Wer ist der »Intellektuellen-Idiot«?

Sind wir alles Idioten – und wenn ja, warum?

In seinem Aufsatz »Die Wohlwissenden« deutet Nassim Nicholas Taleb den Wahlsieg Donald Trumps als Rebellion gegen halbgebildete Intellektuelle. Was ist da dran?

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Nach dem Sieg Donald Trumps bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen hat sich im Feuilleton eine Debatte entwickelt, in der die Rolle der öffentlichen Intellektuellen, vor allem auch der Journalisten, verhandelt wird. Diese befänden sich in einer Blase, hätten den Kontakt zur Wirklichkeit verloren, zu den einfachen Menschen, zum Volk, so ­lauten die Anschuldigungen. Diese Vorwürfe wiederum resultieren aus der Beobachtung, dass die liberale Mittelklasse und ihre Repräsentanten in den Medien zugunsten von Partizipation und Mitgestaltung im ein­geschränkten Rahmen den großangelegten Umbau der Gesellschaft in der kapitalistischen Krise hingenommen , mindestens aber nicht pro­testiert haben. Identitätspolitische Angebote verschränken sich mit einem Klassenkampf von oben. Doch zur Analyse des Zusammenwirkens von Herrschaft und Ideologie und deren korrespondierenden Effekten kommt es selten, man bedient sich lieber vorgefertigter Ressentiments.
Der Philosoph und Börsenhändler Nassim Nicholas Taleb behauptete in seinem vielbeachteten Aufsatz »Die Wohlwissenden« in der NZZ, dass es momentan eine weltweite Rebellion gebe. Sie richte sich gegen den ­»Intellektuellen-Idioten«. Was das sei? »Der Intellektuellen-Idiot ist ein ­Geschöpf der Moderne, hat sich also seit Mitte des 20. Jahrhunderts rapide vermehrt und heute seine maximale Verbreitung erreicht.« Trotz der Verbreitung sei es aber eine Minderheit von Idioten, zum Beispiel Journalisten, die Taleb den Leuten entgegensetzt, die angeblich einer »richtigen Arbeit« nachgehen würden – als ob im Kapitalismus Arbeit und Idiotie sich nicht gegenseitig bedingen würden. Was soll das sein, die wohlfeile Lohnarbeit, ganz unidiotisch? Produktentwickler und -manager, Rechnungsprüfer, Business, Strategic Planning und Analytics Director, Unternehmensberater – oder Drohnenpilot? Der Text gipfelt in dem Vorwurf, der Intellektuellen-Idiot stemme keine Gewichte, was offenbar eine besonders unidiotische Tätigkeit sein soll.
Solche und ähnliche Behauptungen basieren auf der irrigen Annahme, dass die Intellektuellen das Volk verraten hätten. Doch Intellektuelle können nicht ein Volk, was auch immer das sein soll, verraten, sie können nur sich selbst und die Produkte ­ihres Hirns, ihre Gedanken, verraten. Das tun sie auch – und das hat systemische Gründe. Lohnabhängigkeit für Geistes- und Wissensarbeiter in der Situation gesteigerter Konkurrenz bedingt Konformismus – auch im ­Denken. Dieser Konformismus ist nicht Ausdruck der volksentfrem­deten Seele der Wissenschaftler und Journalisten, sondern Resultat der Abhängigkeit, in der sie sich befinden, die wiederum Resultat der Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln ist. Zu dieser Abhängigkeit kann man sich unterschiedlich verhalten, affirmativ oder kritisch, wobei die Nachteile des zweiteren auf der Hand liegen dürften. Aber über die Haltung zu dieser Abhängigkeit sollte man sich Rechenschaft geben.
Wer kann sich unter den gegenwärtigen Bedingungen vorstellen, dass es einfach so weitergehen soll (ein paar kleinere Korrekturen inbe­griffen)? Und warum? Und für wen kommt die Frage nach einem guten Leben und Arbeiten erst nach einer größeren politischen Umwälzung wieder auf die Tagesordnung? Die Intellektuellen und Journalisten ­stehen nicht jenseits dieser gesellschaftlichen Fragen, ein bedächtiges Warten auf eine vermeintlich bes­sere Zukunft oder ein schulterzuckendes Es-wird-schon-nicht-so-schlimm-werden verbietet sich hier, ebenso reicht Kritik als Ornament nicht aus. Es ist ja auch nicht gesagt, dass die akkumulierten Mittel der Geistes- und Wissensarbeiter für alle Zeiten im Dienst der gegenwärtigen Gesellschaftsformation stehen müssen, ein großer Teil eignet sich auch für eine alternative Zukunft, darüber würde es sich nachzudenken lohnen.
Nun hat die postmoderne Vorstellung, dass Wissen per se Herrschaftswissen sei, zu der Annahme, dass eine Elite sich vor allem durch die Akkumulation von Wissen auszeichne, beigetragen. Wissen und dessen Äußerung seien Herrschaft. Fraglich ist, wann das je der Fall gewesen sein soll. Herrschaft zeichnet sich gerade ­dadurch aus, Wissen nicht nötig zu haben, weil man Macht hat. Und Macht im Kapitalismus bedeutet Privateigentum, Kapital, womit es ­möglich ist, andere zur Produktion von Wissen anzuhalten, wie schon Hegel über Herr und Knecht in der »Phänomenologie der Geistes« schrieb. Die Geistes- und Wissens­arbeiter stehen zwar in Abhängigkeit von der Macht, sie üben sie aber nicht selbst aus. Auch müsste man das Wissen, das nur zur Erweiterung der Kontrolle, dem Ausbau von Herrschaft und der Entwicklung von Sozialtechnologien dient, unterscheiden von einem reflexiven Wissen, das die ­gesellschaftlichen Zusammenhänge kenntlich macht. Das eine wäre eine instrumentelle Vernunft, das andere eine sich nicht als interesselos begreifende Vernunft, die auf Veränderung der Gesellschaft drängt.
Es gilt vor allem auch, den Fortschritt zu verteidigen, der in der Tatsache besteht, dass aufgrund der ­Maschinisierung und Robotisierung, also der Verwissenschaftlichung der Produktion, die Möglichkeit von geistiger Arbeit entwickelt wurde. Wie üblich bleibt der Kapitalismus aufgrund des Widerspruchs zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen hinter seinen Möglichkeiten zwar zurück, was kein Grund ist, die Möglichkeit zu zerstören. Die geistige Arbeit hat sich zwar in Vorherrschaft über die körperliche entwickelt, doch unter den gegebenen technischen Bedingungen ist das Verhältnis weit weniger hierarchisch. Zahlreiche Menschen wurden aus der körperlichen Arbeit freigesetzt und sind ohne Perspektive. Für die meiste geistige Arbeit, wenn es nicht gerade Rechenmaschinen betrifft, hat aber die gegenwärtige Gesellschaft auch keine Verwendung. Das ist der gesellschaftliche Grund der Idiotie, den Taleb nicht ergründen will und weswegen er seinerseits der Idiotie verfällt. Es besteht zwar die individuelle Fähigkeit zur geistigen Arbeit, nur die gesellschaftliche Möglichkeit fehlt. Um den Fortschritt also substantiell werden zu lassen, braucht es nichts Geringeres als eine Neuausrichtung der Gesellschaft.
Es ist eben nicht richtig, dass gegenwärtig zu viel gedacht wird, wie ­Taleb und andere nahelegen, sondern zu wenig. Es besteht ein Mangel an öffentlicher Aufklärung, was eben auch Selbstaufklärung über die Bedingungen meint, unter denen heute geistige Arbeit verrichtet wird, und was das für das Resultat bedeutet. Geistige Arbeit ist eine Produktivkraft, die selbst in eine Destruktivkraft ­umschlagen kann, in die Zerstörung intellektueller Fähigkeiten. Der Antiintellektualismus der Intellektuellen liefert ein Beispiel. Der Ruf nach dem Volk als Korrektiv ist der Ruf nach dem autoritären Staat. Hier ist zu beharren auf der Möglichkeit einer Entfaltung der Produktivkräfte, die gegenwärtig durch die Produktionsverhältnisse verhindert wird. An diesem Widerspruch darf man nicht irre werden, man muss ihn zum Thema machen. Die Debatte um die Funktion der Intellektuellen hat mit dem Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahlen weniger zu tun, sie ist vor allem Ausdruck der autoritären Krisenverwaltung des Kapitalismus.
Die Annahme des postmodernen Positivismus hingegen, dass Politik nicht mehr als die Beseitigung ­öffentlicher Quellen der Belästigung, also letztlich der Öffentlichkeit selbst, sein kann, wird sich nur als Herrschaftsideologie behaupten können. Das schlechte Bestehende gegen die schlechte Veränderung zu verteidigen ist schlechterdings nicht machbar. Denn das würde voraussetzen, dass der gegenwärtige Zustand ein stabiler wäre. Das ist er aber nicht, die in ihm gefesselte und sich entfesselnde Dynamik strebt notwendig zu einem anderen Zustand, der jedoch nicht notwendig ein besserer sein muss. Das ist die politische Dimension der gegenwärtigen Krise der kapitalistischen Produktionsweise. Wofür man unter diesen Bedingungen einstehen muss, ist die Perspektive auf eine alternative Zukunft: anders produzieren, anders leben – und zwar im gesamtgesellschaftlichen Maßstab. Diese Frage betrifft nicht nur das vermeintliche Volk, sie betrifft aber auch nicht nur die Intellektuellen. Diese Frage wäre ein trefflicher ­Inhalt für ein Gespräch unter Lohnabhängigen, sie hat keinen partiku­laren, sondern einen universellen Inhalt, geht es doch um eine zukünftige Gesellschaft.