschisten Albert Leo Schlageter, der im Ruhrkampf vom französischen Militär exekutiert worden war. Schlageter war zwar 1920 an Überfällen auf Ruhrarbeiter beteiligt gewesen, habe aber, so Radek, stets geglaubt, »dem deutschen Volke zu dienen«. Führende Mitglieder der KPD sprachen auf NSDAP-Versammlungen. Die Rote Fahne druckte eine Rede ab, die Hermann Remmele in Stuttgart gehalten hatte: »Sie, die Faschisten, geben nun an, das jüdische Finanzkapital zu bekämpfen. Schön. Tun Sie das! Einverstanden! (Stürmischer Beifall bei den Faschisten.) Aber Sie dürfen eines nicht vergessen, das Industriekapital! (Zuruf bei den Faschisten: ›Bekämpfen wir genauso!‹) Denn in Wirklichkeit ist das Finanzkapital nichts anderes als das Industriekapital.«
1923 sollte die Revolution in Deutschland erfolgen, deswegen wollte die KPD auch die Klientel rechter Parteien für sich gewinnen. Schon nach etwas mehr als zwei Monaten stellte sich heraus, dass der Schlageter-Kurs gescheitert war. Auch die deutsche Oktoberrevolution wurde kurzfristig von der Parteiführung abgeblasen. Aus diesem Misserfolg wollte die KPD lernen.
1930 betonte das Zentralkomitee, es gehe ihr ausschließlich um die »irregeführten Massen«, die zur NSDAP strömten. Die proletarischen Nazis würden bald zur KPD zurückfinden: »Die beginnende Zersetzung unter der werktätigen Gefolgschaft der faschistischen Bewegung, die zweifellos zunimmt, macht eine Differenzierung zwischen den faschistischen Führern und den irregeführten Massen ihrer Anhänger notwendig.« In einem prominenten Fall gelang dies 1931. Der Reichswehrleutnant Richard Scheringer wechselte zur KPD. Zwar berichtete die Rote Fahne mehrmals von SA-Trupps, die zur KPD übergelaufen seien. Aber allein die Wahlergebnisse zeigten, dass mehr Menschen von der NSDAP angezogen wurden.
Die »Zersetzung« innerhalb der NSDAP blieb aus. Doch der Versuch der Verschmelzung von »linken« und »rechten« Positionen wurde von beiden politischen Lagern unternommen. Bereits in den frühen zwanziger Jahren versuchte die KPD eine Symbiose von nationaler und sozialer Befreiung. Nach dem KPD-Programm zur »nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes« feixte der Völkische Beobachter: »Die KPD stiehlt die Losungen des Nationalsozialismus.« Die SPD warnte: »Die KPD wird nationalistischer als Hitler!« In der KPD grüßte man sich mit »Heil Moskau« und Ernst Thälmann wurde zum »Führer« der Arbeiterklasse erklärt.
Zugleich vermuteten nicht wenige bei den Nazis »aufrichtige Sozialisten«. Noch 1935 schrieb Arthur Rosenberg in seiner »Geschichte der Weimarer Republik«, dass von der NSDAP »viele Tausende von ehrlichen Sozialisten« angezogen wurden, die »hofften, Hitler werde das verwirklichen, woran die marxistischen Parteien gescheitert waren«. Rechte wie linke Parteien stritten darum, wer »den Arbeiter« vertrete. Die Zeitschrift Der nationale Sozialist bot 1930 an, »mit den Kommunisten zusammen dieses System zu zerschlagen«. Ganz grundsätzlich appellierte der bekannte Nationalsozialist Gregor Strasser an die »antikapitalistische Sehnsucht des deutschen Volkes«.

Besonders in Krisenphasen wie 1923 oder in den dreißiger Jahren finden sich in der parteikommunistischen Presse Verschwörungstheorien zur Erklärung gesellschaftlicher Entwicklung. Dazu verwendete die KPD Begriffe der Rechten wie »Zinsknechtschaft« oder »Weltfinanz«, nutzte aber auch eigene Begriffe wie »Finanzkapital«. Mit dem hatte Lenin den Imperialismus definiert, später diente er zur Erklärung des Faschismus. 1923 sprachen führende Vertreter der KPD vom »jüdischen Finanzkapital«. Mitte der zwanziger Jahre hieß es in der Roten Fahne, das »neue Finanzkapital, das an dem deutschen Industriekapital emporwächst«, gehöre »ökonomisch und politisch zum amerikanischen Imperialismus«, und die Zeitung warnte mehrmals vor »Überfremdung«. Nationalbolschewistisch sollte das nicht klingen, aber national und bolschewistisch.