Die Bostoner Indie-Legende Thalia Zedek

Wie die alten Blues-Leute

Die Bostoner Indie-Legende Thalia Zedek tourt mit ihrem neuen Album »Eve« durch Europa. Irene Eidinger und Tobias Herold haben die Musikerin in Berlin getroffen.

Vielen Leserinnen und Lesern dürfte diese Konstellation vertraut sein: Die eigene Jugend mit ihren vermeintlichen und real existierenden Konflikten fällt in das Jahrzehnt der neunziger Jahre. Man kann oder will nicht so recht dazugehören. Die Eurodance-Hits aus dem Radio oder der letzte Deutschpunk-Sampler halten als Soundtrack für diesen Lebensabschnitt schon rein ästhetisch nicht lange vor. Die passende akustische Droge kommt aus Nordamerika, wird mit Gitarren und Effektgeräten in unsauberen Underground-Laboren hergestellt, kursiert unter Namen wie Post-Punk, Grunge, Riot-Grrrl oder Alternative und sagt laut: »Liebe Welt, ich bin mindestens – mindestens! – so kaputt wie du.« Selbst »No Future!« ist in diesem Entwurf schon von gestern.

Als Sängerin und Gitarristin hat Thalia Zedek die laute und weltverweigernde Musik dieser Zeit in verschiedenen Konstellationen mitgeprägt. Sie ist eine Grande Dame des Underground-Rock. Und ist es doch nicht: Das Divenhafte und die Künstlergroßartigkeit, die darin mit anklingen, passen nicht zu Zedeks Persönlichkeit und ihrer Musik.Wir treffen in der Kreuzberger »Madonna Bar« eine Künstlerin, die über ihre Musik und den Kontext, in dem sie entsteht, immer konkret, nüchtern und ohne triste Selbstumkreisungen spricht. Thalia Zedek ist cool auf eine verbindliche, zugewandte Weise.

Zusammen mit dem Gitarristen Chris Brokaw und wechselnden anderen Bandmitgliedern veröffentlichte Zedek als Frontfrau mit der Band Come zwischen 1992 und 1998 vier Alben mit so prägnanten Titeln wie »Don’t Ask, Don’t Tell« oder »Near Life Experience«. Wie wichtig die Band für viele ist, zeigte sich anlässlich des Re-Issues ihres Debüts »Eleven: Eleven« vor vier Jahren erneut in zahlreichen enthusiastischen Besprechungen. Tragendes Stilelement war das raffinierte Ineinander von Zedeks und Brokaws Gitarrenspiel. Mikroskopisch vergrößerte Bluesmotive werden hier zerdehnt und zu statisch-dynamischen Konstruktionen geschichtet, die sich in überraschenden Wendepunkten auflösen. Andernorts finden sich straffe, schnelle Punknummern oder kühl-elegische, träumerische Songs, in denen eine unsentimentale, geradezu stoische Melancholie und zupackende Expressivität zusammenfinden. Thalia Zedeks stets ungekünstelter Gesang kommt ohne pathetische Untertöne aus. Statt eine vermeintliche Intimität aufzudrängen, wahrt er noch in den berührendsten Momenten eine Distanz zu sich und den Hörern. Dieser Zwischenraum eröffnet Schönheit und Tiefe ihrer Musik.

Wir treffen in der Kreuzberger »Madonna Bar« eine Künstlerin, die über ihre Musik nüchtern und ohne triste Selbstumkreisungen spricht. Thalia Zedek ist cool. Auf eine verbindliche, zugewandte Weise.

Es irritiert, wenn ohne weitere Charakterisierung ihres Gesangsstils oder der konkreten Wirkung in der Musik immer wieder auf Zedeks tiefe Stimme hingewiesen wird. Gern unter Zuhilfenahme des Klischees von Whiskey und Zigaretten.

Zedek selbst macht in dem Bemühen jüngerer Sängerinnen, besonders tief zu singen, derzeit eine Art Mode aus, der sie nicht viel abgewinnen kann. Umso euphorischer weist sie auf die Musikerin Haley Fohr alias Circuit des Yeux hin, die wie Zedek auf Thrill Jockey veröffentlicht: »Ihre Sachen müsst ihr euch unbedingt anhören, sie ist eine großartige Musikerin. Es klingt blöd, das so zu sagen, aber wenn ich ihre Musik höre – zum ersten Mal in meinem Leben fühlt es sich cool an, eine Frau mit einer tiefen Stimme zu sein.«

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Im Mainstream findet Thalia Zedek, die als ein weibliches Role Model in der Rockmusik gelten kann und als offen lesbische Künstlerin auftritt, vor allem konventionelle Rollenverteilungen vor: »Die populären Rockbands sind fast alles Männer. Eine Ausnahme wäre vielleicht PJ Harvey. Aber sie erscheint heute auch stark sexualisiert und feminin – was ich gar nicht als Kritik meine. Aber am Anfang war sie noch sehr ungekünstelt, jetzt ist sie eher wie eine Schauspielerin, sie spielt eine Rolle. Es nimmt der Musik nichts, aber es ist jetzt wie eine Show, wie Performance-Art.«


Zedek war Anfang 30, als sie mit Come die ersten Platten veröffentlichte, zuvor hatte sie bereits in Bands wie Uzi und Live Skull Musik gemacht. Dass der Sound, den die Musiker ihrer Generation prägten, in den Neunzigern zum großen Hype wurde und auch über Nordamerika hinaus eine ganze Jugendkultur definierte, erlebte sie vor allem als eine Veränderung des Produktionsumfelds. Die mit ihr verbundene Ästhetik und Haltung habe sich schon zuvor ausgeformt.

»Sehr viele Bands gab es ja schon eine ganze Weile. Für uns Musiker war es kein neuer oder revolutionärer Sound. Überraschend war eher der unerwartete Erfolg vieler Bands. Acts wie Dinosaur Jr. konnten plötzlich intensiv auf Tour gehen und von der Musik leben«, sagt Zedek. Der gemeinsame Bezugspunkt für ihre Generation sei Punkrock gewesen, womit sie mehr als nur einen musikalischen Stil meint. Dazu gehörten auch der DIY-Gedanke, Fanzines und die Idee, dass Inhalt vor technischem Können kommt. »Wenn ich heute junge Rockbands höre, finde ich das oft so poliert und glatt! Eine Ästhetik, die ich überhaupt nicht verstehen kann. Das hätte mich, als ich jung war, in keiner Weise interessiert. Natürlich war für uns die Musik wichtig, aber es ging immer auch um Freiheit und eine bestimmte Art des Ausdrucks.«

Bemerkenswert sei, dass fast alle, die sie aus dieser Zeit kennt, auch heute noch Musik machen. »Wir sind ein bisschen wie die alten Blues-Leute, wir werden immer dabei bleiben. J Mascis, Lydia Lunch, Thurston Moore, Steve Albini … alle machen heute noch Musik.«
Zedek schildert allerdings auch die Konflikte eines solchen Lebenswegs. In einer schwierigen Phase Mitte der nuller Jahre stellte sie ihre Identität und Zukunft als Musikerin in Frage. Abstrakte Erwartungen und Zweifel seien der schwierigste Gegner. Sich dem zu entziehen, sei entscheidend: »Letztlich mache ich Musik, weil ich muss und die Musik liebe. Ich liebe die Musiker, mit denen ich spiele. Unterwegs zu sein und Leuten zu begegnen, die schätzen und verstehen, was ich mache. Das ist ein Glück, für das ich sehr dankbar bin.«

»Afloat«, der Opener des Albums, hat im Englischen zwei Bedeutungen: schwimmend und schuldenfrei. Der Song bezieht sich auf die Überschwemmungen infolge des Hurrikans Sandy in New York und funktioniert wie eine sozioökonomische Allegorie.

Seit 2001 hat Thalia Zedek unter eigenem Namen fünf Alben und mehrere EPs veröffentlicht. Ihr Solodebüt »Been Here and Gone«, eine gespenstisch traurige Balladenplatte, eröffnet diesen Werkabschnitt. Reduzierte, langsam entfaltete Arrangements lassen gegenüber den druckvollen, dichten Texturen von Come mehr Raum für Zedeks Stimme.
Die Entstehungszeit des Albums war für Zedek persönlich schwierig und künstlerisch mit neuen Einflüssen verbunden. Sie hebt die intensive Begegnung und den Austausch mit der Sängerin Margarita Salaverria hervor, deren Gesang sie außergewöhnlich beeindruckte. Abseits der lauten Rockbühnen ergaben sich ruhigere Konstellationen mit befreundeten Musikern, die eine andere Arbeit mit der eigenen Stimme erlaubten. Zedek entdeckte die Gesangsstimme neu, die sie wie ein eigenständiges Instrument einsetzt.
»Ich schrieb damals viel an Material, in dem die Gitarre die Melodie führt und die Stimme folgt. Dann erkannte ich, die Stimme muss die Melodie führen!

Das war eine neue Art des Songwritings für mich. Was die Gitarre macht, reduzierte ich für diese Songs auf das Nötigste«.
Seit dieser Zeit begleiten sie der Pianist Mel Lederman und David Michael Curry, dessen Violine den Songs eine sehnsuchtsvolle Weite verleiht und im nächsten Moment an den Noise-Ausbrüchen von Zedeks Gitarre teilnehmen kann. Von seinen Wurzeln im Punkrock und der darin angeeigneten Haltung her verzweigt sich Thalia Zedeks Solowerk in breitere, über Moden und Genres hinausgehende amerikanische Songwriting-Traditionen. Das macht ihren Sound so unverwechselbar. Zedek erzählt: »Natürlich bin ich Amerikanerin und habe amerikanische Songs gehört, seit ich klein war. Aber ich bin sicher nicht die amerikanischste Person, die man sich vorstellen kann. Mein Umgang mit der amerikanischen Songtradition ist eher der eines Einwandererkindes.«

Thalia Zedeks Mutter wuchs in Wiesbaden auf und musste als Kind kurz nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten mit ihren Eltern nach Palästina fliehen. Zedeks Großeltern gehörten zu den wenigen jüdischen Flüchtlingen, die nach 1945 nach Deutschland zurückkehrten, was für deren Tochter undenkbar gewesen wäre, die selbst in die USA emigrierte.

Die Berichte über die verzweifelte Lage der syrischen Kriegsflüchtlinge in Europa verfolgte Zedek mit Bestürzung. Vor diesem Hintergrund entstand der Song »You Will Wake« auf ihrem neuen Album »Eve«. Der Song handelt von einem »Passenger on a midnight train/Tired and cold from the rain« in einer Situation zwischen Ausweglosigkeit und prekärem Hoffen: »It’s a dream but you will wake again.«
Solch diskrete Einflechtung politischer Inhalte ist kennzeichnend für Thalia Zedeks Songtexte. Wirklichkeit bearbeitet sie indirekt, auch gibt sie in ihren Texten kaum eigene Erfahrungen wider, wie sie sagt. Vielmehr seien der Ausgangspunkt oft Geschichten und Erlebnisse anderer, die sie aufgreift und verfremdet in die Lieder einfließen lässt. »Afloat«, der Opener des Albums, hat im Englischen zwei Bedeutungen: schwimmend und schuldenfrei. Der Song bezieht sich auf die Überschwemmungen infolge des Hurrikans Sandy in New York und funktioniert wie eine sozioökonomische Allegorie.

Zusammen mit Gavin McCarthy und Jason Sanford spielt Thalia Zedek in der 2013 gegründeten Gruppe E derzeit auch wieder eine sehr laute, puristisch explosive Musik, die aus dem gemeinsamen Jammen und Improvisieren heraus entsteht. Ihre erste Platte stellten E unlängst auf einer ausgedehnten Tour durch Nordamerika und Europa vor. In einer geschmackssicher eingerichteten Gegenwart wäre der vorwärtstreibende, mitreißende Song »Afloat«, den die Thalia Zedek Band für »Eve« eingespielt hat, heavy rotation im Radio. Auf der Vorgänger-EP »Six« hören wir die ursprüngliche, stillere Version dieses Tracks. Als eine Ausnahme in ihrem veröffentlichten Werk begleitet Zedek hier nur sich selbst, ihre Stimme, an der Gitarre, ohne weitere Instrumentierung. Das Verhältnis beider Fassungen veranschaulicht idealtypisch die Spannbreite von Zedeks Musik und führt zurück in deren Zentrum, zu ihrer Entstehungssituation. »Ich setze mich nicht hin und schreibe einen Song«, sagt Zedek. Über viele Stunden spiele sie für sich allein Gitarre, höre sich die Aufnahmen dann mit etwas Abstand an und verfolge interessante Motive weiter. Erst später kommen Texte hinzu und das gemeinsame Arrangieren in der Band. Am Ende unseres Gesprächs steht sie auf, um in Richtung Moritzplatz zu gehen, wo sie für einige Tage bei Freunden wohnt, bevor ihre Tour beginnt. Ob sie jetzt, wo es schon dunkel ist, den Weg finde? »Na klar«, meint Zedek, »immer geradeaus, oder?«

Die Europa-Tour der Thalia Zedek Band endet am 15. April mit einem Konzert im Berliner Acud.
Thalia Zedek Band: Eve (Thrill Jockey)
E: E (Thrill Jockey)