Beim Marathon in Kiew lief auch Bürgermeister Vitali Klitschko mit

Stadtrundgang auf 42,195 Kilometern

Beim diesjährigen Marathon in Kiew ging es unpolitisch und friedlich zu. Die Stadtverwaltung hofft trotz des Kriegs in der Ostukraine in Zukunft auf mehr internationale Besucherinnen und Besucher.

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Dünne Regenfäden fallen unablässig vom grauen Himmel, manchmal weht dazu ein kalter Wind über den Maidan. Am Tag zuvor haben hier noch Mitglieder der Jugendorganisation Foundation of Regional Initiatives (FRI) gegen den im Dezember 2015 eingebrachten Gesetzentwurf mit der Nummer 3 587 demonstriert. In dem Entwurf zum Umgang mit friedlichen öffentlichen Versammlungen ist unter anderem die Pflicht vorgesehen, die Behörden mindestens 48 Stunden vor einer solchen Versammlung zu unterrichten, zudem können derartige Zusammenkünfte verboten werden, falls ein Gericht eine Gefährdung der »öffentlichen Ordnung und Sicherheit« sieht. Bei Regen und vor einer überschaubaren Anzahl an Protestierenden taten die Mitglieder von FRI ihre Forderungen durch ein Megaphon kund und hielten Protestplakate in die Höhe, während mäßig interessierte Passantinnen und Passanten an ihnen vorbeischlenderten.
Der zentrale Platz in Kiew, der durch die »orangene Revolution« 2004 und den sogenannten Euromaidan-Protest 2013 und 2014 weltweit bekannt wurde, taugt also immer noch zur öffentlichen Unmutsäußerung. Am Tag nach der Kund­gebung von FRI, dem 9. Oktober, erinnert aber nur noch ein Transparent an der Unabhängigkeitssäule an vergangene Proteste, zwischen den nun überall aufgebauten Werbebannern, Bühnen und Ständen fällt es kaum auf. Dafür sind trotz des anhaltend schlechten Wetters deutlich mehr Menschen auf dem Maidan unterwegs. Angezogen werden sie vom Wizz Air Kyiv City Marathon, benannt nach dem Hauptsponsor, einer ungarischen Billigfluglinie. Es ist der siebte Marathon in Folge seit 2010 in der ukrainischen Hauptstadt. Die meisten Anwesenden werden wohl selbst laufen, mehr als 6 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 50 Ländern, die meisten jedoch aus der Ukraine, haben sich für eine der Distanzen, vom 100-, 500- oder 1 000-Meter-Lauf für Kinder, über fünf und zehn Kilometer bis zum Halbmarathon und Marathon, registrieren lassen. Beim ersten Marathon 2010 waren es nur 800 Teilnehmende. Auch einen zwei Kilometer langen Lauf für karitative Zwecke gibt es, genannt Charity Race. Je 100 Hrywnja (UAH) Teilnahmebetrag pro Läufer sollen Kindern mit schweren Krankheiten, Waisen und Kindern in der »Anti-Terrorist Operation Zone« zugutekommen, wie die ukrainische Regierung das umkämpfte Gebiet im Donbass bezeichnet.
Damian Babol strahlt über das ganze Gesicht und lässt sich mit dem Unabhängigkeitsdenkmal im Hintergrund fotografieren, er wirkt wie die Verkörperung des runner’s high. Der polnische Sportjournalist hat soeben den Zehnkilometerlauf beendet und schwärmt von der tollen Atmosphäre. Von Kälte und Nässe lässt sich kaum jemand die Stimmung vermiesen, die Hauptbühne beschallt den ganzen Maidan mit House, Dancefloor und Ansagen auf Ukrainisch, die Läuferinnen und Läufer halten tapfer durch. Glücklich ist auch Babols Kollege Jakub Radomski, der den Halbmarathon gelaufen ist. Seine Bestleistung habe er aber nicht erreichen können, erzählt er, dafür seien die Wetter- und Streckenbedingungen zu schlecht gewesen. Kiew wurde auf mehreren Hügeln erbaut, die Strecke des Marathons führt zum zweiten Mal in einer Schleife vorbei an vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt, doch ständig geht es bergauf und bergab, insgesamt muss ein Höhenunterschied von 200 Metern überwunden werden. Probleme hätten auch das durch den Regen rutschige Kopfsteinpflaster und die ständigen Pfützen bereitet, die umgangen beziehungsweise übersprungen werden mussten, so die beiden Läufer. Den Marathon gewinnen dann Oleh Leshchyshyn (2:31:10) bei den Männern und Yuliia Bairamova (3:01:11) bei den Frauen.
Babol und Radomski sind mit einer internationalen Pressegruppe auf Einladung der Marathonorganisatoren in Kiew, auch einige Autorinnen und Autoren der Jungle World wurden aus Deutschland eingeladen. Der Marathon finanziert sich vor allem durch die Sponsoren und Teilnahmebeiträge, um Politik soll es nicht gehen. Russische Staatsbürger im wehrfähigen Alter konnten mit einer Teilnahmebestätigung leichter in die Ukraine einreisen und der Bürgermeister Vitali Klitschko läuft beim Wohltätigkeitslauf mit. Die Kiewer Stadtverwaltung hat ein Interesse daran, Besucherinnen und Besucher in die Stadt zu locken. Denn durch den andauernden Krieg in der Ost­ukraine ist das Land bei Touristinnen und Touristen derzeit wenig beliebt. Nicht etwa als »arm, aber sexy« wie Berlin wird Kiew beworben, sondern mit einem nüchternen »sicher und nett«. außerdem sei die Stadt »obszön billig«, heißt es in einer Broschüre der Tourismusabteilung, zudem gebe es in Kiew »keine militärischen Konflikte«, »keine Terroranschläge« und »keine politischen Unruhen«.
Einiges hat sich seit den politischen Unruhen vor einigen Jahren durchaus zum Positiven gewendet. Nach den Maidan-Protesten seien mehr Menschen zum Marathon gekommen, aus einer Art patriotischer Solidarität, und die Regierung sei offener für neue Ideen, sagt dessen Initiator Dmytro Tschernitzky beim Pressegespräch. Nicht einmal für den Papst hätte die Stadt so viele Straßen gesperrt, zitiert er die erste Reaktion der Verantwortlichen auf sein Vorhaben. Zum Glück fährt die U-Bahn noch, die selbst für ukrainische Verhältnisse – der Durchschnittslohn beträgt etwa 150 Euro – mit vier Hrywnja (0,14 Eurocent) für eine Strecke relativ erschwinglich ist. Dennoch sorgen die Absperrungen nicht überall für Begeisterung. Die Kiewerinnen und Kiewer klagen bereits ohne Marathon über die ständigen Staus in der Hauptstadt.
Auf dieses Problem solle man ­Vitali Klitschko lieber nicht ansprechen, mahnt die Pressebetreuerin. Der »sportlichste Bürgermeister Europas«, wie er sich nennt, zählt im kurzen Gespräch mit der Jungle World lieber die Erfolge seiner mehr als zweijährigen Amtszeit auf, vor einem Jahr erst wurde er wiedergewählt. Vor allem gebe es mit seiner Stadtregierung mehr Transparenz, alle Budgetpläne und Vorhaben würden öffentlich gemacht. Das ist in der Ukraine ein äußerst wichtiges Thema, lautet die politische Hauptforderung derzeit doch, die Korruption zu beenden. Im Korruptionsindex von Transparency International lag die Ukraine 2015 noch auf Platz 123. Durch seine transparente Politik hätten die städtischen Einnahmen im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent erhöht werden können, zudem sei die Verschuldung von 22 auf 16 Milliarden verringert worden, so Klitschko; des weiteren seien 200 Kilometer Straßen, sieben Kindergärten und zwei Schulen gebaut worden. Warum er trotz seiner Sportlichkeit nur zwei Kilometer gelaufen sei, erklärt er damit, dass er »acht Tage pro ­Woche, 24 Stunden pro Tag« arbeite. Während Tschernitzky darüber klagt, dass die ukrainische Regierung wenig für die Sportförderung unternehme, erzählt Klitschko begeistert von seinem Vorhaben, eine überdachte Multifunktionsarena für 20 000 Besucher zu bauen, die das Olympiastadion ergänzen soll, das im Winter nur 4 000 Besucher fasst. Nicht nur für Konzerte wäre eine solche Arena nötig. Sollte sein Bruder Wladimir Klitschko zum Boxkampf in Kiew antreten, könnten ihm dort Tausende zujubeln. »Er hat bestimmt noch fünf Jahre«, prophezeit der Bürgermeister für die Boxkarriere seines Bruders. Er selbst habe in seinem allerersten Job drei Jahre als Stadtführer in Kiew gearbeitet, erzählt Vitali Klitschko. Er liebe Kiew und möchte es zu einer »richtigen europäischen Stadt« machen.
Währenddessen begeben sich immer wieder Läuferinnen und Läufer für die verschiedenen Rennen dem Regen trotzend zum Startblock. Hunderte sportbegeisterte Freiwillige versorgen sie mit anfeuernden Zurufen, Snacks, Getränken und Rettungsdecken, wenn die Sportlerinnen und Sportler erschöpft und nass durchs Ziel torkeln, um ihre Medaillen in Empfang zu nehmen.