Der rassistische Anschlag in London

Keiner von uns

Nach rassistischen Anschlägen wie jüngst in London setzt ein ausgrenzender Abwehrmechanismus ein, der dem Muster der Islamapologetik folgt.

Kommentar Von Jörn Schulz
Anzeige

Es gab Warnzeichen. Zeugenaussagen zufolge hat Darren Osborne sich beleidigend über Muslime geäußert und angekündigt, er werde Schaden anrichten. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden hatte er Verbindungen zu extremen Rechten. Am Montag fuhr ­Osborne in eine Gruppe von Muslimen nahe zweien Moscheen im Londoner Stadtteil Finsbury Park, zurück blieben ein Toter und elf Verletzte.
Die britische Regierung hat nicht versucht, den Anschlag zu entpolitisieren. »Es gibt kein Wenn und Aber, dies ist ein terroristischer Angriff«, sagte Sicherheitsminister Ben Wallace. Selbstverständlich ist das nicht. In Deutschland wird der im vergangenen Jahr von David S. in München begangene Massenmord als Amoklauf eingestuft, obwohl S. ein rassistisches Manifest hinterließ. Doch auch in Großbritannien geht man den unbequemen Fragen aus dem Weg, die rassistische Anschläge aufwerfen.

Nach islamistischen Anschlägen erklären Muslime, sekundiert von konservativen und linken Multikulturalisten, der Terror habe nichts mit dem Islam zu tun. Doch es gibt theologische Bezugspunkte. Nach dem gleichen Muster verfahren die Patrioten, die ebenfalls ihren Glauben schützen wollen und ihn für eine gute, ­wenigstens aber harmlose Sache halten, die nur von einigen Extremisten missbraucht wird. Diese werden ausgegrenzt, doch es gibt politische Bezugspunkte. Auch der gutwillige Patriot, der andere Nationen nicht hasst, sieht sich mit ihnen in einem Konkurrenzverhältnis, in dem er seinen eigenen Vorteil durchsetzen will. Er mag eine geregelte Einwanderung befürworten, hält aber am Ausschlussmechanismus der Staatsbürgerschaft fest.

So erfreulich es ist, wenn moderate Muslime und Patrioten sich von Gewalttaten distanzieren – die Behauptung, der eigene Glaube habe mit den extremistischen Interpretationen nichts zu tun, ­verdrängt Zusammenhänge, die zu verstehen für die Terrorbekämpfung essentiell ist. Wenn konservative Muslime auf einer stärkeren Befolgung der Glaubensregeln beharren, ermutigt und begünstigt das die Islamisten, die sich als konsequentere Vertreter des wahren Glaubens in Szene setzen können. Wenn konservative Patrioten der Gesellschaft eine Leitkultur auferlegen wollen – auf der Insel ist es die der Britishness – und eine Politik der nationalen Abschottung betreiben, ermutigt und begünstigt das Rassisten, die sich als konsequentere Vertreter des »Volkes« in Szene setzen können. Nach dem Sieg der »Brexiteers« bei der Abstimmung über den EU-Austritt stieg die Zahl rassistischer Vorfälle in Großbritannien erheblich an.

Über Osborne ist noch zu wenig bekannt, als dass man beurteilen könnte, ob es Versäumnisse der Polizei gab. Islamistische Gruppen sind relativ klar erkennbar, das rassistische Milieu hingegen ist schwer überschaubar – und reicht bis zum rechten Rand konservativer Parteien. Solche »Gefährder« zu überwachen, ist politisch brisant. Als in den USA das Department of Homeland Security 2009 vor einem möglichen Anstieg der Zahl rassistischer Anschläge warnte, musste der Bericht nach heftigen Protesten der Republikaner zurückgezogen werden. Dennoch sind unter den großen Parteien im Westen die US-Demokraten mit der Leitkultur der diversity, die Gleichberechtigung, Offenheit für Migration, affirmative ­action und LGBT-Rechte betont, der Entschärfung des Patriotismusproblems am nächsten gekommen. Mit der »Brexit«-Politik der ­Tories, die vor allem die Migration reduzieren soll und vom Bündnis mit der rechtsklerikalen DUP abhängt, ist das allerdings nicht vereinbar.