Der Film »A War«

Der Zuschauer als Komplize

Mit »A War« schickt Tobias Lindholm sein Publikum in ein ethisches Dilemma.

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Philosophische Gedankenexperimente sind keine Seltenheit im Film. Zuletzt präsentierte »The Philosophers – Wer überlebt?« mentale Versuchsanordnungen zum Thema und ließ Studierende im Angesicht der Atom­apokalypse über ethisch korrektes Sterben diskutieren. Größtenteils sind solche Spielereien dem Science-Fiction-Genre vorbehalten. Dem dänischen Regisseur Tobias Lindholm hingegen reicht die Realität völlig aus. Nach einem Gefängnisdrama und einem Film über somalische Piraten bildet in »A War« der Alliierteneinsatz in Afghanistan den Rahmen für das verfilmte ethische Dilemma.
Eine dänische Einheit ist auf Patrouille in einer von den Taliban kontrollierten Provinz. Ein Soldat tritt auf eine Mine und stirbt. Die Mannschaft kehrt traumatisiert ins Lager zurück, wo ihr Kommandant Claus Michael Pedersen versucht, sie psychisch wieder aufzubauen. Aber Pedersen ist selbst labil, er sehnt sich nach seiner Frau und den drei Kindern. Als ihn eine afghanische Familie um Schutz im Lager bittet, verneint Pedersen mit Hinweis auf die Vorschriften. Weil er die Verbrennungen der Tochter verarztet hatte, könnten die Taliban sie als Überläufer bedrohen. Er verspricht, ihnen am kommenden Tag zu helfen – und findet die Afghanen ermordet vor.
Das Dorf scheint menschenleer, doch den Soldaten wird eine Falle gestellt. Sie werden eingekesselt, geraten unter Beschuss, einer von ihnen wird schwer verletzt. Pedersen fordert Luftunterstützung an, obwohl er den Gegner nicht genau lokalisieren kann. Das Bombardement hilft der Einheit, sich zu retten. Später finden Ermittler elf tote Zivilisten, Pedersen wird wegen Kriegsverbrechens angeklagt, ihm droht eine lange Haftstrafe.
»Sie hätten gar nicht erst einmarschieren dürfen« oder »Kriege sind alle verbrecherisch« – solcherlei Schlussfolgerungen verbietet der Film und lässt offen, ob es sich um einen Kriegs- oder Antikriegsfilm handelt. Anders als die Klassiker »Platoon« oder »Apocalypse Now« stellt »A War« nicht die Brutalität des Krieges dar, der aus Menschen blutdurs­tige Barbaren macht. Stattdessen wird dem Zuschauer nahegelegt, sich in die Person des Protagonisten hineinzuversetzen, sich mit ihm zu identifizieren und sich die gleichen ethischen Fragen zu stellen: Soll Kommandeur Pedersen gegen das Recht verstoßen und Luftunterstützung anfordern? Oder sollen er und seine Soldaten besser das Risiko eingehen, getötet zu werden?
Die einfachen Lösungen interessieren Tobias Lindholm nicht. Auch seine zwei zuvor gedrehten Filme – in allen drei spielt der fabelhafte Pilou Asbæk die Hauptrolle – thema­tisieren Menschen in Konfliktlagen und setzen den Zuschauer unlösbaren Extremsituationen aus. In »R« (2010) sucht ein Gefängnisneuzugang nach seinem Platz in der Hafthierarchie. Unter dem unglücklich gewählten deutschen Titel »Hijacking – Todesangst … In der Gewalt von Piraten« (2012) leidet der Zuschauer mit einem Schiffskoch, der auf einem von somalischen Seeräubern gekaperten Schiff ums Überleben ringt. Als Autor hat Lindholm den Stoff für Thomas Vinterbergs preisgekrönten Film »Die Jagd« (2012) um einen zu Unrecht als Päderasten geächteten Kindergärtner bearbeitet.
Bei »A War« wird eine in Sekunden zu fällende Entscheidung zum ethischen Gedankenexperiment. Immer waren Filmemacher von den Möglichkeiten fasziniert, solche Fragestellungen zu inszenieren. »Matrix« (1999) und »Vanilla Sky« (2001) buchstabierten das sogenannte Gehirn-im-Tank-Experiment aus: Können künstlich versorgte Gehirne entscheiden, ob sie über reale Körper verfügen oder nur Gezücht eines Computers sind, der ihre Realität simuliert? Darf man potentielle Straftäter richten, bevor sie sich überhaupt schuldig gemacht haben (»Minority Report«, 2002) und können technische Apparate ein Bewusstsein entwickeln (»Dark Star«, 1974)? Lindholm formuliert das sogenannte Trolley-Problem, mit dem sich unter anderem die Philosophin Philippa Foot beschäftigte, neu: Eine außer Kontrolle geratene Straßenbahn fährt auf fünf Menschen zu. Eine Weichenstellung könnte ihre Leben retten, würde den Zug aber auf einen anderen Menschen zurasen lassen. Darf der Tod einer Person in Kauf genommen werden, um fünf Leben zu retten?
Kommandant Pedersen fehlt die Zeit, sein Dilemma abzuwägen, er handelt intuitiv und nimmt, selbst wenn er davon ausgeht, das Dorf sei verlassen, den Tod von Zivilisten in Kauf. Während des Prozesses lügt er – damit sich der Zuschauer trotzdem auf seine Seite schlägt, wendet Lindholm einige Kunstgriffe an. Einerseits zeichnet er den Kommandanten als sympathischen Ehemann und Vater, einen umsichtigen Mann, der sich um seine Einheit wie um die afghanische Zivilbevölkerung sorgt. Die Szenen seines Auslandseinsatzes werden mit den Alltagssorgen seiner temporär alleinerziehenden Frau überblendet. Der eine Sohn prügelt sich in der Schule, der andere schluckt versehentlich Tabletten und landet in der Notaufnahme, die Tochter verlangt nach mehr Aufmerksamkeit. »A War« erzählt auf fast intime Weise von Pedersens Beziehung zu seiner Familie und von den Freundschaften unter den Soldaten und spielt geschickt mit der Bruchlinie zwischen dem Fremden und dem Eigenen, emotionaler Nähe und Distanz.
Die Beschusssituation wird derart unübersichtlich dargestellt, dass auch dem Zuschauer nicht klar wird, welche Entscheidung die richtige wäre. Man sieht nicht, wo die Angreifer positioniert sind, hört dafür aber die Schreie des Schwerverletzten. Dass »A War« ästhetisch einem Dokumentarfilm nahekommt, verstärkt seine Wirkung: »Reality rules« nennt Lindholm seinen Regieansatz, möglichst wirklichkeitsnah zu inszenieren. Zu Recherchezwecken traf er Afghanistan-Veteranen, Angehörige von Soldaten, Verteidiger, einen Staatsanwalt und ehemalige Taliban.
In den Afghanistan-Szenen werden außer Pedersen und zwei Truppenmitgliedern alle Militärs von Ex-Soldaten gespielt, die Bewegungen und der Kommandosprech verstärken die dokumentarische Wirkung. Der Regisseur selbst will zum Beobachter werden – und konfrontiert die Zuschauer mit den Wirrnissen der Realität. Aus Kommandant Pedersens Situation gibt es keinen Ausweg, man kann sich mit ihm nur falsch entscheiden. Lindholms Methode ist zwar anmaßend, weil er den Betrachtern den inneren Konflikt förmlich aufzwingt. Aber es ist auch klug, weil es entlarvend ist: Man ringt mit seinen eigenen ethischen Positionen, die sich aus der Distanz stets felsenfest unverrückbar anfühlen.
»A War« (DK 2015). Regie: Tobias Lindholm. Darsteller: Pilou Asbæk, Tuva Novotny, Dar Salim. Filmstart: 14. April