Leiter einer Berliner Edeka-Filiale steht wegen des Tods eines Ladendiebs vor Gericht

Unbürokratisch totprügeln

In Berlin steht der Filialleiter eines Supermarkts vor Gericht. An seinen Schlägen starb im vergangenen Jahr ein moldawischer Ladendieb. Gewalt auszuüben, war für die männliche Belegschaft nicht ungewöhnlich.

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Eugeniu Botnari wollte seine Cousine besuchen. Und er wollte ihr einen Weinbrand mitbringen. Im September 2016 betrat er deshalb eine Edeka-Filiale im Berliner Bezirk Lichtenberg. Doch für den Weinbrand hatte er nicht das nötige Geld. Die Idee, die Flasche zu stehlen, sollte sich als verhängnisvoll erweisen. Der Filialleiter ertappte Botnari und verprügelte ihn derart brutal, dass dieser zwei Tage später an den Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas starb.
Das Foto, mit dem die Polizei später nach Hinweisen suchte, zeigt Botnari mit blauen Flecken und einer Wunde über dem Auge. Die Aufnahme war bereits Tage vor dem Vorfall bei Edeka im Zuge »erkennungsdienstlicher Maßnahmen« entstanden. Woher die Verletzungen rührten, mit denen Botnari von der Polizei fotografiert worden war, ist bislang ebenso wenig bekannt wie die Antwort auf die Frage, warum er sich nach der Tat des Filialleiters trotz starker Schmerzen nicht an einen Arzt wandte. Möglicherweise unterließ der Mann aus Moldawien dies, da er weder über eine Krankenversicherung noch über einen festen Wohnsitz verfügte.
Seit Ende Februar läuft der Prozess gegen André S., den Filialleiter und Sohn des Supermarktbesitzers. Während Letzterer nach dem Vorfall noch angab, dass es sich bloß um eine »Rangelei« gehandelt habe und sein Sohn »kein brutaler Mensch, kein Schläger« sei, zeichnet der Prozess nach drei von fünf Verhandlungstagen ein völlig anderes Bild. S. macht einen verunsicherten Eindruck. Er hat mittlerweile unter anderem gestanden, während der Tat Quarzhandschuhe getragen zu haben, die die Wucht der Schläge erhöhen. Seine Reue wirkt sogar glaubwürdig. Die Folgen, die sein Handeln nun für ihn haben könnte, sind erheblich. Das Urteil des Gerichts wird am kommenden Montag erwartet. Die brutalen Einzelheiten des Falls weisen jedoch weit über die Person des Filialleiters hinaus.
»Der Mann hat etwas in einer anderen Sprache vor sich hingebrabbelt. Das kann man ja schnell als Beleidigung auffassen«, sagt ein Zeuge, ein junger Mitarbeiter der Edeka-Filiale. Drei Meter neben ihm sitzt Botnaris Frau, die als Nebenklägerin auftritt. Er wisse nicht mehr genau, ob außer einem Schlag etwas passiert sei, er habe unter Schock gestanden, so der Mann. Der Schreck war offenbar seiner Sorge um die Sauberkeit im Laden nicht abträglich. Blut befand sich auf dem Boden und musste weg. »Ich bin dann nochmal mit der Wischmaschine drüber, weil da ja auch Mitarbeiter langgehen«, erinnert er sich.
Zudem berichten mehrere Mitarbeiter vor Gericht davon, dass es häufig zu ähnlichen Gewalttaten gekommen sei. Den Aussagen zufolge gab es diesbezüglich keine direkten Anweisungen. Vielmehr hätten S. und andere Führungskräfte »das so vorgelebt und damit den anderen männlichen Mitarbeitern signalisiert, dass man das so regelt«, wie ein Angestellter sagt. Einige hätten mit der Gewalt geprahlt, sich lustig gemacht, wenn man den Opfern – die Rede ist von Osteuropäern und Obdachlosen – beim Rausschmiss noch ein Bein gestellt habe.
Auch von Gewaltvideos und -bildern, die unter den Mitarbeitern kursierten, ist immer wieder die Rede. Bisher ist etwa bekannt, dass S. seinem Stellvertreter Bilder der Tat mit Kommentaren wie »Moldawien zu Gast bei Freunden« schickte, was in der Presse nur beiläufig Erwähnung fand – wenn überhaupt.
Es ist jedoch fraglich, ob der Rassismus, der dem Täter offenbar auch zur Legitimation seines Vorgehens diente, im Prozess eine explizite Rolle spielen wird. Die geäußerten Ressentiments erscheinen letztlich zu verworren und richten sich gegen den alkoholabhängigen deutschen Obdachlosen genauso wie gegen den Ladendieb vom Balkan. Wie der Rassismus ist der Sozialchauvinismus hierzulande viel zu tief verwurzelt, als dass beide Phänomene in diesem Fall juristisch eine besondere Schuld begründen könnten. Dagegen ist im Prozess häufig vom »harten Pflaster« am S-Bahnhof Lichtenberg die Rede, vom schweren Job, den man dort als Angestellter habe.
Der Fall Botnari ist nicht nur der traurige Tod eines Menschen und das vorläufige Ende einer Geschichte kameradschaftlicher Selbstjustiz. Er ist auch Ausdruck von Zeiten, in denen manche nicht mehr wissen, was mehr wert ist: der als nutzlos abgestempelte Mensch oder das Brötchen, das er klaut. So verwundert es auch nicht, dass die Bande der Mitarbeiter sich bei ihren Gewalttaten völlig im Recht sah. Schließlich, so sagt einer der Angestellten vor Gericht, sei es manchmal lächerlich, wegen eines gestohlenen Brötchens die Polizei zu rufen. Auch diese habe zum unbürokratischen Umgang geraten. »Selbst die Beamten haben gefragt, warum man denen nicht einfach eine klatscht«, sagt ein anderer Mitarbeiter.