Die Jugend des Jungle World-Gründers Klaus Behnken

Freiheit und Sozialismus

Von West nach Ost, von Ost nach West: Wie seine Jugend in DDR und BRD den »Jungle World«-Gründer Klaus Behnken prägte.

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Es schneite, als ich das letzte Mal mit Klaus Behnken spazieren ging. Gemeinsam liefen wir von seiner Wohnung am Tempelhofer Ufer in den Elise-Tilse-Park südlich des Tempodroms in Berlin-Kreuzberg. Vorbei am schwebenden Rosinenbomber des Deutschen Technikmuseums führt hier der Anhalter Steg über den Landwehrkanal – das war bis zu seinem Tod im Oktober 2016 sein Berliner Kiez.

Dass das ehemalige Gelände des Anhalter Bahnhofs nur ein paar hundert Meter von dem Ort entfernt liegt, an dem der jugendliche Klaus Behnken sein erstes Berliner Zuhause zugewiesen bekam, wusste ich bei dem Treffen nicht. Nach Zwischenstopp im Aufnahme- und Durchgangslager Marienfelde kamen er und sein ein Jahr jüngerer Bruder Hajo im J­anuar 1959 im Männerschlafsaal des Heims Dunant unter, Anschrift: ­Askanischer Platz 3. Heute hat in dem Gebäude der Tagesspiegel seinen Sitz.

Mit ihrer Mutter waren die beiden Jungen aus der DDR nach Westberlin geflohen – nur vier Jahre nach der Übersiedlung der Familie von Hamburg ins sachsen-anhaltinische Bergzow, wo Lisa Paul, die Mutter, 1924 zur Welt gekommen war. 1940 lernte sie dort den 1919 in Hamburg geborenen Hans-Heinrich Behnken kennen und lieben, Offizier im Hamburger 76er-Infanterieregiment. Kurz nach Kriegsbeginn war dessen Kompanie in Bergzow einquartiert worden, 1941 wurde er vor Leningrad schwer verwundet. Nach langen Lazarett­aufenthalten entschieden seine Vorgesetzten, ihn in Hamburg-Rahlstedt als Ausbildungsoffizier einzusetzen. Zu seinen vielen Aufgaben zählte es, Exekutionskommandos auf dem Schießplatz Höltigbaum zu kommandieren, wo sogenannte Plünderer und Deserteure hingerichtet wurden, zählte zu seinen Aufgaben.

1943 heirateten Lisa und Hans-Heinrich Behnken in Bergzow bei Genthin, im Frühjahr 1945 holte der Vater seine Frau, den einjährigen Klaus und den Säugling Hajo zu sich nach Hamburg. Wegen der ständigen Bombenangriffe war die kleine Wohnung in der Alstersdorfer Straße, die die Eltern nach der Hochzeit bezogen hatten, in den letzten Kriegswochen nicht sicher. So verbrachten sie diese in der Boehn-Kaserne, in der der Vater stationiert war. Die Wehrmacht sei sauber geblieben, erzählte er den beiden Jungen – und seinem 1957 geborenen Sohn aus zweiter Ehe, Jan-Peter – später über seine Einsätze an der Ostfront. Mit Morphium versuchte er die Folgen seiner Verwundung besser zu ertragen. Klaus Behnken hatte bis zu dessen Tod 1997 ein gestörtes Verhältnis zu seinem Vater.

Lisa Behnken hatte sich im Jahrzehnt nach dem Kriegsende innerlich immer mehr von ihrem Mann entfernt. Noch vor der Scheidung 1956 kehrte sie im Juli 1954 mit den beiden Söhnen zurück ins Elternhaus in Bergzow, das nun zum DDR-Bezirk Magdeburg gehörte. Im selben Jahr verließen auch Wolf Biermann und die Familie Angela Merkels die Hansestadt. Doch anders als die später zu Prominenz gelangten Westostflüchtlinge zog es die Behnkens bald wieder weg aus dem sozialistischen Deutschland. Von West nach Ost, von Ostdeutschland nach Westberlin – einschneidende Erfahrungen für den bei der Ankunft am Anhalter Bahnhof erst 14 Jahre alten Jungen.

Ein Nachkriegskind wie Millionen andere, gewiss. Und doch eines mit einer etwas anderen Jugend im geteilten Deutschland. Auch weil er sich verliebt hatte in einen Klassenkameraden, sperrte er sich bis zum Schluss gegen die von der Mutter angeordnete Republikflucht, erzählte sein Bruder Hajo Jahrzehnte später.
Doch auch die von ihm so wahr
genommenen Vorzüge des Staats­sozialismus machten dem jungen Klaus Behnken den Abschied schwer. Junger Pionier mit zehn Jahren, Jugendweihe mit 14: An Anerkennung durch die Autoritäten des antifaschistischen Vorzeigestaats mangelte es ihm in seinen vier Jahren in der DDR nicht. Schnell stieg er auf zum Gruppenratsvorsitzenden seiner Klasse in der Grundschule IV in Genthin. Beim Fahnenappell meldete er der Schulleitung Montag für Montag pflichtbewusst die Anwesenheit seiner Mitschüler. Manche hätten ihn deshalb und wegen seiner Systemkonformität als »Iwan« verspottet, erinnert sich sein Bruder.

»Unsere Regierung tut alles für die Erholung der Kinder in den Ferien­tagen«, schrieben die beiden in einem Leserbrief in der Genthiner Volksstimme im August 1956. »Wir werden es ihr dadurch danken, indem wir in der Schule fleißig lernen werden.« Der Text erschien vier Tage nach dem Tod Bertolt Brechts und einen nach dem KPD-Verbot in Westdeutschland. An der Protestkundgebung, zu der der Kreisausschuss der Nationalen Front die Werktätigen und Einwohner Genthins auf den Ernst-Thälmann-Platz rief, nahmen die Behnken-Brüder selbstverständlich teil.

Zwei Jahre später kam dann der abrupte Abschied aus der DDR. Im Kinderwagen mit dabei: Lutz und die drei Jahre alte Marina, Kinder von Lisa und ihrem neuen Ehemann Hans Johann Friedl, den sie in Genthin kennengelernt hatte. Rund um den Anhalter Bahnhof sogen Hajo und Klaus begierig die Luft der zerstörten Großstadt auf, Metropolenatmosphäre nach vier Jahren Provinz: die Ruinen von Deutschland- und Europa-Haus, herumliegende Fahrkartenrollen der Reichsbahn neben den Gleisen des ausgebombten Bahnhofs, zwielichtige Gestalten am Potsdamer Platz, Westfilme – und rotrandiger Edamerkäse aus einem provisorischen Lebensmittelladen unweit des Gropius-Baus. Daran erinnert sich Hajo Behnken fast 60 Jahre später wie gestern.

»Wir waren wie Zwillinge«, sagt der 72jährige über Kindheit und Jugend mit seinem Bruder Klaus. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen lassen ihn bis ins hohe Alter nicht los. Und auch Klaus Behnken brachte noch während des Kosovo-Kriegs 1999, als Bundeskanzler Gerhard Schröder deutsche Soldaten in ihren ersten Kampfeinsatz nach 1945 schickte, seine politische Haltung auf die Formel: »Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!«

Politisiert hatte er sich in der »Ohne mich«-Friedensbewegung der jungen Bundesrepublik. Westberlin hatte die Familie da bereits wieder verlassen, in Augsburg siedelte sie sich nach Zwischenstopps in zwei Umsiedlungslagern an – nach dem Tod ihres zweiten Manns Hans 1961 mit Lisa Behnken als alleinerziehender Mutter. Wie ihr Sohn Hajo lebt sie bis heute in Augsburg. Klaus besuchte zunächst das Deutsche Gymnasium in Eichstätt, dann das Laubach-Kolleg in Hessen, wo er 1965 die Abschlussrede seines Abiturjahrgangs hielt. Kurz darauf führte ihn das Soziologiestudium nach Tübingen, hinein in die aufkommende Außerparlamentarische Opposition. Student und gern gesehener Gast bei Ernst Bloch war er schon mit Anfang zwanzig; auch mit Walter Jens, der seinen 1960 in Hamburg verstorbenen Großvater, den plattdeutschen Heimatschriftsteller Heinrich Behnken, gekannt hatte, verkehrte er.

Nach einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg im Februar 1968 wurden er und zwei weitere Führungsmitglieder der Tübinger Hochschulgruppe des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) zu drei Monaten ohne Bewährung verurteilt; im Berufungsverfahren 1969 sprach der Richter sie vom Vorwurf des Landfriedenbruchs frei. Dem Bundesvorstand des SDS gehörte er an, bevor sich dieser 1970 auflöste. Einige Zeit betrieb er dann noch einen Buchladen in der Tübinger Kronenstraße, bevor er über Bochum 1977 nach West­berlin zog.

Bereits zuvor hatte er die Liebe seines Lebens kennengelernt, den Fotosammler Christian Bouqueret, der 2013 an den Folgen von Aids starb. In der geteilten Hauptstadt intensivierte sich die Zusammenarbeit mit den Herausgebern der Zeitschrift Die Republik, Uwe und Petra Nettelbeck, mit denen er seit 1968 befreundet war. Für sie editierte er die »Deutschland-Berichte der SPD (Sopade)«, sieben Bände, in denen SPD-Mitglieder im Auftrag des Exilvorstands ein vielschichtiges Stimmungsbild der Jahre zwischen 1934 und 1940 zeichneten. Auch beim Lektorat von Bernward Vespers Romanessay »Die Reise« brachte Behnken seine Detailkenntnisse des Nationalsozialismus ein. Als »intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres ’68« hat Peter Weiss das Werk des Lebensgefährten von Gudrun Ensslin und Sohn des NS-Literaturfunktionärs Will Vesper be­zeichnet.

»Mit wie wenigen Zeilen ist ein langes Leben umrissen, wenn man nur die äußeren Daten bedenkt«, schrieb Heinrich Behnken in dem autobiographischen Abriss »Etwas über mich selbst« vier Jahre vor seinem Tod. »Aber wie unübersehbar dehnt sich die Fülle des Stoffes, wenn man die inneren Ereignisse betrachtet.« Als sein Großvater diese Sätze 1956 zu Papier brachte, zählte Klaus Behnken in Genthin bereits zu den Lesern der Jungen Welt, dessen Chefredakteur er vier Jahrzehnte später werden sollte.

Von der Notwendigkeit, »gegen faschistische und restaurative Tendenzen und ihre Verharmlosung Einspruch zu erheben«, schrieb er 1995 in der einstigen Zeitung der Freien Deutschen Jugend. Und er hinterließ ein knappes publizistisches Programm, das seit seinen Jahren als unser Chef vom Dienst auch die Jungle World auszeichnet: »Diese Zeitung – so wie sie heute erscheint und morgen und wohl auch noch eine ganze Weile weiter – wird gemacht, weil gerade aus der Widersprüchlichkeit, aus dem Chaos, aus der Improvisation neue Ideen, notwendige Diskussionen und manchmal auch unerwünschte Einsichten entstehen.«