Die Verfilmung des Jugendromans »Tschick« kommt nicht an die Vorlage heran

Die Qual der Adoleszenz

Sechs Jahre nach der Veröffentlichung von Wolfgang Herrndorfs bewegendem Roman »Tschick« hat der Regisseur Fatih Akin den Bestseller verfilmt. Dem Buch wird er nicht gerecht.

Anzeige

Auf die erste richtig gute Szene muss man knapp 50 Minuten warten. Selten sah ein Windrad im Nirgendwo der deutschen Provinz auf der Leinwand so poetisch aus. Am Fuß des rotierenden Kolosses kauern sich zwei Jungs aneinander, Maik und Tschick, zwei Teenager auf einem Roadtrip ohne Ziel und Plan. Viel mehr als ihre Schlafsäcke haben sie nicht mehr. Den geklauten Lada haben sie auf der Flucht vor der Polizei im Wald versteckt. Die Sterne leuchten, über ihnen rotieren die Flügel, ihre Bäuche sind leer, die nervigen Eltern weit weg, um sie herum ist es finster. Es ist eine der Schlüsselszenen in Fatih Akins Verfilmung von »Tschick«, ein Moment zarter Innigkeit, in dem man erahnt, wie essentiell diese Freundschaft für die beiden Außenseiter ist.
Wolfgang Herrndorfs 2010 erschienenen Roman zu verfilmen, war ein Wagnis. »Tschick« ist ein Bestseller, hat sich bislang über zwei Millionen Mal verkauft und gilt längst als Kultbuch. Die Bühnenfassung des Road­trips war das beliebteste Stück in der Theaterspielzeit 2014/2015, er wurde in 24 Sprachen übersetzt und ist ein Standardwerk an deutschen Schulen – mehr Superlative gehen eigentlich nicht. Eine Erzählung in der Tradition von Jugendbuchklassikern wie J. D. Salingers »Der Fänger im Roggen« oder Mark Twains »Die Abenteuer des Tom Sawyer«, die am Ende der Nullerjahre einen Nerv bei so vielen Menschen traf.
Herrndorf erzählt die berührende und universelle Coming-of-Age-Geschichte eines 14jährigen Außenseiters, der in einem seelenlosen Bungalow in Berlin-Hellersdorf lebt, in der Schule als »Psycho« beschimpft wird und unter seinem dysfunktionalen Elternhaus leidet. Geld ist im Überfluss vorhanden, aber was nützt das, wenn die Mutter sich besäuft und der Vater ihm in die Fresse haut? Es geht um Einsamkeit, Identitätssuche, Minderwertigkeitskomplexe, Selbsthass, unerwiderte Teenagerliebe, kurz, das ganze grausame Panoptikum der Adoleszenz. Für Akin liegt der Reiz der Geschichte darin, dass »wir ein archaisches Bedürfnis nach der Jugend haben«, wie er in einem Interview in der ZDF-Sendung »Aspekte« sagte.
Es hat lange gedauert, bis der Regisseur den Zuschlag für die Verfilmung bekam. Bereits 2010 bemühte er sich um die Filmrechte – noch zu Lebzeiten Herrndorfs also, der sich 2013 das Leben nahm. Akins Bestrebungen blieben zunächst erfolglos. Zwischendrin übernahm David Wnendt (»Kriegerin«, »Feuchtgebiete« und »Er ist wieder da«) das Projekt, mit ihm gab es bereits eine erste Drehbuchfassung. Doch letztlich machte Akin das Rennen. Der hatte nach eigenem Bekunden keine leichte Phase vor den Dreharbeiten: Er durchlitt eine künstlerischen Krise. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass man eine andere Seite des Regisseurs kennenlernt. Es bleibt wenig übrig von der schonungslosen Härte seines besten Films »Gegen die Wand« oder den politischen Ambitionen seines weniger gelungenen Werks »The Cut« über den Genozid an den Armeniern.
Trotz seiner vielfältigen Filmographie ist »Tschick« neues Terrain für Akin, hat er doch nun erstmals einen Roman für die Leinwand adaptiert. Ein Vorgehen, das viele Fallstricke birgt: Man denke nur an Walter Salles‘ verkorkste Verfilmung von Jack Kerouacs »On the Road« (2012). Nicht umsonst ist »Der Fänger im Roggen« bislang trotz einer Reihe von Anwärtern nicht verfilmt worden.
Selbstverständlich sitzt man einem Irrtum auf, wenn man von einer Literaturverfilmung erwartet, dass sie sich sklavisch an die Vorlage hält. »Ein Film darf nie nur der bebilderte Roman sein«, hat Akin kürzlich selbst in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt. Wer das Buch gelesen hat, weiß, wie aussichtslos es wäre, mit filmischen Mitteln den inneren Monolog Maiks, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, wiederzugeben.
Im Film wird der Off-Text von Maik erzählt, aber es ist nur eine eingedampfte Version des Romantextes. Und das ist eines der Probleme dieses Films: Die Identifikation mit der Gefühlswelt des Helden, die im Buch hervorragend funktioniert, fällt im Film schwer. Der Grund: Akin hat das Geschehen straff reduziert, etliche Charaktere fallen weg, der Konflikt mit den Eltern wird nur am Rande gestreift. Man vermisst die Tiefgründigkeit der Vorlage. Wo im Buch ein intensives Eintauchen in die Geschichte möglich war, kratzt der Film nur an der Oberfläche.
»Tschick« ist dennoch ein leichtfüßiger, durchaus unterhaltsamer Film geworden, charmant im liebevollen Blick auf seine Helden, aber eben auch immun gegen jegliche Doppeldeutigkeit. Er ergründet fluffig und ohne fatalistische Schwermut einmal mehr das unerschöpflich variierte Filmsujet der Teenage Angst. Es gibt keine Metaebene, keine Leerstellen: Dieser Film meint, was er sagt, analysiert und psychologisiert nicht. Ohne Zweifel steckt auch diese Interpretation in der Buchvorlage. Herrndorfs Ich-Erzähler ist zwar ein Leidender, aber jemand, dessen Überlebenstrieb stark ausgeprägt ist. Ein Junge, der seine desolate Situation mit stoischer Ironie kommentiert.
Tristan Göbel spielt Maik überzeugend als schüchtern-sensibler Eigenbrötler mit Oberlippenflaum und strähniger Grunge-Frisur. Mit trockenem Humor lässt er eine Blamage nach der anderen an sich abprallen, wenn ihn etwa sein Lehrer nach dem Vortrag eines schonungslosen Aufsatzes über seine Trinker-Mutter abkanzelt. Aus seinen Prüfungen geht Maik als Gereifter, nicht als Gescheiterter hervor.
Tschick ist dagegen zu harmlos ausgefallen. Anand Batbileg erinnert kaum an den im Buch beschriebenen 14jährigen russischen Spätaussiedler-»Assi«: kantiger Schädel, Schlitze statt Augen, an den Füßen unförmige Schuhe wie tote Ratten. Die grundverschiedenen Milieus – Unterschicht versus Neureiche – aus denen Maik und Tschick stammen, spiegeln sich leider nicht in ihrer Sprache wider. Zu wenig Sorgfalt wurde stellenweise auf die Authentizität der Dialoge gelegt.
Ein sparsamer dosierter Einsatz von Musik hätte dem Film ebenfalls gutgetan. Die permanente Beschallung vieler Szenen mit dem gegenwärtigen who is who der deutschen Musikszene mit Bands wie K.I.Z, Beginner oder Seeed erweckt stellenweise den Eindruck eines auf gute Laune getrimmten Musikvideoclips, ja, wirkt wie ein anhaltender Versuch, krampfhaft Stimmung zu erzeugen: Wenn der Lada zu Bilderbuchs Elektropop »Willkommen im Dschungel« durchs Maisfeld brettert, fühlt man sich überfordert, aber nicht berührt angesichts dieser banalen Emotionalisierung.
Akin hat einen Film gemacht, der sich in seinem Schwarzweißschema an eine jugendliche Zielgruppe richtet. Das ist legitim. Ein bedeutender Film, der sich in das Genre großartiger Teenagerfilme einreiht – man denke nur an François Truffauts Meisterwerk »Sie küssten und sie schlugen ihn«, in dem Jean-Pierre Léaud ebenfalls einen 14jährigen verkrachten Teenager namens Antoine Doinel spielte – ist dabei aber nicht herausgekommen.
Tschick (D 2016). Regie: Fatih Akin. Darsteller: Anand Batbileg, Tristan Göbel, Nicole Mercedes Müller. Filmstart: 8. September