Die Affenforschung muss enthumanisiert werden

Die Autonomie des Affenhirns

Versuche an Affen gehen davon aus, dass diese sich kaum von Menschen unterscheiden oder ihnen ähnlich gemacht werden können. Doch bleiben Affen Affen und die Versuche an ihnen können kaum etwas über das Funktionieren des menschlichen Organismus aussagen.

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Als Ende April diese Jahres bekannt wurde, dass der Hirnforscher Nikos Logothetis, Direktor des Max-Planck-Instituts (MPI) für biologische Kybernetik in Tübingen, seine Tierversuche an Affen aufgeben will, kam es zu zwei nur auf den ersten Blick entgegengesetzten Reaktionen. Die Tierversuchsgegner jubelten und die institutionell hochrangigen Neuro- und Hirnforscher reagierten beleidigt. Unter anderem auch, weil sie sich in ihrer »Forschungsfreiheit« durch die in diesem Fall erfolgreichen Aktionen der Tierschützer beeinträchtig sahen.
Ein Argument, dem man gerade im Tübinger Fall nur schwer folgen kann. Denn zum einen kann man die Floskel von der »Forschungsfreiheit« sowieso nur unbeschwert benutzen, wenn man noch nie etwas von Ideologiekritik gehört hat. Sinn ergibt sie nämlich nur, wenn man von einer extrem idealistischen Gegenüberstellung von Wissenschaft und Ideologie ausgeht. Tut man das nicht, sieht man in jeder Forschung auch den Anteil an Ideologie walten, der überall sonst ebenfalls eine Rolle spielt, sei es über Forschungs­gelder, politisch erwünschte Großforschungsprojekte oder auch nur die bestimmenden Faktoren einiger Karrierewege.

Im Fall der Tübinger Affenversuche kann man den Ideologieanteilsogar sehr deutlich, nämlich institutionell benennen. Dazu muss man den Fall nur kurz rekapitulieren. Angefangen hatte es mit schrecklichen Bildern von sedierten, aus entzündeten Wunden blutenden und sich übergebenden Affen aus dem Tübinger Labor, die im September 2014 in der Sendung »Stern TV« gezeigt wurden. Die Bilder waren authentisch, ihre Echtheit ließ sich nicht bestreiten, also verlangten auch die Behörden von der Tierschutzbeauftragen bis zum zuständigen Ministerium des Landes eine Prüfung der Haltungsbedingungen im Labor. Woraufhin das MPI, wie es in einer Presseerklärung mitteilte, einen »externen Experten« mit der Prüfung der Laborverhältnisse beauftragte. Dieser erklärte die Bedingungen für gut und sah kein Problem. Was, und darin liegt die Ideologie, auch kein Wunder ist. Der Experte – dessen Name hier nicht genannt werden muss, weil es nicht um Personalisierungen geht, sondern um das System der sogenannten Forschungsfreiheit – ist zum einen selbst Neurowissenschaftler. Zum anderen ist er eine führende Figur des »Deutschen Primatenzentrums in Göttingen« (DPZ). Das ist eine Institution, in der Primatenforscher aus allen Dis­ziplinen der Primatologie arbeiten und die sich seit Jahren tatsächlich darum bemüht, invasive, also in den Körper von lebenden Affen eingreifende Forschung, nicht weiter auszubauen, sondern zu reduzieren. Trotzdem verpflichtet sie Freiland- und andere Verhaltensforscher per Arbeitsvertrag, sich nicht öffentlich gegen invasive Affenversuche zu äußern. Eine Tatsache, die einem unvoreingenommenen Urteil über die Laborbedingungen entgegenstehen könnte. Man hätte in Tübingen zum Beispiel auch einen Freilandprimatologen beauftragen können, der dann mit höchster Wahrscheinlichkeit schnell hätte feststellen können, dass die Lebensbedingungen der Labor­affen überhaupt nichts mehr mit jenen von Affen im »Freien« zu tun haben.
Womit man mitten im Problem angekommen ist: Denn bei allen neurowissenschaftlichen Versuchen geht es ja genau darum, die Affen von ihrem Affesein zu entfernen. Es geht darum, sie dem Menschen ähnlich zu machen. Mit den Worten der Bundesforschungsminsterin Johanna Wanka: »Der Stand der Wissenschaft erlaubt heute keinen vollständigen Verzicht auf Tierversuche.« Wenn es um die Heilung menschlicher Krankheiten gehe, »um die Entwicklung von Therapien gegen Demenz, Parkinson oder Alzheimer, sind und bleiben vor der Anwendung am Menschen Tierversuche unerlässlich«, so Wanka.
Tierversuche, die natürlich nur Sinn ergeben, wenn man von einer Menschenähnlichkeit der Affen ausgeht, beziehungsweise die Möglichkeit unterstellt, sie menschenähnlich zu machen, indem man sie im Labor künstlich unter kaputten Bedingungen kaputtmacht. Und diese Menschenähnlichkeit der Affen hat die Biologie schließlich selbst hergestellt, auch weil sie nie zu einem wirklich autonomen Bild der Affen vorgedrungen ist.

Man kann sich heute mindestens 250 Arten der Ordnung der Primaten vom Koboldmaki über den Rhesusaffen bis zum Orang-Utan vorstellen und wird der Frage, was ein Affe ist, immer noch keinen Schritt näher gekommen sein. Und das liegt in der Natur der Sache. Denn so unterschiedlich kleine, nachtaktive Koboldmakis mit großen Augen und langem Schwanz, größere Rhesusaffen, die ihren Namen von einem auch beim Menschen vorkommenden Rhesusfaktor haben, und große, in Bäumen lebenden Orang Utans auch sind, als menschenähnlich empfunden werden sie alle und wurden sie schon lange.
Carl von Linné (1707–1778), der Begründer der modernen wissenschaftlichen Klassifikation, trug dem Rechnung, indem er die Gattung homo (Menschen) neben den Gattungen Simias (Affen), Lemur (Halbaffen) und Vespertilio (Fledermäuse) in der Ordnung der Primaten ansiedelte. Primaten, die im Deutschen auch als Herrentiere bezeichnet werden, heißt die Ordnung aber erst seit der zehnten Ausgabe der »Systema naturae« von 1758. Vorher hatte Linné die Ordnung als Anthropomorpha, die dem Menschen Ähnlichen, bezeichnet. Das war im 18. Jahrhundert gängig und ein Ausdruck der Ungewissheiten über die Unterscheidungen beziehungsweise Überschneidungen zwischen Menschen und Affen. Linné, der als besonders korrekt galt, war sich so unsicher, dass er bis zur zehnten Ausgabe der Gattung homo kein differenzierendes Adjektiv beigab, wie er es sonst tat, sondern nur die Forderung »Nosce te ipsum« (Erkenne dich selbst) zufügte. Erst in der zehnten Ausgabe macht er den Menschen zum homo sapiens, ohne allerdings den Ratschlag »Erkenne Dich selbst« zu streichen.
Giorgio Agamben, der in seinem Buch »Das Offene. Der Mensch und das Tier« die Geschichte von Linnés Benennung nachzeichnet, sieht in diesem dem Menschen gegebenen Epitheton eine tiefe Ironie Linnés, mit der er seinen Kritikern zuvorkommen wollte. Linné selbst war sich nämlich völlig im Klaren darüber, das seine Systematik den Unterschied zwischen Menschen und Affen verwischte. Agamben nennt dafür einen einleuchtenden Grund: Linné kannte Affen aus eigener Anschauung. Dabei habe er im von ihm gegründeten Zoo in Uppsala besonders zu einem Berber­affenweibchen eine intensive Beziehung unterhalten. Auch deshalb war es ihm unmöglich, Affen als seelenlose Automaten anzusehen. In einer Fußnote der »Systema naturae« benennt er dabei den Gegner. »Offenbar hat Descartes nie einen Affen gesehen«, schreibt Linné leicht angesäuert. Das Defizit empirischer Studien an Affen ist für Linné der Grund, der René Descartes dazu gebracht habe, Tiere als mechanische Automaten zu betrachten. Tiere, zumindest Affen, haben für Linné also eine Seele und damit auch geistige Fähigkeiten.
Wobei es für die aktuelle Auseinandersetzung um Tierversuche und Tierschutz an dieser Stelle nötig ist, Descartes zu präzisieren. Für Descartes war nämlich auch der menschliche Körper ein Automat wie der der Tiere. Den menschlichen Körper und seine Funktionen unterschied er nicht vom tierischen Körper. Für Descartes waren es allein die Seele und der Geist, die den Unterschied ausmachten. Dass er beides im menschlichen Gehirn zu lokalisieren suchte, ist gerade für die in Frage stehenden Untersuchungen an Affengehirnen von Bedeutung. Descartes hätte nämlich jede Untersuchung an Affen mit dem Zweck, Näheres über menschliche Bewusstseinsprozesse zu erfahren, abgelehnt. Einfach deshalb, weil er den Tieren Geist und Seele absprach. Man kann, und das ist ein bitterer Einschub, eben in der vorausgesetzten Ähnlichkeit von menschlichem und tierischem »Denken« einen Grund finden, Rhesusaffen in einen monkey chair zu setzen und ihnen den Kopf aufzubohren. Descartes jedenfalls taugt bei näherer Hinsicht nicht zum Bösewicht, zu dem ihn viele Tierrechtler machen wollen. Er wollte die Tiere Tiere sein lassen und den Geist Geist.

Aber zurück zu Linné. In seiner Gleichsetzung von Mensch und Affe kennt er keine Grenzen. Einem Kritiker, der das erkannte und Linné vorwarf, den Menschen nach dem Vorbild des Affen gestaltet zu haben, antwortete Linné: »Ich fordere Sie und die ganze Welt auf, mir aus der Naturgeschichte heraus eine spezifische Differenz zwischen dem Menschen und dem Affen aufzuzeigen. Ich kenne sie nicht.« Damit ging Linné weit über den Kenntnisstand seiner Zeit hinaus.
Die physische Differenz zwischen Menschen und Affen war seit der 1699 erschienenen Studie zur Anatomie einer Pygmäe von Edward Tyson bekannt. Tyson hatte darin einen Schimpansen, der als Pygmäe bezeichnet wurde, mit Menschen und Affen verglichen. Er hatte den aus Angola stammenden Schimpansen noch einige Zeit lebendig beobachtet, bevor er das Tier sezierte. Dabei kam er in seinen vergleichenden anatomischen Studien in 48 Punkten zu einer größeren Ähnlichkeit zwischen Schimpansen und Menschen als zwischen Schimpansen und Affen und fand nur 34 Merkmale, die für eine engere Beziehung zwischen Schimpansen und Affen sprachen. Auch wenn Tyson nicht so weit ging wie Linné, jede Verschiedenheit zwischen Affe und Mensch aufzuheben, hatte er mit seiner Forschung am Schimpansen Menschenaffen so weit in die Nähe des Menschen gerückt, dass der Übergang zwischen beiden »fließend« wurde. Erzählt wird das hier, um deutlich zu machen, dass die Unklarheiten in der Unterscheidung zwischen Affe und Mensch keine Folge der Darwinschen Evolutionslehre sind, sondern ein viel älteres Kennzeichen anthropologischen Denkens.
Die Unterscheidung zwischen Affe und Mensch gewinnt ihre Spezifität erst im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung der Humanwissenschaften und mit der Lehre Charles Darwins. »Der Affe in seiner sinnlichen Liebe ist ein Scheusal; er kann aber in seiner sittlichen Liebe manchen Menschen ein Vorbild sein«, schreibt der Darwin-Kenner Alfred Brehm in seinem »Thierleben«. Affen zählen für Brehm zu jenen Lebewesen, die die Menschen wegen ihrer »Unanständigkeit« kaum ertragen können. Eine Unterscheidung, die aber, wenn sich die Vorstellung von Anstand ändert, genauso schnell wieder aufgehoben werden kann, wie die Bezeichnung von Zwergschimpansen als »Kamasutra-Primaten« durch heutige Primatologen zeigt. Affen, und nicht nur Menschenaffen, haben es schwer, sich gegenüber Menschen in ihrer Autonomie zu behaupten. Das tut ihnen selten gut. So hat man Schimpansen, weil sie dem Menschen genetisch so ähnlich sind, mit HIV-Viren infiziert und in Hochsicherheitstrakte gesperrt. Ohne Sinn und Erfolg, denn Schimpansen erkranken nicht an Aids, können aber jeden Menschen mit dem Virus infizieren. Die Frage, was ein Affe ist, beantwortet die Wissenschaft spätestens seit Linné mit: Dem Menschen ähnlich. Es müsste jetzt allerdings darum gehen, zu fragen, was ein bestimmter Affe in seiner bestimmten Umgebung ist. Also darum, die Affenforschung zu enthumanisieren.