Die Situation von mexikanischen Arbeitsmigranten in den Grenzstädten Ciudad Juárez und El Paso

Auf der falschen Seite

US-Präsident Donald Trump will seine Mauer zu Mexiko als Erstes zwischen Ciudad Juárez und El Paso hochziehen. Da steht aber schon eine. Für die Grenzstädte ist die Arbeitsmigration aus Mexiko in die USA und auch deren Kontrolle Teil ihrer Geschichte. Die geplante Verschärfung der Grenzkontrollen erzeugt dennoch Unsicherheit.

Im Westen von El Paso und Ciudad Juárez, dort wo auf texanischer Seite der Sunland Park und auf chihuahuensischer Seite das Viertel Anapra liegt, ersetzten bereits Wochen vor Donald Trumps Amtsantritt gigantische rostbraune Stelen den Jahrzehnte alten Maschendrahtzaun. Eine Handvoll Halbstarker streift auf mexikanischer Seite an der Grenze entlang, auf einem schlammigen Pfad zwischen Müll und Gestrüpp. Eine Frau ruft in plötzlicher Panik einen kleinen Hund zurück, der neugierig zwischen den Stelen hindurch in die USA späht. Auf der anderen Seite sind Bauarbeiter mit neon­orangen Sicherheitshelmen mit der Grenzsicherung beschäftigt und bedienen schweres Gerät.

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Anapra, ein Randviertel von Ciudad Juárez, das sich in die Wüste frisst und dessen Bewohnerinnen und Bewohner bis auf 50 Meter an die Grenze zu den USA herangebaut haben, ist stadtbekannt für seine coyotes, für Schleuser, die Menschen auf die andere Seite bringen. Statistisch gesehen sind das jedoch nicht viele. Andere Orte entlang der 3 144 Kilometer langen Grenze zwischen Mexiko und den USA sind weitaus bedeutender für den klandestinen Grenzübertritt. Doch seit zwei Jahren ist Anapra im Blick von dubiosen konservativen US-Internetportalen wie Judicial Watch. Dass von Anapra aus Anhänger des »Islamischen Staats« (IS) Bombenangriffe auf die benachbarte Armeebasis Fort Bliss in El Paso planen, wie diese schreiben, wurde von den US-Behörden nie bestätigt.

Eine Vermutung, die lokale Akademiker schmunzeln lässt. »Anapra hat viele andere Probleme, aber der IS ist dort nicht zu finden«, sagt Josiah Heyman vom Zentrum für Interamerikanische und Grenzstudien an der Universität von Texas in El Paso (UTEP). Das Viertel gilt als einer der ärmsten Stadtteile von Juárez. Staubpisten ersetzen Straßen und es gibt erst seit wenigen Jahren Wasser- und Stromanschluss. Fast alle, die dort leben, arbeiten in den maquilas, den exportorientierten Fabriken im Süden der Stadt. Die Präsenz der »Aztecas«, einer alteingesessenen Bande, die dem Juárez-Kartell untersteht, ist unumstritten.

Im Jahr 2002 begannen einige Bewohner Anapras, auf US-amerikanischer Seite nahe der Grenze Waren von langsam fahrenden Zügen zu stehlen. FBI-Agenten drangen daraufhin durch den Zaun in das Viertel ein und entführten 14 Personen, darunter drei Minderjährige, in die USA, um sie dort ins Gefängnis zu sperren. Familienangehörige klagten an der Razzia beteiligte mexikanische Polizisten an und bezeichneten sie als Vaterlandsverräter. Der Zaun wurde geflickt und es schlüpften wieder ausschließlich Mexikanerinnen und Mexikaner hindurch, die im Norden Arbeit suchten.

Die meisten Menschen aus Ciudad Juárez überqueren allerdings ganz offiziell eine der drei Grenzbrücken nach El Paso. »Hier im Grenzraum bilden Bevölkerung, Wirtschaft, Arbeit und Kommunikation eine Einheit«, sagt der Anthropologe Heyman. Für ihn ist Trumps Mauerdiskurs fernab jeder Realität. »Eine Mauer ist das Symbol der Trennung.« Trumps Wähler hingen einer archaischen Idee von »Rassentrennung« an. »Es soll eine klare Linie entstehen, die ›uns‹ von den ›anderen‹ trennt«, so Heyman. Tatsächlich leben in den Zwillingsstädten unzählige Menschen mit doppelter Staatsangehörigkeit. Im politischen Diskurs aber werde der alltägliche Grenzübertritt als gefährlich und unrein mystifiziert. »Eine Geographie des Guten und Bösen wird geschaffen«, schließt Heyman.

»Die Arbeit der Mexikaner in den USA wurde immer gebraucht, ihre Zuwanderung jedoch stets in rassistischer Manier kontrolliert.« David Romo, Historiker

Übertritte mit Geschichte
Auf der Grenzbrücke Santa Fé, die das Zentrum von Juárez mit Downtown El Paso verbindet, flattern die Fahnen im Wind, der die Wüste im Frühjahr heimsucht. Ein weder tags noch nachts versiegender Strom von Autos und Menschen läuft über die Brücke und den darunterliegenden Río Bravo. Seit dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846–1848) trennt der Fluss die damals entstandenen zwei Städte zweier Nationen. Er hat sich in ein schmales Rinnsal im Asphaltbett verwandelt, nachdem auf US-amerikanischer Seite ein Staudamm gebaut wurde.

Die Nordstaaten Mexikos wurden damals zu den Südstaaten der USA. Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Arbeitsmigration auf die andere Seite. Autoren des chicano movement betitelten dies in den sechziger Jahren als »Rückeroberung von Aztlán«, des sagenhaften Ursprungsorts der Azteken. »Die Arbeit der Mexikaner in den USA wurde immer gebraucht ihre Zuwanderung jedoch stets in rassistischer Manier kontrolliert«, sagt David Romo, ein Historiker mit graumeliertem Pferdeschwanz und hellen Augen. »Zwei Jahrzehnte bevor Zyklon B in nazideutschen Konzentrationslagern zur Ermordung mehrerer Millionen Menschen eingesetzt wurde, wurde es in El Paso zur ›Entlausung‹ von mexikanischen Arbeitern verwendet, die die Grenze überquerten«, berichtet er. Für die Betroffenen ein entwürdigender Prozess; für deutsche Fachzeitschriften der Schädlingsbekämpfung eine Nachricht wert, auf die erste tödliche Versuche der SS mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel folgten, die das massenhafte Töten im Holocaust vorbereiteten.

Mittlerweile besteht die Einwohnerschaft von El Paso zu fast 84 Prozent aus Menschen mexikanischer Abstammung. Sie nennen sich chicanos, wenn sie sich positiv auf selbige beziehen – oder werden pochos genannt, wenn sie mit Inbrunst dem American Way of Life folgen. Im Segundo Barrio, dem historischen Arbeiterviertel direkt hinter der Grenze, haben die Geschäfte spanische Namen. Bunte Wandgemälde im mexikanischen Stil zieren die Backsteinwände der alten Häuser mit Feuerleitern. Männer tragen Sombreros und Schaufenster präsentieren knallrosa oder fliederfarbene Prinzessinnenkleider für die quinceañeras, die 15jährigen, deren Geburtstag in Mexiko groß gefeiert wird.

»Hier entstand 1916 der Roman ›Los de Abajo‹ (Die Rechtlosen) von Mariano Azuela«, bemerkt Romo und zeigt auf eine schwarz angelaufene Messingplatte auf einer Häuserwand. Azuela war ein Arzt, der in Pancho Villas Revolutionsheer diente und die Marginalisierung der mexikanischen Landarbeiterschaft beschrieb. Die Revolution war erfolgreich; die Marginalisierung blieb weitestgehend bestehen und betraf ebenso die migrantischen Arbeiterinnen und Arbeiter auf US-amerikanischer Seite. Auch das Bracero-Programm (1942–1964), ein Gastarbeiterprogramm, das erstmals mexikanische Landarbeiterinnen und -arbeiter in großer Zahl in die USA brachte, stand unter diesem Stern. »Die Arbeiter wurden auf Südstaatenfarmen ausgebeutet und fordern heute noch ihren vom mexikanischen Staat unterschlagenen Lohn«, so Romo. In Folge des Bracero-Programms entstand die berühmte Gewerkschaft United Farm Workers, angeführt von den chicano-Aktivisten Dolores Huerta und César Chávez. Mexiko wurde zur Auswanderernation.

»Oft sehe ich meine Familie nicht, weil ich lieber die Hälfte der Woche in El Paso bei einer Freundin unterkomme, als beim Grenzübertritt meine Existenz zu riskieren.« Francisca López*, Reinigungskraft

Tägliche Schikane
Vor allem morgens stauen sich die Menschen auf der Grenzbrücke Santa Fé vor dem Eingang der US-amerikanischen Grenzanlage. Während Richtung Mexiko niemand kontrolliert und die nur manchmal anwesenden Zollbeamten gelangweilt an den Einreisenden vorbeistarren, herrscht Richtung USA ein rigides Grenzregime. Beamte des Department of Homeland Security herrschen die aus der Schlange Hervortretenden an: »Welchem Beruf gehen Sie nach? Was ist Ihr Motiv für die Einreise?« Um sie daraufhin mit weiteren Fragen zu bombardieren, die darauf zielen, die Grenzgänger nervös zu machen und Ungereimtheiten ans Tageslicht zu bringen. Es ist eine Prozedur, die Schülerinnen und Studierende, die in El Paso Bildungseinrichtungen besuchen, unzählige Händler, klandestin auf der anderen Seite Arbeitende sowie alle Personen, deren Familie diesseits und jenseits der Grenze wohnen, tagtäglich über sich ergehen lassen müssen.

Davor liegt zumeist ein langer Prozess. In der Betonfestung des US-Konsulats von Ciudad Juárez – dem größten der Welt – beantragt man ein Visum oder man verbringt endlose Stunden in der Warteschlange zur Beantragung einer Einreisegenehmigung direkt an der Grenze, wenn der Aufenthalt über 72 Stunden Dauer oder 100 Meilen Inlandfahrt hinausgeht. Die Atmosphäre ist angespannt. Die Menschen warten auf das gnadenvolle Heranwinken der ein bis drei Beamten und Beamtinnen in blauer Uniform, die nur sporadisch hinter einem der 15 Schalter auftauchen. Diese weigern sich, Spanisch zu sprechen, auch wenn sie Nachnamen wie Hernández oder Villanueva in Gold gestickt auf der Brust tragen, und lassen Antragstellende selbst nach fünf Stunden Wartezeit willkürlich abblitzen: »Next!« Empörung leuchtet in den Augen der Wartenden auf, leise wird auf Spanisch getuschelt, am Schalter hört man unterwürfig: »Yes, Madam. No, Officer.«

Francisca López* versucht mittlerweile, ihre Grenzübertritte auf ein Minimum zu reduzieren. Sie ist eine der unzähligen Frauen aus Ciudad Juárez, die in El Paso als Reinigungskräfte arbeiten; die die Brücke mit einem Touristenvisum passieren, um auf der anderen Seite die begehrten billetes verdes, die grünen Dollarscheine, zu verdienen. Der Ausbau der Mauer dürfte diese Art der Arbeitsmigration verstärken. Voraussichtlich werden immer mehr Frauen aus der Mittelschicht mit legalen Einreisemöglichkeiten ungesicherte Arbeitsverhältnisse in den USA aufnehmen, da der klandestine Grenzübertritt immer schwieriger wird. »Doch es ist ein Katz-und-Mausspiel«, erzählt die Anfang 50jährige Frau. »Die Beamten auf der Grenzbrücke kennen uns und wir kennen uns untereinander« – oft noch aus den Anfangszeiten der Maquila-Industrie in der boomenden Stadt Juárez. Während die Löhne in den mexikanischen Weltmarktfabriken miserabel bleiben und die Lebenshaltungskosten steigen, haben die Frauen auf der anderen Seite der Grenze bessere Jobs gefunden, jedoch informelle. Sie müssen verschärfte Kontrollen fürchten.

»Oft sehe ich meine Familie nicht, weil ich lieber die Hälfte der Woche in El Paso bei einer Freundin unterkomme, als beim Grenzübertritt meine Existenz zu riskieren«, berichtet López. Kontakt zu ihrer Familie hat sie dann nicht, denn ihr Handy nimmt sie nicht mehr mit. Immer öfter nehmen Grenzbeamte Handys weg, um Nachrichten zu lesen und so zu kontrollieren, was ihre Besitzerinnen und Besitzer in El Paso machen. »Seit dieser blonde Verrückte an der Macht ist, ist das Klima umgeschlagen«, klagt López. Wenn ein Visum entzogen wird, ist es zumeist auf Jahre unmöglich, ein neues zu beantragen. Das kennt Francisca López nur zu gut, denn auch ihre Geschwister ziehen die irregulären Arbeitsverhältnisse in El Paso den Hungerlöhnen in juarensischen Industrieparks vor. Ihr Bruder hatte jahrelang im Zentrum von El Paso in der Station der Greyhound-Busse gearbeitet. Eines Nachmittags wurde er kontrolliert, weil seine Stiefel nass waren – er hatte Busse gewaschen. Die Migrationspolizei unterstellte ihm, er sei durch den Río Bravo gewatet, brachte ihn über die Brücke nach Juárez zurück und entzog ihm das angeblich gefälschte Visum.

Viertel der Abgeschobenen
Den Greyhound-Bus von El Paso aus hatte Emilio Álvarez* vor ein paar Jahren genommen. Auf der anderen Seite der Grenze betritt der sportlich gekleidete Mann um die 40 die hohe Halle der Überlandbusstation. Er ist gerade abgeschoben worden. Seine Familie hat ihm Geld aus Mexiko-Stadt geschickt – für das Busticket in die 1 800 Kilometer entfernte Hauptstadt. Álvarez bekreuzigt sich vor der überlebensgroßen Statue der Jungfrau von Guadalupe, der mexikanischen Schutzheiligen, in der Schalterhalle. Vor einem halben Jahr ist er bei seiner Arbeit als Maler vom Gerüst gefallen. Ob er jemals wieder laufen würde, stand lange in den Sternen. »Als ich aus der Reha kam, hat mich mein Arbeitgeber angezeigt, um sich durch die Abschiebung vor Schadensersatzansprüchen zu schützen.« Álvarez saß drei Monate im Gefängnis. »Über Weihnachten, über Silvester, am Valentinstag … Mit Mördern und Bandenmitgliedern, das war nicht einfach«, erzählt er. In Denver hat er 18 US-Dollar pro Stunde verdient. »Denver ist schick, alle wollen nach Denver, spätestens seit dort der Marihuanakonsum legalisiert wurde.« Während die nahe Universitätsstadt Boulder zur sanctuary city erklärt wurde, die Papierlose schützt (Jungle World 05/2017), können in Denver jederzeit Menschen abgeschoben werden. Oftmals nicht ohne vorher monatelange Gefängnisstrafen abzusitzen und weitere Jahre Haft bei irregulärer Rückkehr angedroht zu bekommen.

»El Paso entwickelt sich zum Drehkreuz für Abschiebungen aus den USA«, berichtet Marie-Laure Coubès vom Studieninstitut Colegio de la Frontera Norte (COLEF). »Die Angst vor massenhaften Abschiebungen mexikanischer Staatsbürger durch Trump ist groß. In Vergessenheit gerät, dass es diese längst unter Obama gab.« Während die Migration nach Norden wegen der Wirtschaftskrise in den USA stark zurückging, stieg die Zahl der Abschiebungen von rund 267 000 unter George W. Bush (2001–2009) auf fast 700 000 Abschiebungen unter Barack Obama (2009–2017). »Menschen werden nicht mehr beim Grenzübertritt festgenommen, sondern diejenigen werden gesucht, die seit Jahren ohne Papiere in den USA leben. Das hat Familien brutal auseinandergerissen.« Abgeschobene lassen sich in den mexikanischen Grenzstädten nieder, damit Familienangehörige mit Papieren sie besuchen kommen können. »Diese Migranten sind gefangen im Grenzraum«, so Coubès. Sie stellten die ärmste Bevölkerungsgruppe vor Ort und ertrügen eine große Emotionale Belastung aufgrund der Trennung.

Das Viertel Anapra wurde einst von Abgeschobenen direkt hinter der Grenze gegründet. Mittlerweile entstehen neue Armenviertel im Süden von Ciudad Juárez. Mitten in der Wüste bauen Menschen dort provisorische Hütten aus dem Schutt der maquilas, in denen sie arbeiten. Kein einziger Baum spendet Schatten. Die Monotonie der Baracken wird nur durch evangelikale Kirchen und Kioske unterbrochen, die Cola, Chips und Prepaid-Karten verkaufen. Es sind die einzigen öffentlichen Orte, an denen sich die Bewohnerinnen und Bewohner der namenlosen Neubausiedlungen treffen. Hier erzählen sie vom maquilón, der Akkordarbeit in den Weltmarktfabriken, und stellen die bange Frage, ob Trump tatsächlich die in ihrer Mehrheit US-amerikanischen Unternehmen wie Lexmark, Delphi, Johnson Controls und Lear dazu bringen wird, abzuziehen.

Es ist ein Thema, das ebenso in den Mittelschichtsvierteln im Zentrum und den Villenvierteln im Osten von Ciudad Juárez verhandelt wird, wo Ingenieure, Personalmanager, Techniker und Direktoren der riesigen Produktionshallen wohnen. Experten sagen, dass es viel eher der wachsende Einsatz von Robotern sei, der Arbeitsplätze gefährdet, und dass ein Ausstieg der USA aus dem Nafta-Abkommen gemäß Artikel 2205 illusorisch sei. In diesen Vierteln mit Vorgärten und Autostellplätzen hinter schmiedeeisernen Toren entscheiden sich viele Frauen für einen Schritt, der ihren Zweifeln bezüglich der Beziehungen zu den USA geschuldet ist: Sie bringen ihre Kinder mit einem Touristenvisum in den Kliniken von El Paso zur Welt. So ist diesen die US-amerikanische Staatsbürgerschaft sicher und sie können Arbeitsplatz und Wohnort frei wählen. Es ist eine stille Unterwanderung der neuen alten Mauer.


* Namen von der Redaktion geändert.