Mitherausgeber Deniz Yücel sitzt in einem türkischen Knast. Was tut die Bundesregierung?

Wir sind nicht vollzählig

Mit Deniz Yücel sitzt einer der Herausgeber der »Jungle World« für seine journalistische Arbeit in Haft. In die Stadt Istanbul verliebt hat er sich während seiner »Jungle«-Zeit.

Von Ivo Bozic
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Seit dem 14. Februar sitzt Deniz Yücel in einem türkischen Knast, als Geisel des Despoten Erdoğan. Dass er eine Geisel ist und kein rechtstaatliches Verfahren erwarten kann, darin sind sich die Repräsentanten der großen Parteien in Deutschland einig. Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Niels Annen, der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, Michael Brand, der menschenrechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, sie alle nennen Deniz eine »politische Geisel«.

Also eine Geiselnahme. Was tun? Normalerweise kommen hier die GSG9 oder das Kommando Spezialkräfte ins Spiel, man denkt an Mogadishu, Operation Eagle Claw, an Íngrid Betancourt. Natürlich nicht in diesem Fall. Die Bundesregierung plant keine Befreiungsaktion. Das ist verständlich. Doch was tut sie stattdessen? Ergebnislose Diplomatie – und nach außen ein paar große Worte. Doch im Grunde geht alles so weiter wie bisher: Nato-Mitgliedschaft, EU-Beitrittsverhandlungen, Wirtschaftshilfen, Flüchtlingsabkommen – nicht eine echte Konsequenz hat diese Geiselnahme für die Türkei.

Für Deniz Yücel schon. Er sitzt in Einzelhaft, darf kaum Besuch empfangen, erhält keine Post und lebt jeden Tag mit der Ungewissheit, wie es weitergeht die nächsten Tage, die nächsten Wochen, ja, die nächsten Jahre. Wir leiden mit ihm. Und säße er nicht in einem türkischen Knast, hätte er gewiss einen wunderbaren Beitrag zur Jubiläumsausgabe der Jungle World geschrieben. Er ist bis heute Mitherausgeber und Freund der Zeitung, auch wenn ihn seine beruflichen Wege nach dem Ende seiner Jungle-Zeit 2007 zunächst zur Taz und dann 2015 zur Welt führten. Vielleicht wäre er bei unserem Abendmahl dabei gewesen. Womöglich hätte er auch als »Bayram Karamollaoglu«, eine Kunstfigur, die Deniz für die Jungle World erfunden hat, gegen den ganzen »Scheisenazi­dreck« dieser Welt gewettert. Bayrams berühmter Hausmeister Blum hat dies nun nebenan behelfsmäßig übernommen.

In der Jungle World haben wir viel erlebt mit Deniz, nicht nur im täg­lichen redaktionellen Geschäft. Er hat mit seinen brillanten Analysen, klugen Interviews, originellen Ideen, feinen Provokationen und mit vielen geilen steilen Thesen die Jungle World extrem bereichert. Er hat aber auch – das darf man schreiben, weil dies zum Glück kein Nachruf ist, sondern er quicklebendig nur 1 700 Kilometer von hier entfernt in seiner Zelle vermutlich gerade eine Zigarette raucht und schon bald, so hoffen wir, auch wieder hier in Kreuzberg mit uns zusammen raucht und lacht – gelegentlich ein wenig danebengelegen. Als ein gewisser Recep Tayyip Erdoğan mit seiner neuen Partei AKP im Jahr 2002 erstmals die Parlamentswahl gewann, kommentierte Deniz milde: »Ein Grund zur Panik besteht nicht.« Eine ehemalige Ressortkollegin von ihm erinnert sich, dass es auch in der folgenden Zeit häufig Diskussionen gab, weil Deniz Erdoğan sozusagen eine Chance einräumte. Noch 2004 nannte er die AKP »Softcore-Islamisten«. Aber er war nicht der einzige, fast alle Türkei-Autoren hofften damals auf eine »Demokratisierung des politischen Islam« durch Erdoğan. Kaum jemand ahnte, dass dieser Typ 15 Jahre später eine lupenreine Diktatur errichten würde.

Aber die Jungle World ist ja nicht nur Text und These. Auch bei diversen Redaktionsreisen zur Produktion unserer Auslandsnummern war ­Deniz dabei. Über sein Wirken 2004 in Israel etwa lässt sich in den Chroniken nachlesen: »In der ersten Woche wirkte der Kollege aus dem Euro-Ressort wie auf Speed, Kichererbse und Jesus-Syndrom gleichzeitig. Es kann eindeutig bewiesen werden, dass der Mann fünf Tage lang keine Minute Schlaf fand und 35 Mal ankündigte, am Wochenende zu absolut menschenunwürdiger Zeit nach Jaffa auf den Fischmarkt fahren zu wollen. Was er dann auch tat, weshalb nicht wenige finden, dass der Kollege aus dem Euro sogar noch größer als Jesus ist.«

Mit der Jungle World gibt es zum Glück eine Zeitung, die niemals einem Despoten nach dem Maul reden wird, egal in welchem ideologischen Kostüm er daherkommt. Und schon allein des­halb bleibt Deniz auch immer einer von uns.

Im Jahr darauf holte er die Jungle World nach Istanbul. Deniz hatte alles organisiert, die Heftplanung, die Reise, die Unterkunft. Er hatte plötzlich überall vor Ort Cousins und Vettern und Tanten und Onkel. Alles sollte perfekt sein. Tante Saadet und Onkel Ayet holten uns mit einem Dolmus-Bus vom Flughafen ab und brachten uns in unsere Unterkunft im Herzen Istanbuls. Deniz platzierte uns auf die Gästelisten der besten Nachtclubs, brachte uns zu Demonstrationen und zum »Rock’n’Coke-Festival«, knüpfte Kontakte am laufenden Band, es war alles spannend, ungeheuer intensiv – und, tja, am Ende versank die Produktion im totalen Chaos, auch weil sich Deniz völlig übernommen hatte und alles letztlich an seiner Person hing (die Kollegen von Taz und Welt können sich vorstellen, was das bedeutet), dazu kamen technische Probleme, Zeitdruck, es gab Streit, es gab Nervenzusammenbrüche, aber Deniz sagte immer: Leute, bleibt locker, so ist das: alla turca. Die Druckerei in Frankfurt arbeitete allerdings alla ­tedesca und es wurde alles furchtbar knapp am Ende – aber: Es ist trotzdem eine sehr, sehr gute Ausgabe geworden damals. Vielleicht sogar eine der besten.

Für Deniz war diese Reise ein Schlüsselerlebnis. So sehr hatte er sich bisher noch nie mit der Türkei beschäftigt. Damals hat er sich in ­Istanbul verliebt und fing an, sein Türkisch wieder aufzubessern. Die Jungle World ist also irgendwie mit daran schuld, dass er im Dezember 2016 erneut nach Istanbul aufbrach, weiter berichten wollte. Bei der Beerdigung Klaus Behnkens Ende November haben die meisten von uns ihn zum vorerst letzten Mal gesehen, alle sagten: Pass bloß auf dich auf. Deniz wusste sehr wohl, dass er in Gefahr war. Aber wer Deniz kennt, weiß, das machte die Sache für ihn nur noch bedeutender. Er wusste, dass er einen Job zu erledigen hatte, nicht für seinen Arbeitgeber, nicht wegen des Gehalts, sondern weil es eben etwas zu tun gab für ihn, gerade für ihn.

Wir vermissen unseren Deniz ganz schrecklich. Wir denken ständig an ihn, wir trinken auf ihn, wir schreiben und wir lesen für ihn, wir veranstalten Korsos und Konzerte für ihn, aber das alles hat nicht viel genutzt bisher. Wir machen natürlich weiter, schon allein weil wir gar nicht anders können. Das ist das eine. Das andere ist, dass die Bundesregierung seit dem 14. Februar einer Geiselnahme zuschaut und nichts Entscheidendes unternimmt. Außenministerdarsteller Sigmar Gabriel provoziert lieber einen Eklat mit der israelischen Regierung als mit der türkischen. Mit der Jungle World gibt es zum Glück eine Zeitung, die niemals einem Despoten nach dem Maul reden wird, egal in welchem ideologischen Kostüm er daherkommt. Und schon allein des­halb bleibt Deniz auch immer einer von uns.

Eine der beliebtesten Anekdoten im Jungle-Kosmos bezieht sich auf unsere immer messerscharfe ­Korrekturabteilung. Ein Text, der den Demo-Spruch »Wir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen« enthielt, kam aus dem Lektorat zurück, rot korrigiert: »Wir sind nicht vollzählig«. In diesem Sinne: Wir sind nicht vollzählig ohne dich, Deniz, komm bald wieder!