Guy Debord in Patrick Modianos Roman »Im Café der verlorenen Jugend« 

Unfertige Abenteuer

In Patrick Modianos wunderbarem Roman »Im Café der verlorenen Jugend« ist Guy Debord Stammgast. Über das literarische Verwandschaftsverhältnis zwischen dem französischen Literaturnobelpreisträger und dem Theoretiker des Situationismus.

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Guy Debord, der mit seinem 1967 erschienenen Buch »Die Gesellschaft des Spektakels« so etwas wie das theoretische Rüstzeug für die Studentenbewegung lieferte, hat sich später mit seinen Schriften und Filmen der Zeit zugewandt, als alles begann und die Zukunft noch vor ihm lag. In einem wehmütig-poetischen Ton, den er sich von Klassikern wie Blaise Pascal, Shakespeare, Heraklit und Dante leiht, erinnert er sich an die frühen fünfziger Jahre und an jene Freunde im kriminellen Milieu, die in der Regel keinen Nachruf bekommen, weil sie als Verlierer meist nur einen kurzen Auftritt haben, aufleuchten wie ein Stern in einer klaren Nacht, bevor sie verglühen und wieder in der »Schachtel des Nichts« (Omar Khayyam) verschwinden.
In der verrufenen Gegend von St. Germain de Près, so Debord in seiner schmalen Autobiographie »Panegyrikus«, »fanden sich stets Leute, die nur negativ definiert werden konnten, weil sie keinen Beruf hatten, keinem Studium nachgingen und keine Kunst ausübten (…), der eine raubte Banken aus und rühmte sich, nicht die Armen zu bestehlen, und ein anderer hatte nie jemanden umgebracht, wenn er nicht gerade wütend war. (…) Zwischen der Rue de Four und der Rue de Bucci ging unsere Jugend so unwiederbringlich verloren, als wir einige Gläser tranken und es gewiß war, daß wir niemals etwas Besseres tun würden.«
Eine junge Frau, die Debord bewunderte, studierte an der Akademie für Bildende Künste und war eine Freundin des Schriftstellers Patrick Modiano, der 2014 den Literaturnobelpreis erhalten hat. Sie erzählte ihm von Debord und zeigte ihm in St. Germain des Près die Cafés, die Debord früher besucht hatte. Die politischen Schriften Debords haben Modiano nie interessiert, aber er war so fasziniert von der dunklen Melancholie dieser Rückschau, dass er sich entschloss, die legendäre Bar »Chez Moineau« und die Jugendlichen, die dort ihre Heimstatt gefunden hatten, zum Ausgangspunkt seines 2007 erschienenen, vielleicht schönsten Romans zu machen: »Im Café der verlorenen Jugend«.
Einige der jungen Trinker kommen in Modianos Roman mit Klarnamen vor, etwa Jean-Michel Mension, ein Protagonist dieses Milieus, der sich in seinem Buch »Wir haben unsere unfertigen Abenteuer gelebt« an all die Versprengten erinnert, die der nur wenige Jahre zurückliegende Krieg wie Strandgut angetrieben hatte. Er gibt ein genaues Zeugnis davon, wer sich im »Moineau«, das bei Modiano »Condé« heißt, herumtrieb.
Jean-Michel Mension trank, um zu überleben. Er trank, weil er es nicht schaffte, nüchtern zu leben. Es gibt Fotos von ihm und seinem Freund Fred, wie sie betrunken und die Flasche in der Hand vor dem Café Mabillon herumtorkeln und Passanten belästigen, um dann wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit festgenommen zu werden. Der niederländische Fotograf Ed van der Elsken, der die Bilder aufgenommen hat, war selbst Stammgast im Moineau und veröffentlichte später ein Buch. »Und als Bildunterschrift hatten sie einzig und allein die Vornamen der Gäste oder ihre Spitznamen«, schreibt Modiano. Unwillkürlich blättert man in dem Buch »Liebe in St. Germain de Près« von Ed van der Elsken, der damals auch erklärte, wovon diese Jungen und Mädchen lebten. »Meistens vom Organisieren und Betteln. Man stahl ab und zu, ließ sich aushalten und handelte ein bisschen mit Rauschgift. Kam der Winter mit seiner Kälte, ließ man sich einsperren«, schreibt er.
Dann beginnt man nach der Aufnahme von Louki zu suchen, die auf mehreren Fotos zu sehen ist und die, wie Modiano schreibt, »das Licht stärker einzufangen« schien als die anderen, die ebenfalls Stammgäste im »Condé« waren, wo keine Fragen über die Herkunft gestellt wurden. »Wir waren zu jung, wir hatten keine Vergangenheit, die man hätte aufdecken können, wir lebten in der Gegenwart«, heißt es. Bei Modiano ist Louki eines der minderjährigen Mädchen, die einsam, unscheinbar, schüchtern und verloren in diesem kleinen Universum umherirren. Louki wurde von ihrer im »Moulin Rouge« als Platzanweiserin arbeitenden Mutter häufig allein gelassen. Sie heiratet überstürzt einen Mann, den sie nicht kennt, sie verlässt ihn, wohnt in billigen Hotels, wie das damals viele tun, sie wird geliebt, ohne eine Bindung zur Welt zu bekommen, bleibt losgelöst von allem und begeht schließlich Selbstmord. Man erfährt nicht viel von ihr, sie existiert irgendwann nur noch im Kopf des Ich-Erzählers, der sich an sie zu erinnern versucht und dem nach vielen Jahren nur Szenen und Momente geblieben sind, wie sie zusammen durch das nächtliche Paris laufen, vorbei an den »verlotterten Hotels in der Rue Dauphine, den Schuppen für den Religionsunterricht, das Café am Carrefour de l’Odeon, wo ein paar Deserteure der amerikanischen Militärstützpunkte Schleichhandel trieben, die finstere Treppe zum Square du Verte-Galant und die Aufschrift an der dreckigen Mauer der Rue Mazarine, die ich jedesmal auf dem Schulweg las: Ne travaillez jamais. Arbeitet niemals!«
Die Inschrift stammte von Debord und wurde in der Zeitschrift Situationistische Internationale als »wichtigste Spur« bezeichnet, »die je in der St.-Germain-de-Près-Gegend als Zeugnis der besonderen Lebensweise verzeichnet wurde, die sich dort zu behaupten versucht hat.« Debord kommt bei Modiano außerdem als »rührseliger Philosoph« vor, weil er den Treffpunkt der Tagediebe und Herumlungerer im »Moineau« als das »Café der verlorenen Jugend« bezeichnet hat, ein Zitat, das Modiano dem Buch voranstellt: »Auf halbem Weg zum wahren Leben umgab uns eine düstere Melancholie, die aus soviel spöttischen Worten sprach, im Café der verlorenen Jugend.« Die erste Hälfte des Zitats ist eigentlich von Dante und stammt aus »Göttliche Komödie«. Debord hat sich häufig dieser Methode der literarischen Entwendung bedient, frei nach Lautréamonts Anweisung, die Ideen zu verbessern. Das Zitat hat Modiano im letzten Film Debords gefunden. Der Titel »In girum imus nocte et concumimur igni« (Wir irren des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt) ist ein lateinisches Palindrom, das sehr gut zum rastlosen und ziellosen Leben der Jugendlichen passt. »Nichts drückte diese ausweglose, ruhelose Gegenwart mehr aus als der alte Satz, der vollständig auf sich selbst zurückführt und der, Buchstabe für Buchstabe, wie ein Labyrinth gebaut ist, aus dem man nicht herausfindet«, erzählt Debord aus dem Off mit monotoner Stimme.
Und schließlich taucht Debord noch unter dem Namen Bowing im Roman auf. Von den Gästen wird er Capitaine genannt. Bowing notiert die Namen der Gäste im »Condé«, »und zwar in der Reihenfolge ihres Eintreffens, jeweils mit Datum und genauer Uhrzeit«. Auf den ersten Blick ein buchhalterischer Spleen, gewinnt Modiano dieser zweifelhaften Tätigkeit etwas ab, das in seinen Büchern immer wieder als Motiv vorkommt. Es geht darum, »all die Schmetterlinge, die für ein paar Augenblicke um eine Lampe schwirren, vor dem Vergessen zu bewahren«. Und in seinem letzten Roman, »Gräser der Nacht«, lässt Modiano seinen Protagonisten räsonieren: »Ich brauchte Orientierungspunkte, Namen von Metrostationen, Hausnummern, Stammbäume von Hunden, als fürchtete ich, die Leute und Dinge könnten von einem Augenblick auf den anderen unsichtbar werden oder verschwinden, und ich müsste wenigstens einen Beweis ihrer Existenz bewahren.«
Modiano schreibt, dass Bowing vermutlich sogar die Wege der Stammgäste auf großen Pariser Stadtplänen verzeichnet und dafür verschiedenfarbige Kugelschreiber benutzt. Das ist nicht sehr weit hergeholt, denn Debord beschäftigte sich schon früh mit dem Bewegungsradius von Menschen, weil dieser Rückschlüsse auf das Leben in der Stadt zuließ und neue Perspektiven eröffnete. In der ersten Nummer der Situationistischen Internationale wurde eine Aufzeichnung aller Strecken veröffentlicht, die eine im 16. Arrondissement wohnende Studentin im Laufe eines Jahres gegangen war, und in seiner »Theorie des Umherschweifens« (1957) schreibt Debord, dass das abgebildete Dreieck aus Wohnung, Uni und Klavierlehrer ohne besondere Abweichungen ein »Beispiel für eine moderne Poesie« sei, »die lebhafte Gefühlsregungen verursachen kann, in diesem Fall wohl die Entrüstung darüber, daß es möglich ist, so zu leben«.
Für Debord ist das Umherschweifen »eine Technik des hastigen Passierens verschiedenartiger Stimmungsfelder (… ), unlösbar verbunden mit der Erkundung psychogeographischer Auswirkungen und der Affirmation eines konstruktiv-spielerischen Verhaltens«. Die wenigen Protokolle des Umherschweifens, die erstellt wurden, stehen jedoch in einem eigenartigen Kontrast zur Theorie. Obwohl Debord den Zufall als Erfahrungselement in einem von den Surrealisten durchgeführten Experiment kritisiert, erinnern die Protokolle nicht an eine Versuchsanordnung; der intellektuelle Ertrag der Expeditionen war offenbar zu gering, als dass sie systematisiert worden wären. Ralph Rumney, der eine psychogeographische Erforschung Venedigs unternehmen wollte, wurde sogar aus der SI ausgeschlossen, weil ihn der »venezianische Dschungel« besiegt hatte. Und mit der Ankündigung, dass mit Opfern unter den »Forschungsreisenden des sozialen Raums« zu rechnen sei, geriet dieses Vorhaben in Vergessenheit. Dennoch gehört das Umherschweifen zum mythologischen Bestand der Lettristen, und Debord war geneigt, die gesamte Lebensweise der minderjährigen Jungen und Mädchen in St. Germain des Prés als eine Art dérive zu sehen, denn in dem französischen Begriff ist nicht nur das Umherschweifen enthalten, sondern auch das Sich-treiben-lassen.
In gewisser Weise hat Modiano das Projekt in seinen Romanen wieder aufgenommen, weil sich seine Figuren in einem dauernden dérive verlieren, in einem Raum-Zeit-Kontinuum, das keine Bedeutung mehr für sie hat. Sie durchstreifen die nächtlichen Straßen, die Brachen, Viertel und gefährlichen Zonen, gehen an Hotels, Bars, Theatern, Zäunen und dunklen Ecken vorbei, und diese Umgebung evoziert den melancholischen Unterton der Verlorenheit, den niemand so gut beherrscht wie Modiano. Als Louki eines Tages nicht mehr zu ihrem Mann zurückkehrt, geht sie mit ihrem Freund in ein Kino, das nur spärlich besucht ist vielleicht von ein paar Leuten, »die irgendein Gericht vor langer Zeit für ›verschollen‹ erklärt hatte? Und wir selbst, wer waren wir?«
Und das ist die Frage, die Modianos Romane durchzieht. Es ist die Frage nach der Identität, nach dem, was den Einzelnen ausmacht, was ihn definiert, der Beruf, der Lebensplan, die gefestigte Stellung in der Gesellschaft. Aber das, wonach alle Menschen streben, interessiert Modiano nicht. Ihn interessiert nur das Vage, Undeutliche, die Erinnerung und ihr Scheitern. Es geht ihm darum, Ereignisse und Personen ins Gedächtnis zurückzuholen, um ihre Konturen besser zu erkennen, nur um einsehen zu müssen, dass sie am anderen Ende wieder verschwimmen.
Modiano geht es um die Verlorenen, die irgendwann verschwinden oder wie Louki Selbstmord begehen, denn sie haben eine Geschichte zu erzählen, die sich zu erzählen lohnt. Nicht der gewöhnliche Lebenslauf interessiert Modiano, sondern die flüchtige Existenz. Hier berühren sich Modiano und Debord. Im Unterschied zu Debord sind Modianos Geschichten jedoch keine, die auf Spuren aus sind, die über das individuelle Schicksal hinausweisen und die Möglichkeit der Verwerfung aufscheinen lassen. Debord dagegen rechnete es sich als Verdienst an, sein gesamtes Leben um die Abschaffung der Gesellschaft bemüht gewesen zu sein. Während Debord in den Leuten Subjekte sieht, »die sehr ernsthaft dazu bereit sind, an die Welt Feuer zu legen, um ihr mehr Glanz zu verleihen«, und er die Existenz dieser Leute durch eine »erstaunliche Untätigkeit« charakterisiert sieht, die von der Obrigkeit als das bedrohlichste Verbrechen überhaupt empfunden wird, während er stets das gesellschaftlich Inakzeptable und Nichttolerierbare würdigt, faszinieren Modiano das Verlöschen des auf sich selbst zurückgeworfenen Individuums, das Verwehen der Zeit und der Mensch ohne Begehren und Mut.

Patrick Modianos Roman »Im Café der verlorenen Jugend« ist bei Hanser erschienen.