Die Geschichte des brasilianischen Torwarts Bruno Fernande de Souza

Aufstieg und Fall des Bruno Fernandes de Souza

Dem brasilianischen Torwart Bruno Fernandes de Souza gelang der Aufstieg aus der Favela zum gefeierten Fußballstar. Dann kam der Absturz.

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Zunächst hatte die Geschichte des Torwarts Bruno Fernandes de Souza, bekannt als Bruno, alles, was den brasilianischen Fußballtraum ausmacht: den Aufstieg aus der Favela zum gefeierten Fußballstar, schnelles Geld, Ruhm und Heldenverehrung durch die Fans. Doch 2010 wurde seine Geliebte ermordet und drei Jahre später wurde Bruno selbst wegen Mordes und Kidnapping zu 22 Jahren Haft verurteilt. Im Februar 2017 wurde er vorzeitig entlassen.

Anfang März unterschrieb Bruno beim Zweitligaclub Boa Esporte aus Varginha im Bundesstaat Minas Gerais im Südosten Brasiliens einen Profivertrag. Während des obligatorischen medizinischen Tests präsentierte sich der heute 32jährige lachend und bestens gelaunt. Erst im Februar war er auf Beschluss des Oberstens Gerichtshofs nach sieben Jahren ­Gefängnis überraschend auf Bewährung freigelassen worden; wegen der überforderten Gerichtsbarkeit in Brasilien war auch vier Jahre nach seiner Verurteilung noch nicht über Brunos Berufung gegen den da­maligen Schuldspruch entschieden worden. Seit 2010 hatte Bruno im Gefängnis gesessen; 2013 schließlich war er zu 22 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. Dem Urteil zufolge hatte er seine Geliebte Eliza Samudio ermorden und angeblich an Hunde verfüttern lassen.

Zweitligaaufsteiger Boa Esporte sah sich wegen der Verpflichtung Brunos heftigen Vorwürfen ausgesetzt. In den sozialen Netzwerken kritisierten Hunderte in Kommentaren die Entscheidung. »Glaubt ihr, das Volk ist eine Bestie? Dass es einen Mörder unterstützen wird? Brasilien ist nicht umsonst im Eimer«, schrieb ein Anhänger auf der Facebook-Seite des Clubs.

Und das war nicht alles: Der Haupt­sponsor und weitere Geldgeber zogen sich zurück, der Ausrüster kündigte seinen Vertrag und die Website des Vereins wurde gehackt. Beim Anklicken der Seite erschien in großen Lettern die Frage: »Und, hat Bruno schon gesagt, wo die Leiche von Eliza ist?« Zudem wurde dem Club und seinen Sponsoren vorgeworfen, Gewalt gegen Frauen zu unterstützen.

Brasilien gilt als eines der Länder, die weltweit die höchste Zahl an Frauenmorden zu verzeichnen haben. Nach einem im vergangenen Jahr veröffentlichten Bericht der NGO Fórum Brasileiro de Segurança Pública wurden im Jahr 2014 in Brasilien 4 757 Frauen ermordet – alle zwei Stunden eine. In einem Bericht aus dem Jahr 2016 stellte Amnesty International fest, dass die Zahl der Frauen, die durch Gewalttaten ums Leben kommen, zwischen 2000 und 2010 um 24 Prozent zugenommen hat – nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Datafolha war ein Drittel der brasilianischen Frauen in den vergangenen zwölf Monaten körperlicher, psychischer oder verbaler Gewalt ausgesetzt.

Davon unbeeindruckt verteidigte Boa Esportes Präsident Rone Moraes da Costa auf Facebook das Vorgehen des Clubs als »Teil der sozialen Verpflichtung des Unternehmens«. Boa Esporte sei »weder für die Freilassung noch die Freiheit von Bruno verantwortlich, aber der Club und seine Verantwortlichen (…) versuchen, Gerechtigkeit walten zu lassen, indem sie einem Menschen helfen, und dem Gesetz Geltung zu verschaffen, indem sie jemanden Arbeit geben, der wiedergutmachen will«, so Moraes weiter. Dieses Statement hatte allerdings nur noch mehr negative Kommentare zur Folge.

Bruno wuchs in Santa Matilde auf, einem Elendsviertel im Einzugs­gebiet der Millionenstadt Belo Horizonte. Seinen Vater, der mit dem Verkauf von Drogen sein Geld verdiente und dabei ums Leben kam, lernte er nie kennen; die Mutter ließ den kleinen Bruno kurz nach der ­Geburt allein. Die Großeltern kümmerten sich um das Kind. Den Weg aus der Favela ermöglichte schließlich der Fußball – wie so oft bei bra­silianischen Fussballstars. Bruno heiratete die Zahnärztin Dayanne ­Souza, mit der er zwei Kinder hat. Mit Rio de Janeiros Spitzenclub Flamengo, dem beliebtesten Team des Landes, gewann Bruno 2009 die Meisterschaft; der FC Barcelona soll daran interessiert gewesen sein, ihn zu verpflichten, außerdem galt er als Kandidat für die Seleção, Brasiliens Nationalmannschaft. Gut möglich, dass er bei der Heim-WM 2014 im Tor gestanden hätte. Aber es kam alles ganz anders.

Immer wieder waren Geschichten über rauschende Parties, fliegende Fäuste und junge Prostituierte auf Brunos Anwesen im Hinterland von Minas Gerais veröffentlicht worden. Diverse Liebschaften zerrütteten seine Ehe, vor laufenden Kameras äußerte Bruno Verständnis für Männer, die ihre Frauen schlagen – seiner Popularität tat dies alles allerdings keinen Abbruch. Im Mai 2009 lernte Bruno dann auf einer Party eines Flamengo-Teamkollegen die damals 24jährige Eliza Samudio kennen, Nacktmodell und Porno-Sternchen. Sie wurde von ihm schwanger, und Bruno bestand auf einer Abtreibung. Als sie sich weigerte, soll der Fußballprofi sie geschlagen und zur Einnahme von Abtreibungsmedikamenten gezwungen haben.
Aber trotz aller Drohungen brachte Eliza Anfang 2010 den gemeinsamen Sohn Bruninho zur Welt. Bruno stritt die Vaterschaft ab; Eliza Samudio verklagte ihn auf Unterhaltszahlungen. Ein Gericht sprach ihr etwas mehr als 1 000 Euro pro Monat und eine Mietwohnung zu. Doch sie wollte mehr Geld und drohte, die Geschichte in der Presse auszuschlachten. Bruno hatte damals ein millionenschweres Angebot des AC Milan auf dem Tisch; auch sollte seine Ehefrau nichts von der Affäre erfahren. Anfang Juni 2010 verschwand Eliza Samudio spurlos.

Der Verdacht fiel früh auf den Fußballer. Polizeierkenntnissen zufolge war er bei dem Mord anwesend. Dies sagte ein damals 17 Jahre alter Cousin des Torhüters aus, der an der Tat beteiligt war. Eliza wurde demnach entführt und mehrere Tage auf Brunos Anwesen festgehalten und gequält. Später wurde sie von einem von Bruno bezahlten Auftragskiller, dem ehemaligen Polizisten Marcos Aparecido dos Santos, genannt Bola, ermordet. Die Leiche sei später zerhackt und an Brunos Rottweiler verfüttert worden.

Später widerrief der Minderjährige seine Aussage und sagte, dass er bei dem Verhör unter Drogeneinfluss gestanden habe und ihm Gewalt angedroht worden sei.

Doch die Indizien und andere Zeugenaussagen ließen darauf schließen, dass sich die Tat so oder so ähnlich abgespielt haben dürfte. In dem Prozess gestand Bruno schließlich seine Anwesenheit während der Tat, aber nie, den Mord in Auftrag gegeben zu haben. Als es für ihn während der Verhandlung immer enger wurde, wies Bruno seinen ihm treu ergebenen Kumpel Luiz Henrique Romão, genannt Macarrão, schriftlich an, den Mord auf sich zu nehmen. Dieser Brief wurde jedoch abgefangen und veröffentlicht.

Bei der Urteilsverkündung bescheinigte die Richterin Bruno »eine ­verdrehte Persönlichkeit, weit entfernt von den durchschnittlichen Standards der Normalität«. Die Geschworenen hätten ihn als »gewalttätige, kaltblütige und hinterhältige Person« empfunden, die »einen teuflischen Mordplan ausgeheckt« habe, so die Richterin. Seinem Opfer soll Bruno gesagt haben: »Ich komme aus der Favela. Du weißt nicht, wozu ich fähig bin.«
Elizas Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Zuletzt hatte Brunos Bruder Rodrigo Fernandes Schlagzeilen gemacht, als er öffentlich erklärte, zu wissen, wo sie versteckt wurde – den Ort aber nur im Tausch gegen die Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm preiszugeben.

Für die Familie des Mordopfers sind die ständigen Schlagzeilen besonders belastend, denn der kleine Bruninho ist mittlerweile sechs Jahre alt und bekommt beim Fernsehgucken oder durch Klassenkameraden mehr mit, als seiner für ihn sorgenden Großmutter lieb ist. »Er weiß, dass seine Mutter tot ist und sein Vater Bruno heißt, aber er weiß noch nicht, dass der Torhüter Bruno sein Vater ist und die Mutter umgebracht hat«, sagte die Anwältin der Angehörigen Ende 2016 und bat die Medien, die Familie in Ruhe zu lassen.

Nach der Rückkehr von Bruno ins Fußballgeschäft ist das kaum noch möglich. Nach seiner Vorstellung bei Boa Esporte betonte er: »Es ist mir egal, was die Leute sagen.« Er wolle endlich wieder sportlich Schlagzeilen machen. Seinem Anwalt zufolge ­lagen ihm sogar Angebote mehrerer Clubs vor und Boa Esporte verteidigte den Vertrag: »Bruno hat eine zweite Chance als Profi verdient.«

Nun entschied der Oberste Gerichtshof in Brasilien, dass der Fußballer den Ausgang seiner Berufungsverhandlung nicht in Freiheit abwarten darf – Bruno ist vorige Woche ins Gefängnis zurückgekehrt.