Das Nachtleben in Brüssel

Von einsamen Eurokraten bis zu kaputten Staubsaugern

Das Brüsseler Nachtleben ist international und hat sich trotz der Anschläge kaum verändert.

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Pinkelflatrate für den ganzen Abend: drei Euro. Einmal pinkeln kostet 50 Cent und die Herrscherin des Toilettenreichs wacht streng darüber, dass man nicht einmal nur kurz zum Händewaschen oder Wassertrinken vorbeischneit und nichts zahlt. Die Entsorgungskosten für Ausscheidungen sind im Eintrittspreis nicht inbegriffen, der Fuse-Club, die erste Adresse für elektronische Musik im Brüsseler Marollenviertel, in dem einst vor allem die arme Bevölkerung in schlechten Wohnverhältnissen lebte und das heute ein beliebtes Ausgehviertel ist, bildet da keine Ausnahme. Auch in einigen anderen Clubs, Konzerthallen und Bars kostet die Toilettennutzung selbst für zahlende Gäste etwas. So viel zum augenfälligsten Kulturschock für Neulinge im Brüsseler Nachtleben. Auch das Pfandsystem ist noch nicht überall etabliert und die Partyzonen werden entweder mit Einwegplastikbechern oder Scherbenhaufen übersät. Ansonsten ähneln das Ausgehangebot, die Preise und das Publikum denen in anderen Metropolen der Welt.
Vielleicht werden hier nur noch mehr Sprachen gesprochen als anderswo. Die Zahl der Arbeitsmigrantinnen und -migranten in Brüssel ist hoch, viele arbeiten für EU-Institutionen oder mit ihnen verbundene Organisationen, Unternehmen oder Start-ups. Die Mietverträge sind lang – oft verlangen die Vermieter Verpflichtungen bis zu acht Jahren –, die Arbeitsverträge dagegen kurz. Viele der Expats, wie höher qualifizierte Arbeitsmigranten gemeinhin genannt werden, sind ständig auf der Suche nach neuen oder besseren Jobs.
»Es gibt eigentlich nur zwei Arten von Jobs: vor oder hinter dem Buffet«, zitiert Ioana*, eine Mittzwanzigerin aus Rumänien, eine weise Freundin. Wie sie wechseln viele zwischen Büro- und Cateringjobs und treffen dabei auf der jeweils anderen Seite des Buffets immer wieder auf ehemalige Kolleginnen und Kollegen. Ioana ist mit einer Gruppe junger Expats bei der After-Work-Party in der Bar Grand Central am Parc Léopold in der Nähe der EU-Institutionen, um einen Kollegen zu verabschieden. Der DJ trägt Anzug, einige Gäste haben ihre Kinder mitgebracht, jeden Tag gibt es ein anderes Happy-Hour-Angebot, heute drei Aperol-Spritz zum Preis von zwei. Am Tisch werden Englisch, Französisch, Chinesisch, Deutsch, Portugiesisch und Rumänisch gesprochen, dabei wird jeweils fließend von einer in die andere Sprache gewechselt. In Brüssel erwartet fast niemand, dass man die Landessprachen spricht, doch ist es üblich, dass man mindestens drei Sprachen beherrscht. Einige echte Quotenbelgier sitzen auch mit am Tisch, meist bleiben Expats und Belgier aber jeweils unter sich, wobei erstere zudem häufig noch Freundeskreise aus ihren Herkunftsländern haben.
Die Metrostation Maalbeek, einer der Orte, an denen im März islamistische Anschläge verübt wurden, ist nicht weit vom Parc Léopold entfernt. Das Ausgehverhalten habe sich trotz der Anschläge kaum verändert, bestätigen eigentlich alle in Brüssel, die man darauf anspricht. Anfangs mieden sie Brüsseler Großveranstaltungen, doch nach einigen Tagen war alles so wie früher – wer viel arbeitet, muss auch viel feiern.
Befremdlich wirken hingegen die Soldaten und Militärfahrzeuge, die überall in der Stadt anzutreffen sind. Vor Einkaufszentren finden noch Taschenkontrollen statt, die Kontrollen vor Bars und Cafés wurden hingegen meist wieder abgeschafft, Panik ist nicht zu spüren. Auch zur »Nuit Blanche« kommen trotz des Regens zahlreiche Menschen in die nachts sonst eher menschenleeren Straßen des EU-Viertels. Bei der kostenlosen Kulturveranstaltung gibt es unter freiem Himmel und an überdachten Orten, etwa im Naturkundemuseum (Tipp: Toilettennutzung kostenlos), Installationen und Performance-Kunst zu sehen. Geduldig stehen die Kunstinteressierten stundenlang vor den Sicherheitsschleusen Schlange auf der Straße. Nach dem Anschlag in Nizza werden bei Open-Air-Veranstaltungen und Straßenfesten nun häufig Betonpoller eingesetzt, damit Fahrzeuge nicht in die Menge rasen können. Die Menschenschlangen wären optimale Anschlagsziele, aber auch hier drehen sich nur einige Köpfe um, als sich einmal Sirenengeräusche nähern.
Das Recyclart ist ein alternatives Kulturzentrum. Gegründet wurde es 1997 im stillgelegten Teil des Bahnhofs Bruxelles-Chapelle, es beherbergt Ateliers, Arbeits- und Veranstaltungsräume. Auf dem Programm stehen konzeptuelle Ausstellungen, Installationen, Performances, Konzerte, Partys und Lectures. Man versteht sich als Plattform. »Wir möchten Austauschprozesse zwischen den unterschiedlichsten Leuten fördern«, sagt Dirk Seghers, der künstlerische Leiter des Recyclart. Der angrenzende Teil des Bahnhofs ist zwar weiterhin in Betrieb, der Zugverkehr aber steht zwischen ein und fünf Uhr nachts still. Zeit genug, um Partys nach draußen zu verlegen und die Bahnhofsbrücke für einige Stunden in eine Open-Air-Galerie zu verwandeln.
»Wir arbeiten mit dem, was wir räumlich und auch inhaltlich hier vorfinden, mit den Künstlerinnen und Künstler aus der Nachbarschaft«, sagt Seghers. Die kommende Fotoausstellung beispielsweise zeige Arbeiten von Fabian, einem jungen Obdachlosen aus der Gegend. Regelmäßig werden Partys und Konzerte von Leuten aus dem Stadtteil veranstaltet und einmal im Monat öffnet das Repaircafé des Marolles seine Türen: Jeder kann kommen, seine kaputten Sachen mitbringen und sie unter fachkundiger Anleitung reparieren. Vom wackeligen Sessel und der löchrigen Hose bis hin zu defekten iPhones. »Viele denken gar nicht mehr über eine Reparatur nach, weil sie sich oftmals nicht bezahlt macht«, sagt Stephane, der gerade einen Staubsauger mit dem Lötkolben bearbeitet. »Zusammen etwas zu re­parieren, kann zu tollen Begegnungen führen. Hier kommen Leute aller möglichen Gesellschaftsschichten zusammen.«
In Brüssel gibt es oft öffentlich geförderte Veranstaltungen wie die »Nuit Blanche« oder Festivals. Vergangenes Jahr wurde der breite Boulevard Anspach im Zentrum verkehrsberuhigt und Tischtennisplatten wurden aufgestellt. Überhaupt gehe man bei der Wahl des Ausgehziels in Brüssel eher nach bestimmten Veranstaltungen als nach bestimmten Orten, erzählt eine junge Zugezogene. »Alles Coole ist versteckt«, räumt sie ein. Zu den »alternativeren« Locations zählen etwa Les Ateliers Claus, wo es Musik abseits des Mainstreams zu hören gibt. Im Bazaar im Marollenviertel gibt es HipHop, Dancehall und sonstige Tanzmusik und man kann seine eigenen Partys dort ver­anstalten. Der Betreiber habe aber wenig Ahnung von Musik, sondern denke vor allem ans Geschäft, meint Ioana, die dort einmal eine Party organisiert hat. Einsame Eurokratinnen und Eurokraten reißen sich gegenseitig im Club Spirito auf, einst eine anglikanische Kirche. Hier treffen graue Anzüge auf enge Kostümchen und überteuerte Getränke. EU-Networking funktioniert aber auch gut auf der Place du Luxembourg vor dem EU-Parlament, wenn ab Donnerstagnachmittag der Platz für den Verkehr gesperrt wird und sich junge Karriereaspiranten und alte Eurokraten dort auf ein paar Gläser belgisches Bier treffen.
Alternativen Rock gibt es im Magasin 4 nördlich des Zentrums. Viele alternative Kneipen finden sich hinter der Kirche Sainte Catherine nahe des Zentrums, ein beliebtes Ausgehviertel ist außerdem Matongé in Ixelles, benannt nach einem Viertel der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa. Hier treffen Afroshops auf Restaurants, Kneipen und Hipsterläden. Beliebt bei Elektrofans ist außerdem der Catclub in Molenbeek.
Alex ist zum Feiern extra aus Nordfrankreich nach Brüssel gefahren, seine Freundinnen und Freunde von Luxemburg aus, sie halten viel vom Musikangebot des Fuse-Club. Zum Pinkeln gehen sie dann einfach auf die Straße.
* Name geändert.