Das Theaterstück »Mount Olympus« von Jan Fabre

A little bit of madness

Jan Fabres Theaterstück »Mount Olympus« ist ein radikales 24-Stunden-Opus.

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»Mount Olympus – To Glorify the Cult of Tragedy« nennen Jan Fabre und sein Autor Jeroen Olyslaegers ihr Stück, das Ende September im Brüsseler Kaaitheater aufgeführt wurde. Dabei hätte es nicht betont werden müssen, dass die Tragödie im Verständnis dieses Theatermachers Kultisches beinhaltet: Wer ein 24-stündiges Stück auf die Bühne bringt, der sprengt bewusst die Grenzen der Konvention und Wahrnehmung, dem geht es nicht um Erzähl­theater, sondern um Bewusstseinsveränderung.
Der 1958 in Antwerpen geborene Fabre ist multidisziplinärer Monomane, apolitischer Anarchist, er ist weltfremd mit scharfem Blick für das Detail und ein von sich selbst überzeugter Kenner menschlicher Schwächen. Er denkt immer ganz groß, übernahm im Frühling die künstlerische Leitung des Athen-und-Epidaurus-Festivals mit der gleichen Gelassenheit, mit der er sich einbildete, im krisengeschüttelten Griechenland, wo solche aus europäischen Töpfen gesponserten Großveranstaltungen eine der wenigen Möglichkeiten sind, mit Theater Geld zu verdienen, praktisch keine griechischen Mitarbeiter engagieren zu müssen. Ein Künstleraufstand war die Folge, Fabre musste zurücktreten.
Und nun also 24 Stunden-Theater, von nachmittags um vier bis nachmittags um vier. Das kann ein Traum sein oder ein Albtraum. Fabre und Olyslaegers haben geahnt, auf was sie sich einlassen, sie haben die Themen Schlaflosigkeit, Übermüdung, Somnambulismus und Traumvisionen immer wieder ins Stück geholt und mit den klassischen Tragödien verwoben – wo ja böse Ahnungen, schuldbeladenes Gewissen und vergangenes Unheil ebenfalls zu schlaflosen Helden führen.
Es gibt Ruhepausen, während derer aber rund die Hälfte des 28-köpfigen Ensembles auf der schummrig beleuchteten Bühne bleibt und in dünnen Schlafsäcken auf dem nackten, zunehmend mit Schlamm, Schlachtabfällen und Rosenblüten verdreckten Boden Schlaf wohl eher darstellt. Der Preis ist dann, früh um sieben mit schneidender Stimme vom Geist der Klytämnestra geweckt zu werden und unmittelbar eine der eindrucks- und schmerzvollsten Tanzeinlagen des langen Stücks aus sich herausholen zu müssen. Denn so sehr sich »Mount Olympus« an den Texten des klassischen Tragödienkanons abarbeitet, die mal ganz klassisch dargeboten (von Schauspielern, die je nach Herkunft Englisch, Französisch, Niederländisch, Deutsch oder Italienisch sprechen), meist aber verfremdet, ins Sarkastische gezogen werden: Das Theater Fabres beruht auf dem unmittelbar Körperlichen, ist Tanztheater mit Texteinlagen und nicht umgekehrt.
Durch den Tanz wird das vermittelt, was im Fabrew’schen Verständnis Tragödie ausmacht. Das ist zum einen die Ekstase, zum anderen der Schmerz, der in der Tragödie aus ausweglosen Situationen herrührt, aus Schuldbewusstsein und Hass, verletztem Stolz, nicht wiedergutzumachender Schaden, in der Raserei angerichtet, und immer wieder aus der Trauer über die Toten – die Kinder, Frauen und Helden, die sich unaufhaltsam in »Berge von Fleisch, Wälder aus Knochen« verwandeln. »What is the pain that hurts the most? The blade of a sword or the words of a ghost«, brüllt der Chor in einer sich wiederholenden Szene im Duktus eines amerikanischen Worksongs – und die Assoziation mit einer chain gang drängt sich auf, weil die acht Männer und Frauen dabei Seilspringen, nein, über eine Kette springen, deren Knallen auf den Bühnenboden ihre Schwere ahnen lässt. Die Szene geht weiter bis zur körperlichen Erschöpfung, bis die Ersten zusammenbrechen. Da ist das Stück aber gerade mal zwei Stunden alt, hat sozusagen eben erst angefangen.
Der Gegenpol ist die Ekstase, die bei Fabre und Olyslaegers von Dionysos ausgeht, dem Gott des Kon­troll­verlusts, der Absage an Logik und Ordnung, der Travestie und Verstellung und daher auch des Theaters, der hier immer als männlich-weibliche Doppelpersönlichkeit auftritt. »Just a little bit of madness« musste er den danach gierenden Bürgern einimpfen, grinst er, einen Satz aus dem Erfolgsfilm »Alexis Sorbas« (1964) paraphrasierend – »Every man needs a little bit of madness« –, und schon kommt alles ins Rutschen, driftet ins Chaos. Umwerfend Andrew Van Ostade und Barbara De Coninck als vor Energie berstender Fettkloß, als Intrigant und Zeremonienmeister, die diese Metatragödie unaufhaltsam ihrer Katharsis zutreiben, die als Technoorgie aus Sound, Körpern, Dreck, eimerweise Farbe und Glitzer daherkommt und das Publikum im ansonsten eher reservierten Brüssel auch nach 24 Stunden zu einem Begeisterungssturm hinreißt, der anfängt, bevor das Stück überhaupt vorbei ist, und danach noch lange anhält.
Nächste Aufführung von »Mount Olympus«: 28. April 2017, Stadsschouwburg, Amsterdam