Die Ermittlungen gegen den islamistischen Mörder eines französischen Polizistenpaars

Fast Food vom Islamisten

Der islamistische Attentäter, der vorige Woche ein Polizistenpaar nahe Paris ermordete, war zuvor bereits in islamistischen Gruppen tätig und wegen Terrorismusverdachts in Haft gewesen. Die französischen Behörden wurden dennoch von dem Anschlag überrascht.

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Hätte man die Gefahr früher erkennen, den Mann früher dingfest machen können? Solche und ähnliche Fragen tauchten auf, als sich herausstellte, dass der Täter polizeibekannt und bereits als »terrorismusverdächtig« eingestuft war. Dennoch gilt es unter sachlich argumentierenden Beobachtern mittlerweile als unwahrscheinlich, dass man präventiv hätte zugreifen können. Der 25jährige Larossi Abballa ermordete am 13. Juni ein Polizistenpaar in Magnanville, einem Dorf rund 35 Kilometer westlich von Paris, in dem vor allem höhere Angestellte, Polizisten und Militärangehörige in ländlicher Atmosphäre leben. Abballa verschanzte sich mit dem dreijährigen Kind der beiden Ermordeten, Jean-Baptiste Salvaing und Jessica Schneider, und verhandelte per Telefon mit der Eliteeinheit der französischen Gendarmerie, dem RAID. Nachdem diese ihn nicht davon hatte überzeugen können, sich zu ergeben, kam es zum Zugriff. Abballa starb, das Kind blieb unverletzt.
Abballas Eltern kommen aus Marokko, sein Vater ist ein verrenteter ehemaliger Automobilarbeiter. Larossi Abballa wurde 1991 in Meulan geboren, in der Nähe von Mantes-la-Jolie und Magnanville. Er besaß ausschließlich die französische Staatsbürgerschaft und wuchs in der Hochhaussiedlung Les Musiciens im ebenfalls nahegelegenen Les Mureaux auf. Es ist ein Sozialbaughetto, nur einige Meter von der Autobahn Paris-Normandie entfernt. Die Mehrheit der Einwanderer im Großraum von Mantes-la-Jolie bis zum 50 Kilometer westlich gelegenen Dreux hat in der Industrie gearbeitet, die Gegend gilt heutzutage als sozialer Brennpunkt. Allein in den vergangenen zehn Jahren wurden hier 60 000 Arbeitsplätze abgebaut. Der Schwund der Industriearbeit und der damit verbundene Niedergang von Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei hinterließen ein soziales und politisches Vakuum, das mittlerweile unter anderem von islamistischen Gruppen salafistischer oder jihadistischer Ausrichtung gefüllt wird. Mit ihnen konkurrieren Jugendgangs und Gruppen der organisierten Kriminalität, dazwischen versuchen auf örtlicher Ebene Bürgerinitiativen Fuß zu fassen. Die Lokalregierungen betreiben häufig klientelistische Politik: Für Wohlverhalten gewähren sie ABM-Maßnahmen, einzelne kommunale Arbeitsplätze, Sozialwohnungen oder Subventionen für Unternehmensgründungen.
Von diesen Subventionen hatte auch Abballa profitiert. Er gründete 2015 das Fastfood-Unternehmen »Dr. Food«. In den Hochhaussiedlungen von Les Mureaux war er als Burger-Lieferant gefragt und machte sich vor allem durch die Verteilung kostenloser Getränke oder Desserts beliebt.
Unter dem Anti-Terror-Strafrecht war er bereits verurteilt worden. Nach seiner Festnahme am 14. Mai 2011 saß er über zwei Jahre in Untersuchungshaft. Als er im September 2013 rechtskräftig verurteilt wurde, hatte er den Großteil seiner dreijährigen Haftstrafe bereits abgesessen. Das Gericht stufte ihn als islamistischen Mitläufer ein. Nach den üblichen Regeln für vorzeitige Entlassung kam er nach dem Urteilsspruch frei. In den Jahren 2010 und 2011 hatte er zum Umkreis einer kleinen Gruppe um Charaf-Din Aberouz gehört, der als eine Art Guru auftrat. Der mittlerweile 29jährige Aberouz und sein 27jähriger Anhänger, Saad Raj­raji, wurden am Samstag in Untersuchungshaft genommen, sie werden beschuldigt, in jüngster Zeit zusammen mit Abballa eine »terroristische Vereinigung« gebildet zu haben. Mittäterschaft beim Doppelmord in Magnanville wird ihnen bislang jedoch nicht vorgeworfen.
Den Ermittlungsbehörden und der Presse zufolge habe Aberouz vor dem Auffliegen seiner Gruppe im Frühjahr 2011 Übungen in einem Waldstück abgehalten, bei denen die Teilnehmer lernten, Hasen die Kehle durchzuschneiden. Dem Wochenmagazin Le Nouvel Observateur zufolge soll Aberouz, als er das erste Mal der Schlachtung eines Tiers beiwohnte, so entzückt gewesen sein, dass er erzählte, er wolle Arbeit in einem Schlachthof suchen. Möglicherweise handelt es sich bei ihm um einen Sadisten, der einen ideologischen Rahmen für seine Neigungen suchte. Raj­raji, der zusammen mit Abballa im selben Hochhaus aufwuchs, eignete sich Islamkenntnisse an, die er als Versatzstücke für seine Propaganda einsetzte. Er soll vor allem auf Jüngere einen starken psychologischen Einfluss besessen haben.
Im Februar 2011 flog Aberouz nach Pakistan, wurde dort jedoch von den Behörden festgesetzt und abgeschoben. Abballa behauptete zwar, ebenfalls mit der Gruppe im Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan »gegen die Amerikaner« kämpfen zu wollen, trat die Reise aber nie an. Als eher zweitrangiges Gruppenmitglied eingestuft, radikalisierte er sich in der Haft. Aus dem Gefängnis wird über ihn berichtet, er habe sich dort vollständig in seiner jihadistischen Ideologie eingeschlossen. Er lehnte Fernsehen in seiner Zelle ab – »wegen der ganzen Lügen« –, versuchte, Kampagnen gegen das Halal-Essen in der Haftanstalt zu initiieren, da es den religiösen Vorschriften nicht genüge, und legte sich mit dem für Häftlingsbetreuung zuständigen Imam an. Ihm warf er »falsche Lehren« vor. Nach seiner Entlassung provozierte er auch eine körperliche Auseinandersetzung mit einem Salafisten, der zum quietistischen Flügel dieser Strömung gehörte, welcher auf Gewaltlosigkeit und Missionierung durch »gute Taten« setzt.
Abballa hatte vor seiner Haftzeit fünf Jahre lang eine Freundin, mit der er gebrochen hat, die sich jedoch anonym im Radiosender France Info äußerte. Sie schilderte einen jungen Mann, der sich im Laufe der Jahre radikal verändert habe. Zunächst sei er völlig unreligiös und vor allem an Partys interessiert gewesen, nie habe er Anstoß an ihrer knappen Kleidung oder ihren zerrissenen Jeans genommen. Doch dann habe der Islam allmählich den wichtigsten Platz in seinem Leben eingenommen. Die junge Frau gab ferner an, Abballa sei sich dessen bewusst gewesen, dass sein Telefon abgehört wurde. Dies erklärt, warum die Behörden keine Hinweise auf die geplante Tat hatten.
Abballa handelte am 13. Juni zwar allein, doch offenbar nicht isoliert, denn nach Angaben der Justizbehörden hatten zwei mutmaßliche Komplizen ebenfalls Polizeibeamte in der Nähe ausgespäht. Der Täter nahm ein 13minütiges Video im Wohnhaus des von ihm getöteten Polizistenpaars auf. Elf Minuten davon wurden vom »Islamischen Staat« (IS) ausgestrahlt, dessen Anführer Abu Bakr al-Baghdadi Abballa drei Wochen vor der Tat die Gefolgschaft geschworen haben will. Das Wochenmagazin L’Express konnte die fehlenden 90 Sekunden des Videos sichten. Der Zeitschrift zufolge schnitt der IS Szenen heraus, in denen Abballa sein Zurückschrecken vor dem sich abzeichnenden eigenen Tod zu erkennen gibt, aber auch den Beweis, dass er das dreijährige Kind der beiden Ermordeten verschonte. Dies sei den IS-Kadern wohl als Zeichen von Schwäche erschienen.
Ende voriger Woche gab es mehrere Demonstrationen und Gedenkmärsche mit Tausenden Teilnehmern. Rund 3 000 Polizisten gedachten der beiden Opfer, an anderer Stelle auch rund 4 000 Muslime aus dem Raum Mantes-la-Jolie.