Der V-Mann Ralf Marschner und seine NSU-Verstrickungen

Der Primus kam davon

Ralf Marschner war eine Größe im Nazimilieu und ein V-Mann. Wie nahe er dem NSU stand, wird erst allmählich deutlich.

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Ralf Marschners Lebenslauf liest sich wie die klassische Karriere eines Neonazis. 1991 fiel der damals 20jährige erstmals auf, als er mit etwa 100 weiteren Skinheads ein Flüchtlingsheim in Zwickau niederbrannte. Marschner sang damals in der Band »Westsachsengesocks« und veranstaltete Rechtsrockkonzerte. 1997 eröffnet er in Zwickau den rechten Treffpunkt »The Last Resort« und 2005 das Modegeschäft »Heaven & Hell«. Marschner unterstützte den FSV Zwickau als Mitglied der Hooligangruppe »HooNaRa« – eine Abkürzung für Hooligans, Nazis, Rassisten. Über 40 Anzeigen, unter anderem wegen Diebstahls, Körperverletzung, des Verwendens verfassungsfeindlicher Kennzeichen und Volksverhetzung, sammelte er über die Jahre an.
Doch Marschner war nicht nur Geschäftsmann und eine Größe im Nazimilieu. Von 1992 bis 2002 war er auch V-Mann des Verfassungsschutzes. Unter dem Decknamen »Primus« soll er über Jahre eine der wenigen wertvollen Quellen gewesen sein, die die Behörde in Ostdeutschland hatte. Die Zusammenarbeit mit Marschner habe der Verfassungsschutz trotz der zahlreichen Straftaten des Mannes jedenfalls nicht beenden wollen, da sie lediglich rein »szenetypisch« gewesen seien, so der V-Mann-Führer mit dem Tarnnamen »Richard Kaldrack« vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags.
Es gibt immer noch einen offenen Haftbefehl gegen Marschner – aus dem Jahr 2012 wegen Insolvenzverschleppung im Fall seines 2007 in Konkurs gegangenen Modegeschäfts. Dabei ist es kein Geheimnis, dass der Neonazi sich damals in die Schweiz absetzte und mittlerweile von dort aus ein Antiquitätengeschäft in Liechtenstein betreibt. Zur »Nachsorge« stand Kaldrack noch bis 2013 in Kontakt mit seinem ehemaligen V-Mann.
Marschner gehört somit zu den insgesamt 372 rechtsextremen Straftätern, gegen die 466 Haftbefehle bisher nicht vollstreckt wurden (Jungle World 3/16). Viele Täter werden nur wegen leichterer Delikte wie einfachen Diebstahls oder Schwarzfahrens gesucht. Die Staatsanwaltschaft Chemnitz sagte der Welt, dass die Höhe der Geldstrafe von 4 500 Euro, die Marschner noch zu zahlen habe, nicht ausreiche, um ein Auslieferungsersuchen an die Schweiz zu stellen.
Brisant ist das vor allem, weil der Neonazi nicht nur zehn Jahre lang als V-Mann für den Verfassungsschutz tätig war. Er pflegte auch Kontakte zu Mitgliedern des NSU. Neben den szenetypischen Etablissements unterhielt der Geschäftsmann auch den »Bauservice Marschner«, eine Firma, in der er sehr wahrscheinlich von 2000 bis 2002 das mutmaßliche NSU-Mitglied Uwe Mundlos beschäftigte. Das legt eine Vernehmung nahe, die die Schweizer Staatsanwaltschaft zusammen mit dem Bundeskriminalamt im Jahr 2013 veranlasste. Marschner gab damals vor Beamten zu, in seiner Baufirma einen gewissen Max-Florian Burkhardt angestellt zu haben. Mundlos war zum fraglichen Zeitpunkt im Besitz gefälschter Papiere auf diesen Namen. Der offene Haftbefehl kam während des Verhörs in der Schweiz nicht zur Sprache. Zwar waren die Beamten des Bundeskriminalamts nicht wegen der Verfolgung einer Insolvenzverschleppung angereist. Über das Fahndungssystem Inpol hatten sie aber Kenntnis vom Haftbefehl.
Auch der ehemalige Bauleiter des Neonazis, Arne Andreas E., sagte in der jüngsten Sitzung des NSU-Untersuchungsausschusses, er als Vorarbeiter habe Mundlos zur betreffenden Zeit auf Baustellen der Firma in Zwickau und Plauen gesehen. Am Tag der NSU-Morde in Nürnberg und München im Sommer 2001 mietete Marschners Unternehmen zudem zwei Fahrzeuge an, die einen zu den Strecken zu den Tatorten passenden Kilometerstand aufwiesen. »Es zeigt sich immer klarer, dass man seitens der Sicherheitsbehörden die Marschner-Spur viel zu schnell beiseitegelegt hat«, fasste Irene Mihalic (Grüne) die Ergebnisse nach der Sitzung des NSU-Ausschusses zusammen. »Wir werden zu klären haben, ob das Bundesamt für Verfassungsschutz Einfluss genommen hat und dafür sorgte, dass man der Rolle Marschners für den NSU-Komplex keine besondere Aufmerksamkeit schenkte«, so die Abgeordnete.
Ob Marschner auch Kontakt zu Beate Zschäpe hatte, konnte in der jüngsten Sitzung des NSU-Untersuchungsausschusses nicht vollständig aufgeklärt werden. Marschners ehemaliger Geschäftspartner Ralph M. will Zschäpe mehrmals im Modegeschäft »Heaven & Hell« gesehen haben. Arne Andreas E. sagte vor dem Ausschuss zunächst aus, dass Zschäpe in dem Laden gearbeitet habe, relativierte seine Aussage dann aber, weil Katrin B., eine ehemalige Angestellte Marschners, ihm in der Pause ein Foto einer ihrer Freundinnen gezeigt habe, die Zschäpe sehr ähnlich sehe. Katrin B. zufolge sah ­Zschäpe ohnehin nicht »deutsch« genug aus, um im »Heaven & Hell« zu arbeiten. An den Tag, an dem Marschner sich umständlich über Irland und Österreich in die Schweiz abgesetzt hatte, erinnerte sich Katrin B. jedenfalls ganz genau: Bis zum 22. April 2007 sei Marschner noch auf einer Tattoo-Messe in Frankfurt gewesen und in der darauffolgenden Woche plötzlich verschwunden. Es war dieselbe Woche, in der in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet wurde.
Das mag Zufall sein. Trotzdem liegt der Verdacht nahe, dass Marschner in seiner Zeit als V-Mann selbst in die Machenschaften des NSU verwickelt war. Wie die Welt am Sonntag berichtete, liegen der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe über ein Dutzend Zeugenaussagen zu Marschners Tätigkeit als V-Mann vor. Sie könnten Aufschluss über Marsch­ners Rolle im NSU geben, doch sie werden geheimgehalten und in einem gesonderten Ermittlungsverfahren untersucht. In diesem sogenannten Strukturverfahren gegen Unbekannt ermittelt die Bundesanwaltschaft in zahlreichen Fällen im Umfeld des NSU, so auch in Marschners, unter striktem Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Geheimniskrämerei geht weiter.