Die Initiative »No Humboldt 21« beschäftigt sich mit kolonialer Kriegsbeute

Menschenknochen im Gepäck

Die Initiative »No Humboldt 21!« legt neue Hinweise auf koloniale Kriegsbeute in Museen vor, darunter möglicherweise auch die Gebeine historischer Persönlichkeiten.

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Auf dem vergilbten Frachtschein der Deutschen Ost-Afrika-Linie steht lapidar »Menschenknochen«. Der Transport des Stückguts aus der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, kostete zehn Mark, aus irgendwelchen Gründen gab es einen Discount von 20 Prozent. Das Dampfschiff »Reichstag« brachte die Gebeine nach Deutschland, wo sie 1900 im Königlichen Museum für Völkerkunde Berlin landeten. Heute heißt es Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Im dortigen Archiv saßen kürzlich Christian Kopp und Mnyaka Sururu Mboro und sichteten Briefe, Fotos, Aktenvermerke und Frachtscheine.
Beide unterstützen die Initiative »No Humboldt 21!«, die eine Aussetzung der Arbeit am Humboldt-Forum im Berliner Schloss und eine öffentliche Debatte fordert, weil das vorliegende Konzept die Würde und die Eigentumsrechte von Menschen verletze. Weder seien die Staatlichen Museen Berlins die rechtmäßigen Besitzer ihrer Bestände, noch werde die Erforschung außereuropäischer Kulturen problematisiert.

Die Initiative »No Humboldt 21!« legte konkrete Hinweise auf Kunstgegenstände, Schädel und Skelette vor, die als koloniale Kriegsbeute nach Deutschland gelangten. Heutige Besitzerin ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Sie plant derzeit das Humboldt-Forum als Ausstellungsort außereuropäischer Kunst im zukünftigen Berliner Stadtschloss. 2019 sollen in dem Neubau nach altem Vorbild das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst in direkter Nachbarschaft zur Museumsinsel beheimatet sein. Dort, wo einst der Palast der Republik stand, wird derzeit für rund 600 Millionen Euro das Schloss der Hohenzollern fast originalgetreu wiederaufgebaut. Das alte Berliner Schloss wurde im Auftrag der Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg errichtet, die Ende des 17. Jahrhunderts durch den Handel mit versklavten Menschen aus Westafrika Geld verdienten. Ab 1702 diente es als königliche Residenz in Preußen, ab 1871 als kaiserlicher Hof in einem Deutschen Reich, das begann, sich einen »Platz an der Sonne« zu suchen und Gebiete in Afrika, China und Ozeanien militärisch zu besetzen.

Nach Kopps und Mboros Hinweisen lagern in der sogenannten »S(chädel)-Sammlung« des damaligen Museums für Völkerkunde, die sich mittlerweile wieder im Besitz der SPK befinde, die Gebeine von mindestens fünf Menschen aus Kamerun, 17 aus Togo und 36 aus Tansania, darunter direkte Opfer von Kolonialkriegen und Exekutionen. Im Fall von Ruanda sei in den Quellen von Hunderten nach Berlin verschickter Schädel die Rede, so Kopp. Im Fall Tansanias sei zudem eine einigermaßen zuverlässige Zuordnung von geraubten Gebeinen zu historischen Persönlichkeiten möglich, es gebe eindeutige Hinweise darauf, dass der Stabsarzt der deutschen Schutztruppe 1897 das in Rungemba von den Deutschen exhumierte Skelett Munyigumbas, des Vaters des berühmten Wahehe-Chiefs Mkwawa, an das Völkerkundemuseum verschenkte. Der Arzt soll diesem auch den Schädel des im Februar 1897 exekutierten Bruders Mkwawas, Sultan Mpangile, als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt haben. »Die exhumierten Gebeine Munyigumbas dürften unter den Nummern S 494 bis 497 zu finden sein«, so Kopp. Der ausgeliehene Schädel Mpangiles sei 1898 inventarisiert worden.
Das Kampagnenbündnis erwähnte zudem den Frauenschädel mit dem Namen »Mandara« in der Rudolf-Virchow-Sammlung, die in bundeseigenen Einrichtungen der SPK beherbergt wird. Dieser sei 1889 von einem Leutnant gesendet worden und gehöre möglicherweise einem Familienmitglied des von den Deutschen hingerichteten Wachagga-Herrschers Meli Kiusa bin Rindi Makindara. Sowohl Mkwawa als auch Meli hatten vor rund 120 Jahren die Kämpfe gegen die Besatzung und die Politik der »verbrannten Erde« durch die deutsche Schutztruppe angeführt.
»Die Geschichte von Melis Enthauptung hat mir meine Großmutter erzählt, als ich sechs Jahre alt war«, so Mboro, der in Tansania aufwuchs. »Auch dieser Kopf muss hier irgendwo sein. Wenn nicht im Museum, dann vielleicht bei jemanden als Kriegstrophäen-Mitbringsel zuhause«, so Mboro.
Das Bündnis von rund 80 Organisationen verwies zudem auf Objektsammlungen, die in den Akten des Ethnologischen Museums als »Kriegsbeute« bezeichnet werden. Demnach lagern in den Museumskellern zum Beispiel vom Kommandeur der Polizeitruppe in Togo, Valentin von Massow, geraubte Alltagsgegenstände, Beutegut des Militärarztes Friedrich Fülleborn aus Tansania und eine Reihe von erklärten »Kriegstrophäen« des berüchtigten Kolonialoffiziers Hans Dominik aus Kamerun.
»Durch die kostspielige, zentrale Ausstellung fremder Kulturschätze will sich Deutschland laut Kulturstaatsministerin Monika Grütters als ›eine der bedeutendsten Kulturnationen der Welt‹ präsentieren. Wir lehnen diese schamlose Selbsterhebung mit Hilfe von Objekten, die in der Kolonialzeit angeeignet wurden, im Palast der preußischen Kolonialherrscher ab«, bekundet das Bündnis. Stattdessen müsse Deutschland endlich die Provenienzforschung fördern und unverzüglich die Rückgabe von offensichtlich geraubten Kul­tur­objekten und menschlichen Überresten anbieten.

Die SPK sieht sich diffamiert, »No Humboldt 21!« arbeite mit Unterstellungen, so Stefanie Heinlein, die Sprecherin der SPK: »Das Humboldt-Forum ist ein Zentrum der Weltkulturen, ein Ort für ein respektvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben der Kulturen und Nationen.« Die Stiftung unternehme in allen Bereichen eine umfassende Provenienzforschung. Das gelte erst recht für die Objekte, die im Humboldt-Forum gezeigt werden sollen. »Wir sind uns der Problematik der Herkunft vieler Sammlungstücke durchaus bewusst und verstecken diese nicht, sondern thematisieren sie«, so die Sprecherin. Grundsätzlich gehe die SPK aber davon aus, dass die Bestände rechtmäßig in ihre Einrichtungen gekommen seien. Die ethnologischen Sammlungen aus Afrika, Amerika und Asien gingen zum größten Teil auf Kauf, Schenkung und Tausch sowie eigene wissenschaftliche Forschungsexpeditionen zurück, erklärt Heinlein.
Das Ausstellen von Objekten, die größtenteils während der Kolonialzeit zwischen der Berliner Konferenz (1884/1885) und dem Beginn des Ersten Weltkriegs erworben wurden, ist allerdings nicht unschuldig, sondern bleibt ein Gewaltakt. Sie sind in einem Unrechtskontext gesammelt worden, und da mag es mitunter unerheblich sein, wenn das Museum eine Schenkungsurkunde oder einen Kaufvertrag vorweisen kann. Die Antwort der SPK auf die Frage, welche Objekte nun aus Sicht der Stiftung als problematisch zu betrachten sind, bleibt vage. Lediglich den konkreten Fall der Benin-Objekte des Museums erwähnt Heinlein. Diese waren nach der Plünderung des Palasts in Benin City 1897 durch die britische Armee auf den europäischen Kunstmarkt gekommen und dort erworben worden. Nun werde seit mehreren Jahren ein Dialog unter anderem mit den kulturellen Einrichtungen Nigerias und einer Gruppe europäischer Museen geführt, so Heinlein.
Dem Kampagnenbündnis geht die Aufarbeitung zu langsam, Termine für Depotbesichtigungen würden verschleppt, konkrete Antworten blieben aus, sagt Mboro. Angesichts der Fülle makabrer Schätze droht das neue Humboldt-Forum nichts anderes zu werden als seine Vorgänger, die alten Völkerkundemuseen: Orte, die meinten, exotische Kulturen zu präsentieren, während sie in Wahrheit die europäische Sehnsucht nach dem »Fremden« bedienten und den kolonialen Blick feierten. Ein Trost immerhin: Es sollen laut SPK keine human remains in der Afrika-Ausstellung des Humboldt-Forums präsentiert werden.