Extremsport im Selbstversuch: Walzer tanzen

Rechts herum ins Nichts

Im Rausch an der schönen blauen Donau. Extremsportarten im Selbstversuch.
Anzeige

Grenzüberschreitung. Darum geht es beim Extremsport. Wie weit kann ich gehen, wo stoße ich an Grenzen, wie kann ich diese überwinden? Adrenalin und Schwindel. Um Schweißausbrüche, um den Moment kurz vorm Kontrollverlust, um den Rausch der Geschwindigkeit. Wo findet man das in Wien? Beim Surfen auf der Donauwelle sicher nicht. Heftige Regenschauer haben uns zum Glück davor bewahrt, in uneleganter Froschpose auf dem Brettl rumzuwackeln und dabei fragwürdiges Donauwasser zu schlucken. Um dann als nasser Sack im Wasser noch von lässigen Surftrainern Anweisungen zugebrüllt zu bekommen. Nein, wie soll da denn der Rausch entstehen? Und wie der Schweiß, wenn der gleich von der eiskalten Flussbrühe weggespült wird? Donau darf und muss zwar sein in Wien, aber unsere Grenzüberschreitung holen wir uns lieber woanders – beim Wiener Walzer.
Eine fundamentale Grenze muss bereits überschritten werden, bevor überhaupt der erste Schritt gesetzt wird: die Schamgrenze. Das darf zuhause niemand erfahren, denken wir noch. Aufgedonnert mit dem, was der Reiserucksack hergibt, finden wir uns dann plötzlich als einziges Tanzpaar im verspiegelten Saal zu einer Probestunde für Anfänger wieder. Intensiv­betreuung mit einem Tanzlehrer. Es fängt zum Glück harmlos an, einzeln wird der Wiegeschritt geübt. Um Schwung soll es gehen, locker in den Knien, Rumpf aufrecht. Vor und zurück. Elegant sieht auch das nicht aus, aber immerhin bleiben wir zunächst trocken.
Doch dann schlägt die ganze Wiener Frivolität voll zu. Es soll jetzt als Paar geübt werden. In anständigem Abstand stellen wir uns voreinander auf, doch das reicht dem Tanzlehrerschlawiner nicht. Näher, noch näher, noch näher – Moment, wo soll das denn hinführen? Die »Dame« sucht den Kontakt – in der Nabelgegend. Schön rüber zum »Herrn« lehnen. Sie muss spüren, wohin der Führer führen will, in der Nabelgegend. Schweiß bricht aus. Wie war das nochmal mit »das ist mein Tanzbereich und das ist dein Tanzbereich«? Von wegen, der Wiener Walzer duldet keine Intimzone. Zur besseren Demonstration wird dann noch die fremde Hand auf den Bauch gelegt: aus diesem Qi kommt die Energie. Und die Füße? Auf vier Schienen sollen sie gleiten, aber bitte immer schön zwischen die Beine. Da kommt das poppige Twerking im Vergleich harmlos daher. Jetzt verstehen wir, warum der Walzer als ältester Gesellschaftspaartanz einst so verrufen war.
Um uns ironisch von der Tanztradition zu distanzieren, hatten wir beschlossen, die Rollen zu tauschen. Das akzeptiert unser Lehrer anstandslos, an den Bezeichnungen änderte er jedoch nichts. Konsequent wird die Tänzerin als »Herr«, der Tänzer als »Dame« angesprochen, manchmal kommt es auch zum Dame-Herr-Durcheinander ob all des holprigen Queerings. Ansonsten gängige, neutralere Begriffe wie leader und follower scheint er nicht zu kennen. In seiner traditionellen Welt des Standardtanzes scheinen sie nichts zu suchen zu haben. Hochgewachsen und mit tadelloser Haltung verkörpert er selbst exemplarisch den Idealtyp des biederen Turniertänzers. Gut möglich, dass auch er einen der vielen Pokale gewonnen hat, die im Vorraum zwei Regale füllen. Außerdem sei es, erklärt er uns, »mit dem Begriff Führer natürlich auch so eine Sache«, der habe »im Deutschen so einen Beigeschmack«, aber das solle uns hier nicht stören. Wie sonst so einiges.
Freundlich und didaktisch einwandfrei führt er uns weiter in die Grundlagen des Walzertanzes ein. Die Dame muss warten. Das ist ihre Aufgabe. Und präsentieren soll sie sich, Brust stolz, Kopf hoch, jedoch zur Seite. Das wäre dann doch zu viel des Guten, müsste man sich im Nabelclinch auch noch in die Augen sehen. Der Blick geht an der Seite vorbei »ins Nichts«, so unser Tanzmeister. Das ist Selbstaufgabe und Fatalismus, soll die Donaumonarchie doch untergehen, wir drehen uns weiter im Kreis und sehen nichts und hoffen nicht. Der Herr errichtet der Dame zwischen rechtem Ellbogen und linker Hand einen engen Bewegungsrahmen, in den sie sich einpassen soll. Bloß nie den Nabelkontakt verlieren. Der Herr geht stürmisch seinen Weg, reißt die Dame freundlich mit. Bevor sie umfällt, setzt sie dann einfach einen Schritt. So natürlich, so organisch wird gewalzt.
Doch die Dame ziert sich, begibt sich auf Abstand. Kommt dem Herrn manchmal mit ihrem Schritt zuvor. So wird das nichts mit dem Warten, Spüren und Folgen. Und dann klammert sie auch noch. Im echten Leben stört das doch auch nur die Harmonie. Und der Herr zögert mit dem Führen, »wie war das nochmal mit der Gleichberechtigung«, denkt er bei sich. Doch die zählt hier nicht. »Lieber falsch führen als zögerlich das Richtige tun«, lautet die oberste Weisheit des Walzers. Kein Wunder, dass der Walzer auch bei den Nationalsozialisten so beliebt war, dass sie sogar die jüdische Herkunft von Johann Strauss verschwinden ließen, dem Komponisten berühmter Walzer wie »An der schönen blauen Donau«, der inoffiziellen österreichischen Nationalhymne. Und Sympathien für die Revolutionäre von 1848 hatte Strauss auch. Ist der Walzer dann zusätzlich zur sexuellen Enthemmung eigentlich ein revolutionärer Tanz? Ob das Einiges wettmachen kann? Bis zum als noch unzüchtiger geltenden Linkswalzer kommen wir jedoch nicht.
Wir ergeben uns nach einigen Trockendrehungen einfach dem Rhythmus. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei. Die Füße schweben übers Parkett, immer rechts herum und rechts herum und rechts herum. Spiegel und Lichter verschwimmen und gleiten vorbei. Die Musik hat Schwung, wird immer schneller. Krasse Raves müssen das damals gewesen sein bei Sissi und Franz. Als schnellster Tanz der Standardtänze gilt der Walzer. »Jetzt nähern wir uns dem Originaltempo«, ruft aus irgendeiner Ecke der Tanzlehrer. Wie sollen wir da noch mithalten? Schwindel setzt ein. Und Rausch. Endlich.