In der Côte d’Ivoire läuft alles digital

Digital für alle

Noch vor drei Jahren lag die Côte d’Ivoire am Boden. Auf einen Bürgerkrieg folgte die Teilung des Landes, dann die Regierungskrise im Jahr 2010. Seit 2012 geht es wieder bergauf, nicht zuletzt dank des Internets. Es ermöglicht politische Debatten, hilft aber auch vielen Bauern.

»Ohne das Internet wären wir heute tot«, sagt Edith Brou. Die junge Frau sitzt in einer Mietwohnung, die zum Büro umfunktioniert wurde, in Abidjan, der größten Stadt der Côte d’Ivoire. Im Hof wird Wäsche getrocknet, drinnen wurden die Sofas beiseite geräumt, um Rechnern Platz zu machen. An den Fenstern sind Aufkleber mit den Symbolen von Whatsapp und Facebook. Im Vorraum tummelt sich ein Haufen Jungs vor Computern: Brous Programmierer. Sie ist die Chefin des ivorischen Start-up »People Input«. Die einzige Frau an der Spitze der digitalen Revolution, die das westafrikanische Land gepackt hat.
Angefangen hat alles 2010. Damals war die Côte d’Ivoire bereits seit zehn Jahren geteilt, durch das Land verlief eine Grenze. Die offizielle Regierung unter Präsident Laurent Gbagbo beherrschte den Süden mit Abidjan dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes und die Rebellen unter Alassane Ouattara den Norden, rund um Boauké. Für die Bevölkerung war es fast unmöglich, in die jeweils andere Region zu reisen oder mit ihren Verwandten dort in Kontakt zu treten. Bei dem Versuch, Wahlen abzuhalten, kam es 2011 zu einer Regierungskrise mit bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen.
»Während dieser Zeit war Facebook für die Ivorer ein Mittel, sich zu organisieren und mit dem Ausland zu kommunizieren«, sagt Brou. Da es nur staatlich kontrollierte Fernsehsender und Radios gab, waren soziale Netzwerke der Weg zu freier Meinungsäußerung. Derzeit, es herrscht wieder Frieden, gibt es mehr als 1,6 Millionen Facebook-Nutzer im Land. Die erste Frage, die von jungen Menschen gestellt wird, ist: »Wie ist dein Name auf Facebook?« In Abidjan wurde im April der erste Hackathon abgehalten, sei Januar gibt es die erste Online-Universität des Landes.

»Das Digitale hat die neue Côte d’Ivoire geformt«, sagt Brou. Nicht nur Aktivisten sind ins Internet gezogen, sondern auch Wahlwerbung und Propaganda. Einige der großen Parteien kündigen ihre Versammlungen nur noch im Netz an. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen im Herbst dieses Jahres ist für Brou klar: Die Wahlen werden im Internet entschieden. Doch diesmal sind es nicht nur die Dissidenten und Regierungsgegner, die sich im Netz austauschen. Jedes Parlamentsmitglied, jeder Funktionär hat einen Online-Auftritt, die meisten haben einen Facebook-Account.
Wer aber hat überhaupt Zugang zum Netz, in einem Land, in dem das durchschnittliche Einkommen unter 1,50 US-Dollar am Tag liegt? Die Antwort überrascht, es sind erstaunlich viele. Auf dem Land rechnen Cashew-Bauern mit einer speziellen App den Weltmarktpreis für ihre Ware aus, bevor sie auf den Markt fahren. Winzige orangefarbene Büdchen zum Aufladen von Mobilfunkguthaben stehen an jeder Straßenkreuzung. Wer Geld überweisen will, braucht dafür in der Elfenbeinküste kein Bankkonto, sondern nutzt einfach eine App. Aufgeladen wird der digitale Geldbeutel mit Bargeld, das man bei einem speziellen Händler einzahlen kann. Gegen eine kleine Gebühr kann man das Geld an andere Handynutzer senden. Ausbezahlt wird wieder beim Händler.
Plötzlich sind Menschen an das Finanzsystem angeschlossen, die weit weg von der nächsten Stadt, der nächsten Bank leben. Das Zeitalter der stationären Computer hat Westafrika einfach übersprungen, alles findet auf Handys statt. Sie sind viel günstiger zu haben. Die digitale Revolution ist eine mobile und für fast alle erschwinglich.

Internet für alle, das ist auch der Traum von Bacely Yorobi, dem Gründer des Start-up »Social Spot«. Den »Tech-Evangelist« nennen sie ihn in Abidjan. Yorobi hat eine Mission, die auf den ersten Blick wahnsinnig klingt: freier Internetzugang für den ganzen afrikanischen Kontinent. Doch sein Pilotprojekt in der Côte d’Ivoire ist verblüffend. Social Spot funktioniert über Hot Spots im ganzen Land, in die die Menschen sich einloggen können. Je mehr es sind, desto stärker wird das Netz. Finanziert wird das ganze durch Werbung. Kleine Unternehmen können Werbeplätze auf der Website des Startbrowsers von Social Spot kaufen und damit lokale Zielgruppen ansprechen. Die Nutzer erhalten im Gegenzug freien Zugang zum Netz. Auch die Idee zu Social Spot wurde während der Regierungskrise 2010/2011 geboren.

»Ich hatte keinen Internetzugang in der Region, in der ich mich befunden habe, weit weg von Abidjan, wohin 3G (das internetfähige Mobilfunknetz, Anm. d. Red.) nicht reichte«, sagt Yorobi. »Damals habe ich festgestellt, dass Internet nicht nur verfügbar, sondern auch umsonst sein muss. Denn Internet bedeutet Zugang zu Information, zu Bildung, zum Bürgersein, aber auch zum Unternehmertum.« Vor allem ländliche Regionen können stark davon profitieren, wenn sie digital angeschlossen sind. Für viele der Cashew-Bauern war erst ihr Mobiltelefon ein Anreiz, richtig lesen und schreiben zu lernen.
Yorobi glaubt, dass der afrikanische Kontinent durch digitale Neuheiten auch wirtschaftlich aufschließen kann. Ein Mangel an Infrastruktur im 20. Jahrhundert hat nicht nur in der Côte d’Ivoire zu einem Vakuum geführt, in das jetzt die Innovationen der Digitalwirtschaft drängen. Auf dem ganzen Kontinent sprießen die Start-ups aus dem Boden. Eine neue Bewegung für den digitalen Zugang heißt »Code for Africa«.

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