Small Talk

»Gegenseitig die Hucke volljammern«

Hohe Arbeitslosenquote, niedriges Pro-Kopf-Einkommen und eine niedrige Lebenserwartung – deshalb zählt die Bundesregierung neben einigen ländlichen Regionen Ostdeutschlands auch die westdeutschen Städte Gelsenkirchen, Oberhausen und Herne zu den sogenannten abgehängten Regionen. Doch was tun gegen die Misere? Ein ­Mitarbeiter der Stadtverwaltung Gelsenkirchen bittet die katholische Kirche in der Partnerstadt Cottbus um Hilfe.

Small Talk Von Markus Ströhlein
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Guten Tag, Bernd Pohlmann von der Finanzverwaltung Gelsenkirchen. Wie Sie vielleicht aus der Zeitung erfahren haben, wurde Gelsenkirchen von der Bundesregierung als abgehängte Stadt eingestuft. Wir wollen uns nun ganz unbürokratisch an Institutionen in unserer Partnerstadt Cottbus wenden und vorfühlen, ob Hilfsbereitschaft im Rahmen dieser Städtepartnerschaft besteht.

Wie stellen Sie sich die Hilfe vor? Ich könnte mir vorstellen, dass wir als Kirche für die Einwohner Ihrer Stadt beten. Aber ich habe keine konkrete Vorstellung davon, was Ihnen vorschwebt.

Ein Stoßgebet kann ja zumindest nicht schaden. Wir haben aber durchaus konkrete Vorstellungen. Uns wäre beispielsweise geholfen, wenn es eine Möglichkeit gäbe, unbürokratisch Arbeitsplätze zu vermitteln, abseits der starren Wege der Jobcenter.

Bei uns in der Region sind Arbeitsplätze ebenfalls dünn gesät. Das ist unrealistisch, denke ich.

Oder in eine andere Richtung gedacht: Sachspenden. Die Spielplätze in unserer Stadt sehen schlimm aus. Betreibt die katholische Kirche in Cottbus Kindergärten? Wenn bei Ihnen altes Gerät übrig wäre, könnten wir Leute aus unserem Bauhof mit dem LKW nach Cottbus schicken, um die Sachen abzutransportieren. Sie hätten keinerlei Arbeit mit der Sache, wir wären froh.

Wir sind hier in der Diaspora. Wir haben eine einzige katholische Einrichtung in Cottbus und müssen selbst sehen, dass wir über die Runden kommen. Muss ich Ihnen ganz ehrlich so sagen. Vielleicht rufen Sie besser im Rathaus an. Aber da dürften Sie wahrscheinlich Ähnliches hören. Wir sind eben auch ein wenig abgehängt in Richtung Polen, so wie Sie in Richtung Holland.

Ja, das Ruhrgebiet ist nicht die beste Gegend.

Hier hat sich Vattenfall zurückgezogen, daran hat die ganze Region zu knabbern. Der Kohleabbau wird immer mehr zurückgefahren.

Genau wie bei uns.

ir können uns also gegenseitig die Hucke volljammern. Wir fühlen uns hier im Osten auch ganz schön abgehängt.

Vielleicht sollten wir uns zusammentun für unsere abgehängten Regionen. Aber zurück zum Konkreten: Haben Sie in Ihrer ­Kirchenverwaltung vielleicht Computer oder Monitore übrig?

Wissen Sie, wie klein die Verwaltung ist? Wir beiden Sekretärinnen haben eine Dreiviertelstelle und eine Halbtagsstelle. Wir haben gerade einmal 4 000 Katholiken hier in Cottbus. Wir leben in der völligen Diaspora.

Cottbus hat halb so viele Einwohner wie Gelsenkirchen. Da hatte ich mehr Katholiken erwartet.

Wir haben ja auch 40 Jahre Atheismus hinter uns. Es gibt mehr evangelische Einrichtungen in Cottbus.

Bei der evangelischen Kirche habe ich vorhin schon angerufen. Die haben anscheinend mehr Kapazitäten, konnten aber auch nicht viel versprechen.

Die beste Anlaufstelle dürfte die Stadtverwaltung sein. Die müsste den größten Überblick haben. Ich weiß natürlich nicht, ob dort ­Dinge ausrangiert werden.

Falls wir wirklich mit der Stadtverwaltung Cottbus die Möglichkeit sehen sollten, eine Solidaritätsaktion »Cottbus für Gelsenkirchen« auf die Beine zu stellen, dürfte ich mich dann noch einmal bei Ihnen melden? Es wäre ja wichtig, dass möglichst viele Institutionen die Sache unterstützen.

Schauen Sie doch erst einmal, wie es im Rathaus läuft. Dort können die Mitarbeiter solche Dinge am besten koordinieren. Der Partnerschaftsvertrag wurde ja zwischen den Kommunen geschlossen.

Ja, deshalb ist das Rathaus Cottbus auch der wichtigste Partner für uns, ganz klar. Wir wollen aber auch bei anderen Institutionen vorfühlen. Und die katholische Kirche ist ja eine bedeutende.

Ja, aber wie gesagt: Wir haben nicht die Relevanz wie im Westen. Wir leben auch von Weststütze.