Der gelungene NS-Aufarbeitungs-Film »Der Staat gegen Fritz Bauer«

Gegen alle

»Der Staat gegen Fritz Bauer« würdigt den Aufspürer Eichmanns.

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Deutsche Biopics mit Fernsehstarbesetzung laden in der Regel zum Gruseln ein. Setzt sich ein solcher Film auch noch mit NS-Verbrechen auseinander, wird der Fluchtreflex beinahe unwiderstehlich. Beide Kriterien erfüllt »Der Staat gegen Fritz Bauer« und ist trotzdem sehenswert, weil er weder Rühr- noch Verklärstück ist, weder abwiegelt noch heroisiert.
Fritz Bauer, geboren 1903, wurde 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft als Amtsrichter entlassen und kam kurzzeitig in KZ-Haft. Er ging ins Exil nach Skandinavien, kehrte 1949 nach Deutschland zurück und arbeitete bis zu seinem Tod 1968 als Generalstaatsanwalt unter anderem daran, NS-Verbrecher anzuklagen.
Der Film beginnt mit einem verbitterten Fritz Bauer. Statt für eine friedliche Zukunft interessieren sich die Bundesbürger für Kleinwagen und Eigenheime, von der Vergangenheit wollen sie nichts wissen und die Behörden sind durchsetzt von ehemaligen NS-Funktionären. Dann wird ihm ein Hinweis auf den Aufenthaltsort Adolf Eichmanns zugespielt. Den Logistiker des Holocaust will Bauer vor Gericht stellen – und viele Deutsche um ihren Schlaf bringen, denn Eichmann könnte ihre Namen nennen. Unterstützung findet Bauer keine, stattdessen wird er von den Sicherheitsbehörden überwacht. Er gelangt an die entscheidenden Informationen und leitet sie an den Mossad weiter, weil er zu Recht dem deutschen Staat misstraut.
»Der Staat gegen Fritz Bauer« hat eher dramatischen denn dokumentarischen Anspruch. Regisseur Lars Kraume (»Die kommenden Tage«) lehnt sich eng an die wegen einiger unbelegter Spekulationen kritisierte, 2013 erschienene Bauer-Biographie von Ronen Steinke an und stellt Bauer trotz dürftiger Quellenlage als Homosexuellen dar. Das mag Historiker ärgern. Weil somit aber die Homophobie der Nachkriegszeit verdeutlicht wird, gewinnt die Darstellung der Adenauer-Ära an Ekligkeit: »Der Jude, schwul?« entfährt es dem Oberstaatsanwalt einmal. In Mimik, Gestik und Sprachduktus brilliert Burghart Klaußner als Bauer und orientiert sich exakt an den bekannten Filmaufnahmen des Staatsanwalts. So wie Bauer als gelassen Getriebener charakterisiert wird, ist auch die Erzählgeschwindigkeit im Midtempo gehalten. Jenseits von Heroentum wird Bauer als energischer Mann gezeigt, der auch mal zaudert. Die Tätigkeit des Justiz- und Staatsapparats wird als systematischer Widerstand gegen alle Bestrebungen, die NS-Verbrechen zu verfolgen, dargestellt; und dies wird nicht – wie so oft – als bloße Verfehlung verharmlost. Versöhnungskitsch der Spätergeborenen mit der Elterngeneration findet sich in dieser Würdigung Bauers nicht. Und das ist für einen deutschen Film schon eine Leistung.