Eine Ausstellung über den amerikanischen Fluxuskünstler Terry Fox

Schnurren im White Cube

Wie der US-amerikanische Fluxuskünstler Terry Fox die Performance nach Europa brachte.

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Wer sich in die siebziger Jahre zurückwünscht, sollte in die aktuelle Ausstellung der Akademie der Künste in Berlin gehen. »Terry Fox: Elementary Gestures« gibt einen Überblick über das Werk des in Vergessenheit geratenen US-amerikanischen Künstlers Terry Fox (1943–2008), der, aus der Kunstszene der US-Westküste stammend, neben Joseph Beuys, Wolf Vostell oder Nam June Paik zu den wichtigsten Vertretern des Fluxus gerechnet wird. Fox wurde 1943 in Seattle geboren, ging als junger Mann nach Europa, um an der Accademia di Belle Arti in Rom Kunst zu studieren. Fox fühlte sich stets von der politisch-künstlerischen Avantgarde angezogen, er zog von San Francisco nach Amsterdam und verbrachte in den achtziger Jahren als DAAD-Stipendiat ein Jahr in Berlin. 1996 zog er ins Rheinland. Im Jahr 2008 starb er in Köln. Zwei beeindruckende Fotografien von Barbara Klemm zeigen den Künstler ein Jahr vor seinem Tod in seiner Wohnung.
Zu den Höhepunkten der Ausstellung, die Videos, Fotos, Performances, Klangkunst, Zeichnungen und Objekte präsentiert, gehört die Dokumentation seiner Arbeit »Defoliation« (Entlaubung), mit der er im Jahr 1970 auf drastische Art gegen den Vietnam-Krieg protestierte: Dem Künstler war gestattet worden, im University Art Museum in Berkeley eine Performance abzuhalten, allerdings wusste die Leitung des Museums nichts über den Inhalt und die Intention der Arbeit. Schauplatz war der Garten des Museums mit seinen seltenen Jasminpflanzen, die nur alle sieben Jahre blühen. Fox schritt ein Jahr, bevor sie wieder blühen sollten, zur Tat. Mit Flammenwerfern brannte er die Pflanzen großflächig ab. Die anwesenden Gäste, dem Begleittext zur Dokumentation zufolge »extrem reiche Leute und Unterstützer des Vietnam-Kriegs«, waren entsetzt. Fox erklärte den Leuten, wie bigott sei doch seien: Die chemische Entlaubung in Vietnam habe sie kaum interessiert, aber die Vernichtung einiger Blumen in einem Garten gelte als verwerflich. Wie die Museumsleitung reagiert hat, ist der Dokumentation nicht zu entnehmen.
In »Liquid Smoke« (1970) wirft Fox immer wieder Steine an eine Mauer und fotografiert den Staub in der Luft, den der Aufprall hervorruft. In vielen Straßenaktionen und prozessualen Skulpturen erkundet Fox ganz im Stil der Zeit mit vollem Körpereinsatz Räume, Ereignisse, Zustände, Alltägliches – so in der Arbeit »Hefe«: Da wird das Gesicht in eine Schale Hefe getunkt, auf dem Boden mit Hefe gemalt und Hefe an die Wände geschmiert; ein anderes Mal werden Seile durch einen Raum gespannt. In »Immersion« steht der Künstler vor den sanften Rauchschwaden einer Kerze und sieht mit seinen langen Haaren wie ein Mitglied der Byrds auf einem Plattencover aus den späten Sechzigern oder frühen Siebzigern aus. In »Action for a Tower Room« sitzt Terry Fox mit Gitarre in einem Turmzimmer und produziert Geräusche, die, so der Künstler, »nichts mit Musik zu tun haben« sollen. Manches ist aus der Retrospektive betrachtet unfreiwillig komisch. In »Isolation Unit« (1970) sperrt sich Fox mit Beuys in den Keller der Düsseldorfer Kunstakademie ein. Was die beiden Künstler da unten eigentlich gemacht haben, bleibt allerdings im Dunklen. Aus dem Tonmaterial dieses Events ist später eine Schallplatte entstanden, die man sich vermutlich nicht bis zum Ende anhören möchte. Mehrere Objekte widmete Fox dem 1986 verstorbenen Beuys: So zwei Spiegel mit rätselhaften wie eingebrannt erscheinenden Buchstaben (»Del ciclo del fuoco« , Der Zyklus des Feuers, 1986), die einem surrealistischen Film entstammen könnten.
Klang und Sprache sind wichtige Elemente in den erstaunlich vielfältigen Werk, das sich eindeutigen Zuordnungen entzieht. So hat Fox in den späten Achtzigern eine Installation entwickelt, mit der er versucht hat, die Geräusche nachzuahmen, die bei einem kleineren Erdbeben entstehen (»Instruments to be Played by the Movement of Earth«, 1987). Erfahrungen mit Erdbeben hatte Fox an der Westküste zu Genüge machen können. Man hörte das Geräusch von zerbrechendem Geschirr, zersprungenem Glas, herunterstürzenden Objekten und Feuerwehrsirenen.
In seinem Spätwerk hat Fox minimalistisch-strenge Objekte geschaffen, etwa die beiden schwarzen, spitz zulaufenden Kegel für die Arbeit »Cone of Silence« (2000) oder die an die Arbeiten von Bruce Nauman erinnernde Skulptur aus zwei ineinander verhakten Barhockern, die Gewalt und Chaos zu implizieren scheint. Naumans »Southamerican Triangle« von 1981 hat hier möglicherweise Pate gestanden: Mit seinem einzigen umgedrehten Stuhl in dem Dreieck, das Südamerika symbolisieren sollte, hatte der berühmte Kollege auf die Diktaturen in Südamerika und auf ihre unmoralische Unterstützung durch die US hingewiesen.
Fox hinterließ auch ein beachtliches zeichnerisches Werk. Eine streng formalistische Arbeit trägt den Titel »Shadow Drawings« und zeigt verschiedene Schattenformationen. Fox litt an einer Krebserkrankung und hatte nach einer Herzoperation eine Nahtoderfahrung. Seine surrealen Bildwelten scheinen diese zu spiegeln.
Das Leben in zwei Welten, in Amerika und in Europa, findet sich bei Fox auch in seinen Arbeiten wieder. So tragen manche deutsche Titel wie »Der Holzfäller«; eine abstrakte, im wahrsten Sinne des Wortes sperrig wirkende Holz-auf-Leinwand-Arbeit, der die Leichtigkeit anderer Arbeiten abhanden gekommen ist und die stark an Anselm Kiefer erinnert. In einer anderen Arbeit aus seiner Kölner Zeit widmet er sich dem Salz. Ob der Einfluss der deutschen Kunst auf Fox unbedingt gut gewesen ist, diese Frage ist noch nicht beantwortet worden.
Die wohl gelungenste Arbeit ist neben »Defoliation« eine frühe amerikanische. In »The Labyrinth Scored for the Purrs of 11 different Cats« (1977) betritt der Ausstellungsbesucher einen ungefähr fünf Meter langen und drei Meter breiten, komplett in weiß gehaltenen leeren Raum, in dem nur ein paar Lautsprecher an der Wand hängen – der Inbegriff des »White Cube«. Was man hört, sind die verschiedenen (verstärkten) Schnurrgeräusche von elf verschiedenen Katzen. Mal laut, mal leiser, mal wütend, mal zärtlich – grandios. Allein wegen des Labyrinths lohnt sich der Besuch von »Elementary Gestures«.

Terry Fox: Elementary Gestures. Akademie der Künste Berlin. Bis 10. Januar 2016