Verrückt ist das neue Normal. Über Amok, Terror und Politik

Verrückte Welt

Die Suche nach individuellen Ursachen für Amokläufe und Terroranschläge geht zwangsläufig fehl.

Anzeige

Woher kommt all der Wahnsinn? Vielleicht aus dem Radio, aus dem die zwanghaft gut gelaunten Sprecher zwischen austauschbaren Musikstücken und Werbeblöcken einen mit den stets gleichen Botschaften anschreien? Arbeit scheiße, Wochenende super, endlich Sommer, Bombenanschlag, das Leben ist schön, yeah! Vielleicht aus den Tiefen des Mittelmeers, wo die Leichenberge inzwischen den Riffen Konkurrenz machen und an dessen Ufern Touristen in der Sonne braten, als sei alles ganz in Ordnung? Vielleicht von all der Beschleunigung? 24/7 online, immer erreichbar, immer auf Abruf, manisches Zappen zwischen Fernsehsendern und noch bevor der erste Tropfen Blut zu Boden fällt, empörte Tweets, wo denn der Livestream bleibe, und hopp hopp hopp, das muss flotter gehen, faule Bande! Vielleicht aus den Flüchtlingslagern, wo sich Menschen erst selbst verletzen müssen, um psychologische Hilfe zu bekommen, die dann meist darin besteht, dass bestenfalls ein Psychiater irgendwelche Tabletten verschreibt, denn eine richtige Trauma­therapie oder Vergleichbares ist zu teuer und »unsere Leute« kriegen das ja auch nicht und überhaupt: Die sollen sich mal nicht so ­haben! Vielleicht von der Religion, der alle politischen Kräfte überall so hohen Respekt zollen, obwohl alle »Heiligen Bücher« sich so lesen, als wären sie von irrsinnigen Drogenfreaks geschrieben worden, die auf Sex, Gewalt und Sadismus fixiert waren?
Vielleicht … ach, es ist müßig. Es ist eine verrückt eingerichtete Welt, in der man sich umso stärker an die vermeintliche Normalität klammert, je schneller diese Normalität zwischen den Fingern zerrinnt und je deutlicher sich bewahrheitet, dass es »kein richtiges Leben im falschen« (Adorno) gibt. Blindwütig wird nach individu­ellen Ursachen für Amokläufe und Terroranschläge gesucht und dabei der Elefant im Zimmer ignoriert. Laut wird »Islam« und ­»Depressionen« gerufen, obwohl man doch fragen müsste: Warum schließen sich Kids in Europa der jihadistischen Strategie des ­»Islamischen Staats« an? Wie werden depressive Kids zu Amokläufern? Der Kreis des Wahnsinns schließt sich, wenn Politikern als Reaktion auf die Bedrohung durch Menschen, die an dieser Welt innerlich so kaputtgehen, dass sie als einzigen Ausweg Mord und Selbstvernichtung sehen, nichts anderes einfällt, als mit Repression zu antworten, deren Charakter ebenso beschränkt, bewusstlos und verengt ist wie die Gedankenwelt der Täter.
Anders gesagt: Pray for Munich? Pray for Orlando? Haut ab mit ­Eurer Beterei! Und nehmt dabei gleich das autoritäre Gesindel mit, das nach Blutrache und Internierungslagern schreit und damit der Strategie der Terroristen auf den Leim geht. Während alle Welt versucht, den Terrorismus und andere Formen extremer Gewalt als unverständlichen Wahnsinn von einer angeblichen Normalität abzuspalten, laufen diejenigen, die für die direkte Aktion zu auto­ritär ticken, in den Wahlkabinen Amok und wählen Figuren wie Trump, Erdoğan, Le Pen, Orbán, Petry und Gauland, die objektiv nicht alle Karten im Deck haben und ganz offen die irrsinnigsten Taten ankündigen. Verrückt ist das neue Normal, was freilich nur diejenigen überrascht, die in den vergangenen Jahrzehnten kein einziges gutes Buch in die Hand genommen haben und blind und blöd durchs Leben taumeln. Der Wahnsinn kommt von einer Welt, die an ihren Widersprüchen zerbricht, weil sie wortwörtlich ums ­Verrecken nicht einsehen mag, dass die Reduktion allen Seins auf den Warencharakter und das gleichzeitige Hätscheln irrationaler Ideologien nirgendwo anders hinführen können als in einen Abgrund, dessen Tiefe die meisten noch gar nicht erahnen.