Small Talk: Imran Ayata über die Inhaftierung Deniz Yücels

»In Lager spalten«

Der Jungle World-Mitherausgeber und Türkei-Korrespondent der Welt Deniz Yücel sitzt in Istanbul in Untersuchungshaft. Was sagen Deutschtürken dazu? Imran Ayata war Mitbegründer von Kanak ­Attak, ist Schriftsteller und betreibt eine Agentur für Kampagnen. Er hat mit der Jungle World über die Auswirkungen des Falls Yücel gesprochen.

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Haben Sie damit gerechnet, dass Deniz Yücel in Untersuchungshaft gerät?

Ehrlich gesagt: Ich habe damit gerechnet. Dennoch habe ich eine klitzekleine Hoffnung gehegt, dass es anders kommen könnte.

Sollten Menschen, die sich wie Yücel öffentlich kritisch über Erdoğan äußern, zurzeit von Türkei-Besuchen absehen oder die Türkei verlassen?

Wie man sich in Zukunft äußert, ist eine politische Frage, die jeder selbst beantworten muss. Es ist aber davon auszugehen, dass Leute, die sich kritisch äußern, sei es publizistisch oder auch nur in Tweets, in den Augen der türkischen Regierung nicht etwa ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnehmen. Ich gehe davon aus, dass das Erdoğan-Regime seit längerer Zeit genau beobachtet, wer sich wie äußert, gerade auch Journalisten, Autoren und Künstler. Gleichzeitig pflegt die türkische Regierung ein gutes Verhältnis zu konformen Künstlern und Kulturarbeitern. Die werden auch schon mal zum Gedankenaustausch und zur Vernetzung in die Türkei eingeladen. Zu so etwas werden selbstverständlich nur ganz bestimmte Personen eingeladen. Die Auswahl erfolgt nach politischen Kriterien.

Sorgt Yücels Fall für Auseinandersetzungen unter Deutschtürken und in deren Organisationen?

Es sieht so aus, als würden sich die Diskussionsteilnehmer in Lager spalten. Einerseits jene, die der AKP nahestehen und denken, Erdoğan weise der Türkei den richtigen Weg. Der Schwachsinn, der durch die türkischen Medien ging – Deniz sei ein Terrorist, ver­kleidet als Journalist –, trägt auch hier in der Community zur Meinungsbildung bei. Es ist kein Geheimnis, dass die AKP gerade in Deutschland große Unterstützung genießt. Anderseits gibt es das Lager der Aufgeklärten, Progressiven, Linken, Kurden und Aleviten, die dem Regime sehr kritisch gegenüberstehen und dies deutlicher artikulieren können, als es zurzeit in der Türkei möglich ist.

Lässt sich diese Spaltung auch an Organisationen festmachen?

Ja. Es gibt Organisationen wie Ditib und Millî Görüş, die der türkischen Regierung nahestehen, teilweise von ihr finanziert werden. Auch andere Organisationen betreiben Formen fester oder freier Kooperation. Dann gibt es aber auch viele Migrantenvereine, Organisationen von Glaubensgemeinschaften, die grundsätzlich skeptisch zur AKP stehen. Bei Vereinen aus dem Umfeld der HDP und der kurdischen Bewegung ist das besonders deutlich.

Deniz Yücel hat das türkische Vorgehen in den kurdischen Gebieten scharf kritisiert. Das dürfte Kemalisten stören. Stehen sie zurzeit trotzdem hinter ihm?

Es gibt in der ersten Generation der türkischen Einwanderer immer noch einen gewissen Stolz, wenn Leute mit ­türkischen Namen in renommierten deutschen Medien arbeiten. Zudem habe ich die Vermutung, dass sehr viele Leute Deniz’ Texte in der Welt nicht gelesen haben, die türkisch-kurdische Leserschaft dürfte nicht so groß sein. Ein Interview mit dem PKK-Funktionär Cemil Bayık sorgt aber bei 80 bis 90 Prozent der Leute mit kemalistischem Hintergrund immer noch für einen Herzstillstand. Mit einem sogenannten Terroristen zu sprechen, ist in der türkischen Staatsideologie vom unteilbaren Vaterland eben nach wie vor ein no-go. Dieses Trauerspiel manifestiert sich auch in der türkisch-kemalistischen Sozialdemokratie.

Man kann in Kommentarspalten und den sozialen Medien ­gerade ein interessantes Phänomen beobachten: Die Anhänger von AfD und AKP sind einer Meinung im Fall Deniz. Überrascht Sie das?

Nein. Beide Parteien sind rechts. Obwohl die AfD den Islam angreift und vieles verachtet, für das die AKP steht, gibt es doch diese Gemeinsamkeit. Dass Deniz Yücels journalistische Arbeit solchen rechten Parteien nicht gefällt und daraus Übereinstimmungen entstehen, ist nicht überraschend.