Bizarre Anklage

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Im Juli 2013 suchte die 33jährige Purvi Patel wegen starker Blutungen die Notaufnahme in South Bend im US-Bundesstaat Indiana auf. Von den Ärzten befragt, gab sie an, nach einer Fehlgeburt den totgeborenen Fötus in einem Müllcontainer abgelegt zu haben, um die Schwangerschaft vor ihren streng religiösen Eltern zu verbergen. Am Montag vergangener Woche wurde Patel zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt – aufgrund einer Anklage und einer Beweisführung, die mit bizarr noch wohlwollend beschrieben sind. Patel wurde sowohl des feticide, der Tötung des Fötus, als auch der Tötung des geborenen Kindes durch Vernachlässigung schuldig gesprochen. Ein offensichtlicher Widerspruch, doch erläuterte Staatsanwalt Ken Cotter, der Tatbestand des feticide sei auch erfüllt, wenn der Fötus überlebt. Um zu belegen, dass er einige Momente lebte, machte der Forensiker Joseph Prahlow den lung float test, bei dem es als Beweis dafür gilt, dass das Neugeborene einen Atemzug tat, wenn dessen Lunge im Wasser nicht untergeht. Das erinnert an die Hexenprobe, bei der eine in einen Sack eingenähte Verdächtigte ins Wasser geworfen wird, tatsächlich stammt die Methode aus dem 17. Jahrhundert und gilt als überholt. Prahlow präsentierte weitere Untersuchungsergebnisse, die Gegenexpertise von Shaku Teas überzeugte die Jury nicht. Dürftig sind auch die Beweise für den Abtreibungsversuch. Nachweislich hat Patel Medikamente in Honkong bestellt und einer Freundin in einer SMS mitgeteilt, sie eingenommen zu haben. Was sie schluckte, ist indes unklar, denn bei der Blutuntersuchung wurden keine Rückstände von Abtreibungsmedikamenten gefunden.
Dass Prahlow ein renommierter Pathologe und Cotter kein evangelikaler Eiferer, sondern ein durchschnittlicher demokratischer Politiker (Staatsanwälte werden in den USA gewählt) ist, macht den Prozess noch beunruhigender. Die Tendenz, Schwangere »staatlicher Überwachung, Kontrolle und extremer Bestrafung zu unterwerfen«, stellte Lynn Paltrow, die Direktorin der NGO National Advocates for Pregnant Women, bereits im vorigen Jahr fest. So wurde Bei Bei Shuai 2013 nach einem Suizidversuch des feticide angeklagt und mit 178 Tagen Haft bestraft, nachdem sie sich nach einer Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft der »kriminellen Rücksichtslosigkeit« schuldig bekannt hatte. In New York wurde Sara McKenna in erster Instanz wegen »Aneignung eines Kindes in der Gebärmutter« verurteilt, weil sie gegen den Willen des Vaters Kalifornien verlassen hatte. Während der Schwangerschaft Drogen zu konsumieren, kann in mehreren Bundesstaaten bestraft werden, auch wenn der Fötus keinen Schaden davonträgt. Das Urteil gegen Patel ist jedoch bislang mit Abstand das drakonischste.