Die Evakuierung des syrischen Darayya und die Hilflosigkeit der Uno

Vereintes Nichts

Mit der Evakuierung von Darayya ist ein weiterer menschen­leerer Ort an das syrische Regime gefallen, von ethnischer Säuberung wird dabei aber nicht gesprochen. Die Uno agiert hilflos.

Anzeige

Darayya, ein Vorort von Damaskus und einer der seit Jahren von den Truppen Bashar al-Assads belagerten Städte, ist vergangene Woche von seinen letzten Bewohnern und den Rebellen, die den Ort verteidigt haben, geräumt worden. In Darayya hat es aller Wahrscheinlichkeit nach bereits Giftgasangriffe gegeben und im Sommer 2012 ein Massaker mit Hunderten von Toten, aber schluß­endlich wurden die Menschen ausgehungert. Auch der einzige Uno-Hilfskonvoi, der nach langem Hin und Her Anfang Juni in die Stadt gelangte, war nur ein Schachzug im mörderischen Taktieren des Assad-Regimes. Stunden nachdem die Uno Darayya wieder verlassen hatte, hagelte es Bomben auf den belagerten Ort.
Die Kämpfer haben mit dem syrischen Regime immerhin freies Geleit vereinbaren können, auch für die sunnitische Bevölkerung. Man hätte das Ganze deutlich als ethnische Vertreibung klassifizieren müssen. Das Regime Assads kontrolliert nun einen weiteren menschenleeren, zerstörten Ort, der aber frei von Sunniten ist – darum geht es Assad und seinen Verbündeten. Die Uno war an den Verhandlungen zur Räumung des Ortes nicht beteiligt und ihre Reaktionen spiegeln die Bedeutungslosigkeit des Uno-Einsatzes für Syrien sowie das Entsetzen der Organisation über die eigene Hilflosigkeit wieder: Der vom Geschehen in Darayya offensichtlich überraschte Uno-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, warnte, dass nach Darayya weitere Städte mit »Evakuierungen« in größerem Maßstab, die Zehntausende von Bewohnern beträfen, folgen könnten und dass es sich möglicherweise um eine Strategie Assads handele – »ethnische Säuberung« traute auch er sich nicht zu sagen. Jan Egeland, der Uno-Hilfskoordinator für Syrien, ergänzte, dass im August nur drei von 18 belagerten Orten in Syrien von Uno-Hilfe erreicht worden seien; die allwöchentlichen Bitten an das Regime um Zugang nach Darayya seien immer abgelehnt worden. Auf ihr Angebot, 1,2 Millionen Syrern im September Hilfe zu leisten – es wäre derzeit die größte humanitäre Aktion weltweit –, bekam die Uno nicht einmal eine Antwort vom syrischen Regime. Das Büro des Uno-Sondergesandten schloss eine Stellungnahme zu Darayya mit dem vieldeutigen Satz: »The world is watching.«
Mehr aber auch nicht. Außer dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier und dem Rest der Freunde Wladimir Putins und der iranischen Revolution müsste jedem, der sich um ein ungefähres Bild der Lage in Syrien bemüht, klar sein, dass Assad kein Interesse daran hat, seine im Grunde einzige Strategie, den Terror gegen die Bevölkerung, wegen humanitärer Appelle aufzugeben. So wird ein ums andere Mal für eine »Verhandlungslösung« in Syrien die Uno herbeizitiert, auf Grundlage der irrsinnigen Annahme, das Assad-Regime vertrete noch einen souveränen Nationalstaat.
Auch im Fall des belagerten Aleppo geben die Vereinten Nationen nur ein kümmerliches Bild ab; derzeit scheint es, dass die von Rebellen und Jihadisten gehaltene westliche Stadthälfte wieder abgeschnürt werden könnte. Ein für die Wirkung im Ausland gemachtes Protestbild zeigt einige junge Syrer mit Plakaten, die sich auf Darayya beziehen und die »Schwäche der Uno« angesichts der ausbleibenden Lebensmittelkonvois anprangern. Die Uno betont, man stünde bereit, es müssten sich nur noch Russland und die USA – von Assad ist gar nicht mehr die Rede – auf eine 48stündige Feuerpause einigen. Die Versorgung soll allerdings ausschließlich über vom Regime kontrolliertes Gebiet laufen und nicht über den von den Rebellen eroberten Zugang zur Stadt. Das ist absurd. Die Uno hat für diese Entscheidung schon um Verständnis geworben. Einer der Demonstranten von Aleppo hält im Hintergrund des Bildes ein Schild in die Höhe: »United Nothing«.