Die rechtsextreme GUD verfügt in Frankreich über gute Verbindungen

Nazis gehört das Zentrum

Der rechtsextreme Groupe Union Défense ist in Lyon besonders stark. Sein Einfluss erstreckt sich bis in den französischen Front National.

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Eine »soziale Festung« sollte es werden. Der rechtsextreme französische Groupe Union Défense (GUD) besetzte vor knapp drei Wochen ein Haus in der Innenstadt von Lyon, das Eigentum der Kommune ist, und nannte es bastion social. Ziel der Besetzung war es angeblich, Wohnraum für Obdachlose zu schaffen – allerdings nur für weiße französische Obdachlose. Zumindest in ­einem Fall scheint das gelungen zu sein. Auf der Facebook-Seite des »bastion ­social« veröffentlichte der GUD ein Video, in dem eine ältere Frau angibt, in dem Haus einige Tage der Obdachlosigkeit entkommen zu sein. Die Besetzung dauerte allerdings nicht lange. Ein Gericht genehmigte der Stadt die Räumung, diese wurde am Dienstag voriger Woche vollzogen. Der GUD ist nach der Génération Identitaire die zweitgrößte außerparlamentarische Gruppe der extremen Rechten in Frankreich. Er gründete sich

1968 als Studentenorganisation in Re­aktion auf den von links organisierten Generalstreik und die linke Studentenrevolte. Die Gruppe ist offen neonazistisch. In den neunziger Jahren besuchte eine Delegation des GUD Léon Degrelle, einen Belgier, der während des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis kollaboriert hatte, 1945 nach Spanien geflüchtet und dort zu einem Idol für Neonazis geworden war. Von Versammlungen des GUD kursieren zahlreiche Fotos, auf denen die versammelte Mannschaft den Hitlergruß zeigt. Die Gruppe unterhält rege Verbindungen zur italienischen faschistischen Organisation Casa Pound, die seit 2003 in Rom ein Haus besetzt hält.

Die Mitglieder des GUD nennen sich selbst »faschistische Gentlemen«. Tatsächlich handelt es sich um mehr als nur einige gewalttätige Teenager. Wer einmal in der ersten Reihe prügelte, gehört später häufig zu dem Netzwerk einflussreicher Leute, das der Gruppe weiterhin verbunden bleibt. Eine historisch starke Sektion des GUD findet sich an der Pariser Universität Panthéon-Assas, deren rechtswissenschaftliche Fakultät in Frankreich als äußerst prestigeträchtig gilt. Im Netzwerk der Ehemaligen des GUD gibt es zahlreiche einflussreiche Juristen. Ein Beispiel ­dafür ist Jean-Pierre Emié. 1977 machte ein Foto Schlagzeilen, auf dem zu sehen war, wie er einen Schwarzen verprügelt. Mittlerweile betreibt er in Paris eine eigene Anwaltskanzlei.

Auch im Umfeld von Marine Le Pen, der Vorsitzenden des rechtsextremen Front National, gibt es eine wichtige Verbindung zum GUD. Dies dokumentierten die Journalisten Marine Turchi und Mathias Destal in ihrem Buch »›Marine est au courant de tout … ‹«, das im März in Frankreich erschienen ist. Le Pen arbeitet eng mit den Unternehmern Frédéric Chatillon und Axel Loustau zusammen. Beide waren in den neunziger Jahren Mitglied des GUD. Gemeinsam betreiben sie zurzeit die PR-Agentur »Riwal«. Die Agentur betreute Le Pens Präsidentschaftskampagne 2012 und die Kampagne für die ­darauffolgenden Parlamentswahlen. Im Zuge der Auswertung der sogenannten Panama-Papers wurde bekannt, dass die Agentur einen sechsstelligen Betrag aus den Einnahmen der FN-Kampagne auf Offshore-Konten verschoben hatte. Außerdem stellte die Agentur für sämtliche Kandidaten des FN Wahlkampfkits für die französischen Kommunalwahlen 2014 her. Die Parteiführung hielt die Kandidaten wenig subtil dazu an, diese Kits zu kaufen. Gemäß dem französischen Wahlrecht wurden die Kosten für die Wahlkampagnen und somit auch die überhöhten Rechnungen der GUD-Verbindung schließlich vom Staat übernommen.

Wegen dieser Unregelmäßigkeiten wurde es Chatillon schließlich untersagt, weiter geschäftliche Verbindungen mit dem FN zu unterhalten. Marine Le Pen verzichtete dennoch nicht auf ihn. Sie gab ihm eine Festanstellung in ihrem Wahlkampfteam. Auch viele FN-Politiker sehen es kritisch, dass Le Pen weiterhin mit Personen aus dem Umfeld des GUD zusammenarbeitet, und befürchten einen Schaden für das Ansehen der Partei. Die Gründe für Le Pens anhaltende Sympathie sind nicht bekannt. Vermutet wird, dass Chatillon, Loustau und einige andere zu den wenigen gehören, denen Le Pen volles Vertrauen schenkt. »Ich kann auf sie zählen bis in den Tod«, soll sie einem Mitarbeiter einmal gesagt haben. Ein ehemaliger Berater der Vorsitzenden geht sogar so weit anzunehmen, der GUD-Zirkel steuere Le Pen völlig.

Warum eine Gruppe, die über der­artigen Einfluss und erhebliche finanzielle Mittel verfügt, ein Haus in Lyon besetzt, ist da eine gute Frage. Könnte sie nicht genauso gut eines kaufen? In der Tat eröffnete der GUD 2016 ganz legal drei Lokale in der Altstadt Lyons. Logan Djian, ein ehemaliger Anführer des GUD, betreibt ein Geschäft für englische Mode und ein Tätowierstudio. Er lebt in Lyon, seit er sich in Paris nicht mehr aufhalten darf. 2015 misshandelte er zusammen mit vier Kameraden ein ehemaliges GUD-Mitglied auf brutale Weise. Videos bezeugen, dass die fünf Männer ihr Opfer blutig schlugen, es zwangen, nackt zu tanzen, und ihm schließlich ein Messer an die Gurgel hielten. Die Online-Zeitung Mediapart veröffentlichte wenige Sequenzen dieser grausamen Videos. Djian und ein Mittäter kamen in Untersuchungshaft. Gegen eine Kaution von 25 000 Euro kamen sie frei – mit der Auflage, Paris nicht mehr zu betreten. Die Kaution kam von einer Firma, die Loustau gehört.

Seit im vergangenen Jahr die drei Lokale des GUD eröffneten, hat die rechtsextreme Szene in dem Viertel eine Vormachtstellung erlangt. Auch andere rechtsextreme Splittergruppen haben hier ihre Lokale. 2009 hat sich beispielsweise die Identitäre Bewegung in einem Lokal niedergelassen. Mittlerweile betreibt sie auch noch ein Fitnessstudio und verfügt so in dem Stadtteil über eine Gewerbefläche von 180 Quadratmeter. Wiederholt haben Neonazis Restaurants demoliert, deren Betreiber keine weißen Franzosen sind. Antifaschisten erzählen, die Polizei geleite sie ­sofort wieder aus dem Viertel hinaus, wenn sie dort Flyer verteilen wollten. Am Wochenende fand in Lyon die Gay Pride statt. Wie bereits in den Jahren zuvor bekamen die Veranstalter keine Erlaubnis, durch das Viertel der Nazis zu laufen. Die Veranstalter werten das als Kapitulation der Stadt vor den Rechtsextremen. Die malerischen engen Gassen des historischen Stadt­zentrums, in dem sich zahlreiche schöne Kaffees, Restaurants, Bars und Eisdielen befinden, sollten allen zugänglich sein und nicht den Nazis überlassen werden.

Angesichts der Entwicklung ist die Frage berechtigt, wer die politische Verantwortung dafür trägt, dass das Stadtzentrum Lyons zu einem Hotspot des Rechtsextremismus werden konnte. Hat der Bürgermeister die eindeutigen Zeichen ignoriert? Sollten Konsequenzen folgen? Lyons Bürgermeister Gérard Collomb, der dem Parti Socialiste angehört, steht kurz vor dem Abschied. Er tritt allerdings nicht zurück. Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron hat ihn zum Innenminister ernannt.