Ethnologie und Gender-Theorie

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Vom Abenteuer der Forschung und dem der Liebe erzählt Lily King im Roman »Euphoria«. Der Erzählton der im Neuguinea der dreißiger Jahre angesiedelten Geschichte ist ruhig, melancholisch und konzentriert. Ungewöhnlich ist die nahezu überspannte Beobachtungsgabe der Protagonisten in dieser immer heikler werden Dreiecksgeschichte. Womit wir auch gleich beim Thema des Romans wären: der Ethnologie, jener Dispziplin, die wie keine andere von der teilnehmenden Beobachtung lebt.
Der Roman orientiert sich an der Biographie der berühmten US-amerikanischen Ethnologin Margaret Mead, die im Buch allerdings Nell Stone heißt. Die Umbennenung ergibt auch Sinn. Denn vor allem das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Nell, ihrem Ehemann Fen und dem bei all seinen Forschungen schwer vereinsamten Briten Andrew Bankson ist rein fiktiv. Kraftvoll schildert King die kurzen Momente strahlender Euphorie, unmittelbar vor der totalen Erschöpfung, wenn aus monatelangem Nichtverstehen plötzlich Verstehen erwächst. Wie Mead will die kluge, bilderstürmende Nell Stone beweisen, dass tradierte Geschlechterrollen eben nicht naturgemacht sind. Dass auch sie unter typisch männlichen Machtansprüchen und der herrschenden westlichen Sexualmoral leiden muss, demonstriert beispielhaft die Kluft zwischen emanzipatorisch-wissenschaftlichem Anspruch und sozialer Wirklichkeit.

Lily King: Euphoria. Aus dem Englischen von Sabine Roth. C. H. Beck, München 2015, 262 Seiten, 19,95 Euro