Die französische Debatte über Jean-Claude Michéa

Lauft langsam

Der pensionierte Philosophielehrer Jean-Claude Michéa sorgt mit seiner Fortschrittskritik für Begeisterung bei den Rechten in Frankreich.

Jean-Claude Michéa ist ein Denker, der sich auf Fotos gerne mit einem T-Shirt oder einer Mütze mit der Aufschrift CCCP – der kyrillischen Abkürzung für die Sowjetunion – zeigt. Ein pensionierter Oberschullehrer für Philosophie, der oft und gerne Karl Marx, aber auch den Situationisten Guy Debord oder den radikalen Intellektuellen Jaime Semprun zitiert. Dem aber auch der einflussreiche Rechtsintellektuelle Alain de Benoist in Le Monde in einem Dossier zum Konservatismus am 11. Januar attestiert, er sei »in der intellektuellen Landschaft Frankreichs derjenige, dem ich mich am nächsten fühle«.
Benoist und seine Mitstreiter sind für ideologische Vereinnahmungen bekannt, die sie auch dort versuchen, wo diese ausgesprochen unerwünscht sind. Michéa bezieht sich denn auch lieber auf George Orwell, den britischen Anti­stalinisten, als auf rechte Ideologen. Dennoch kann er sich vor Beifall auch von rechts kaum retten.
Am 8. Februar etwa tauchte Michéa im Sowjet-T-Shirt im Aufmacher des täglichen Newsletter der nationalistisch-monarchistischen Website Lafautearousseau auf, die zur traditionsreichen rechten Organisation Action française zählt. Letztere beklagt sich dort über »diese französische Rechte, die weder (Antonio) Gramsci noch Michéa zu lesen verstand«. Kritisiert wird, dass die Mainstream-Konservativen sich vorwiegend für wirtschaftspolitische Fragen interessierten, doch das intellektuelle Terrain, die Universitäten, die Kultur den Linken überließen. Eine bekannte Debatte, auf die Alain de Benoist bereits in den späten Sechzigern reagierte, indem er einen »Gramscismus von rechts« ausrief, um eine »kulturelle Hegemonie von rechts« wiederherzustellen, also eine intellektuelle Vorherrschaft der Rechten durch die Vereinnahmung von Begriffen und Konzepten.
Ist Jean-Claude Michéa von rechten Ideologen vereinnahmt worden? Oder ist er rechts im weitesten Sinne? Er selbst würde dies abstreiten. Auch sein Umfeld kann mit dieser Zuordnung nichts anfangen. Am 15. Januar antwortete die Zeitschrift Comptoir, die den in Montpellier lebenden Autor ausführlich interviewte, auf das Dossier in Le Monde zum Thema konservatives Denken. Ihr zufolge ist die Bezeichnung Michéas als »konservativ« grotesk. Dieser sei »sozialistisch, wachstumskritisch, aber nicht konservativ!« Nirgendwo, so Comptoir, beziehe Michéa dieses Adjektiv auf sich selbst. Vielmehr habe der Philosoph von 1969 bis 1976 der französischen Kommunistischen Partei angehört – wie seine Eltern, die sich im kommunistischen Teil der Résistance unter der nazideutschen Besatzung kennenlernten. Und danach sei er unter dem Einfluss antiautoritärer Intellektueller wie Guy Debord und Cornelius Castoriadis ausgetreten. Zugegeben, auch konservative Zeitgenossinnen hätten sich positiv auf Michéa bezogen. Dies treffe auf die in London tätige Historikerin Laetitia Strauch-Bonart zu, eine frühere Schülerin Michéas, und zuvor schon auf Chantal Delsol.
Delsol, die an der Universität von Marne-la-Vallée bei Paris unterrichtete und auch Lehrtätigkeiten im Rahmen der Offiziersausbildung beim Verteidigungsministerium übernommen hat, schreibt unter anderem für die konservative Tageszeitung Le Figaro und das zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus zu verortende Wochenmagazin Valeurs actuelles. Sie ist die Gattin von Charles Millon, der von 1988 bis 1999 Ratspräsident der Region Rhône-Alpes mit Sitz in Lyon war und damals eine Brücke zwischen den französischen Konservativen und dem Front National zu bauen versuchte. Letzterer hatte Millon im März 1998 die Wiederwahl gesichert, im Januar 1999 wurde er jedoch durch ein Bündnis aus abtrünnigen bürgerlichen Rechten und Sozialdemokraten gestürzt und vorzeitig abgelöst.
Warum aber erscheint das Denken von Michéa für solche Vereinnahmungen attraktiv? Die Antwort fällt relativ leicht: Er verwirft – im Namen einer ökologischen Begrenzung des Ressourcenverbrauchs – die Idee des Fortschritts. Zwar ließe sich einwenden, der Begriff Fortschritt bedeute nicht notwendig nur technologischen Fortschritt, eine Vermehrung von Konsumgütern oder gar von Umweltzerstörungen, sondern auch gesellschaftlichen Fortschritt. Und Letzterer könne just die Zerstörung des Planeten aufhalten. Michéa positioniert sich jedoch anders. Er benutzt den Fortschrittsbegriff prinzipiell negativ. Er bezieht sich unter anderem auf die Vorstellungen der décroissance-Bewegung, also von Wachstumskritikern wie etwa Serge Latouche.
Michéa meint, die Parole laute nicht mehr »Lauf, Genosse, die alte Welt ist hinter dir her!« – ein bekannter Slogan des Pariser Mai 1968 –, sondern vielmehr: »Lauf weniger schnell, Genosse, die neue Welt – jene der Klimaerwärmung, von Goldman Sachs und Silicon Valley – liegt vor dir!« Sein Hauptanliegen ist die grundsätzliche Verwerfung des Liberalismus. Michéa bezieht sich dabei nicht allein auf den Wirtschaftsliberalismus, sondern schließt den Liberalismus als politische Strömung ausdrücklich ein. Denn beide ließen sich nicht voneinander trennen. Das im französischen Sinne »libertäre« Agieren etwa der No-Border-Bewegung oder der Kampf für Homosexuellenrechte sei nicht zu trennen von der Durchdringung der Gesellschaft mit Kapitalinteressen, da derlei dazu beitrage, die Gesellschaft zu atomisieren. Michéa lässt sich auch negativ über »die liberale Phobie gegen Identität« und die »Faszination für Minderheiten« aus.

Andere Autoren stellten schon vor Jahren Theorien auf, die den Liberalisierungsschub infolge der Achtundsechzigerbewegung mit einer Atomisierung des Sozialgefüges sowie triumphierenden Kapitalinteressen in Verbindung brachten.

Andere Autoren stellten schon vor Jahren Theorien auf, die den Liberalisierungsschub infolge der Achtundsechzigerbewegung mit einer fortschreitenden Atomisierung des Sozialgefüges sowie triumphierenden Kapitalinteressen in Verbindung brachten. Michel Houellebecq versuchte es in seinen Romanen, der aus dem Umfeld der französischen KP kommende Michel Clouscard (1928–2009) fasste es in seinen Büchern »Néo-fascisme et idéologie du désir« (1973) sowie »Le Capitalisme de la séduction« (1981) als Erster in Thesenform. Clouscard, der die Umwälzungen infolge von 1968 als überwiegend negativ verwirft, wurde seinerseits von rechts vereinnahmt. Heute sind es vor allem der – ehemals linke – Antisemit Alain Soral und die nationalrevolutionäre Zeitschrift Rebellion, die Clouscard zitieren.
Nicht in reaktionärer Absicht, sondern mit dem Anliegen, die Kapitalismuskritik der Gegenwart anzupassen, analysierten Luc Boltanski und Ève Chiapello in ihrem Wälzer »Le Nouvel esprit du capitalisme« (»Der neue Geist des Kapitalismus«, 1999), wie der Kapitalismus kulturelle Fortschritte nach 1968 vereinnahmt habe. Sie argumentieren, er habe die von ihnen so bezeichnete – und eher auf individuelle Emanzipation ausgerichtete – »künstlerische Kritik« an der alten Ordnung von der »sozialen Kritik« getrennt. Boltanski und Chiapello wollten aber nicht eine von beiden verwerfen, sondern beide wieder zusammenbringen. Vor allem jedoch zählt Boltanski heute zu den schärfsten Kritikern der gefährlichen Vereinfachungen, die auch bei Michéa anzutreffen sind. Er attestierte ihm bereits im Oktober 2011 in Le Monde, seine Philosophie laufe im Kern darauf hinaus, zu sagen: »Früher war alles besser.«
Manchmal kann aber auch Michéa der Gegenwart Positives abgewinnen. In einer Passage bezieht er sich auf den Film »Pride« des Briten Matthew Warchus, der zeigt, wie Schwulen und Lesben einen Kampf der Arbeiterbewegung – den englischen Kohlestreik von 1984/85 gegen Margaret Thatcher – aktiv unterstützen. Michéa erblickt hier eine positive Vision davon, wie die Spaltung der gesellschaftlichen Kämpfe überwunden werden könne. Allerdings argumentiert er ansonsten weitaus weniger progressiv. Gesellschaftliche Konflikte will er erklärtermaßen auf eine einfache Formel bringen, die vermeintlich alle Probleme löst: »Wir da unten gegen die da oben!« Er bezieht sich dabei auf George Orwells Konzept der common decency, des spontanen Bewusstseins der einfachen Leute, die feststellen, dass etwas falsch läuft. Er bezieht sich ebenso auf die Vordenker der »Wachstumskritik« wie auf die spanische Bewegung der »Empörten« und die aus ihr hervorgegangene Partei Podemos: Diese hätten in ihren Anfängen erkannt, dass es nicht um links oder rechts gehe, sondern darum, im kollektiven Beratungsprozess spontan die richtige Entscheidung zu treffen. Der Philosoph und Wertkritiker Anselm Jappe bringt es, wiederum in einem Gastbeitrag bei Le Monde, auf den Punkt: Es handele sich um einen populisme transversal – ungefähr: einen Querfrontpopulismus –, der ansonsten etwa von der italienischen »Fünf-Sterne-Bewegung« vertreten werde.

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