Susan Hawthornes plädiert für mehr Bibliodiversität

Verwegenes Verlegen

Die australische Verlegerin und Autorin Susan Hawthorne streitet für Vielfalt auf dem Buchmarkt. Vor kurzem ist ihr Buch »Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren« erschienen.

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Als der Online-Versandhändler Amazon vor einigen Wochen seinen ersten New Yorker Buchladen eröffnete, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Er sei »nicht für Leser gemacht«, urteilt The New Yorker. Läppische 200 Titel seien im Segment Belletristik zu finden, 3 000 insgesamt. »Wenn ein Algorithmus einen Buchladen designt, sieht so das Ergebnis aus«, schrieb USA Today. Die FAZ nannte ihn die »langweiligste Buchhandlung New Yorks«: »Die Abteilungen heißen ›Bücher mit mehr als 10 000 Kritiken auf Amazon.com‹ oder ­›Bücher mit einer Bewertung von über 4,8 Sternen auf Amazon.com‹.«

Susan Hawthorne macht unter ­anderem den Buchhandelsriesen verantwortlich für die Ähnlichkeit vieler Publikationen auf dem Buchmarkt und fordert die Verteidigung der Vielfalt. In ihrem kürzlich erschienenen Buch »Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren« schreibt die australische Autorin und Verlegerin von der Notwendigkeit eines kulturell diversen Buchmarkts, auf dem auch unscheinbare und spezielle Publikationen Platz finden.
Hawthornes Rundumschlag ist mit Verve verfasst. Sie kritisiert nicht nur den Buchmarkt aus feministischer Sicht, sondern thematisiert Ausbeutungs- und Unterdrückungsmechanismen generell. Hawthorne ist von der gesellschaftlichen Bedeutung unabhängigen Verlegens überzeugt: »Globale Verlagskonzerne fördern nicht das Skurrile, das Originelle, das Risikovolle, das Innovative – ge­rade solche Bücher werden aber für die kommende Generation von ­Bedeutung sein, da sie Neues und Relevantes erzählen.«

Hawthorne lobt Vielfalt nicht als Selbstzweck – was die Bibliodiver­sität dann auch von der Biodiversität unterscheidet. Wichtige Nischen­bücher, die randständige Themen behandeln, könnten nur erscheinen, wenn kommerzieller Erfolg nicht als wichtigster publizistischer Maßstab gelte. Auch Hawthorne bedient sich in ihrem Buch ökologischer Begrifflichkeiten, was hin und wieder zu schrägen Bildern führt, etwa wenn vom »organischen Publizieren« die Rede ist. Angesichts des Erfahrungsschatzes, in den sie Einblick gewährt, kann man ihr das aber nachsehen.

Vor 26 Jahren hat sie zusammen mit Renate Klein den feministischen Verlag Spinifex Press gegründet und sich immer wieder öffentlich zu Wort gemeldet. »Über die Themen, die ich im Buch beschreibe, habe ich zehn Jahre nachgedacht«, sagt Hawthorne der Jungle World. Darum sei es auch unproblematisch, dass das 2014 erschiene Werk erst jetzt auf Deutsch erhältlich ist. »Die größten Veränderungen der Gegenwart rühren von den digitalen Technologien her. Gemeint sind damit nicht nur ­E-Books, sondern auch der Aufschwung der sozialen Medien, der Niedergang des Journalismus und dessen Effekt auf die Medien sowie der Einfluss großer Unternehmen wie Netflix, Google, Amazon und Apple.«
Innerhalb dieses Rahmens habe sich das unabhängige Publizieren nicht wesentlich verändert, auch wenn es mittlerweile einige Independent-Verlage gibt, die ausschließlich online publizieren. »Als unabhängiger feministischer Verlag haben wir die Notwendigkeit, unsere Titel auch digital anzubieten, früh gesehen. Wir ­haben 2006 damit angefangen, weil uns klar war: Das macht niemand anderes für uns. Weil wir klein sind, können wir uns schnell verändern und haben immer wieder neue Technologien schon früh genutzt.«

Buchverlage stehen unter dem Preisdruck der Großhändler. Für die unabhängigen Verlage ist es mühevoll, oftmals unmöglich, Bücher in den einflussreichen Ketten zu plat­zieren. »Daher müssen wir alternative Strategien verfolgen. Soziale Medien sind nützlich, aber ältere Formen wie die Mund-zu-Mund-Propaganda sind ebenfalls von Bedeutung. Viele Mainstream-Medien lassen nur eine Sicht der Dinge gelten. Wer diese Position herausfordert, wird häufig ignoriert oder unsichtbar gemacht.«

Was Hawthorne ihrem Buch heute noch hinzufügen würde, betrifft ebenfalls die Medien: »Das Problem des glaubwürdigen Journalismus hat sich vergrößert, seit Donald Trump Amtsinhaber in Washington ist. Fake news haben die Medien in­fiziert.« Das betreffe zwar vorrangig die rechten Medien, aber die linken seien dagegen nicht immun. Falschmeldungen und die ständigen Vorwürfe, sie zu verbreiten, hätten auch die Verleger und ihre Vorstellungen beeinflusst, was sie veröffentlichen können und was nicht. »Wir selbst hatten bei mehreren Buchveröffentlichungen Protestierende, die uns mundtot machen wollten. Das hat uns aber noch entschlossener gemacht.«

Hawthorne Kritik an postmodernen Positionen fällt recht pauschal aus: Die Postmoderne mit ihren Begrifflichkeiten – Gender und queer beispielsweise – hätten »das radikale Herz aus den sozialen Massenbe­wegungen« gerissen. Nicht anders als die großen Buchhändler habe die postmoderne Theorie zum Verschwinden der unabhängigen ­Ver­lage beigetragen. Eine Feststellung, die nicht passt zu einer weiteren ­Einschätzung Hawthornes: »Zur Bibliodiversität kommt es dann, wenn sowohl der tiefe Boden der Kultur genährt als auch die Vielfalt der erkenntnistheoretischen Haltungen gefördert wird.« Ob ihre Kritik an postmodernen Ansätzen auch aus den Erfahrungen und Enttäuschungen in Auseinandersetzungen ­re­sultiere, die innerhalb des Feminismus geführt wurden? »Der Post­modernismus hat das politische Sprechen so verkompliziert, dass niemand mehr Unterdrücker und Unterdrückte erkennt. Er löscht die ­kollektive Stimme zugunsten von Einzelpositionen aus. Und zu der Zeit, als schreibende Frauen breiter rezipiert wurden, wurde plötzlich ›Der Autor ist tot‹ das postmoderne Mantra.«

Die Widrigkeiten, die auf dem Buchmarkt herrschen, haben Hawthorne nicht resignieren lassen. Die internationale Vernetzung und Zusammenarbeit etwa bei Übersetzungen sei gut. Man müsse eben trotz alledem ­weitermachen. Neben dem erkenntnisreichen Einblick in die Mechanismen des Buchmarkts macht auch diese Haltung Hawthornes »Biblio­diversität« lesenswert.
Hawthorne stilisiert sich nicht als Visionärin. Welche Technologien, ­Institutionen und Projekte für unabhängige Verlage zukünftig wichtig werden, will sie nicht beantworten. »Das kann keiner vorhersagen – was zum Reiz dazugehört. Wir wollen neue Projekte, Werke, die anders, ­originell, erfinderisch, herausfordernd, kontrovers sind. Bücher, die formelhaft angelegt sind, irgend­welchen Moden folgen oder im Stil von Bestsellern geschrieben sind, sprechen mich nicht an. Viele ­Nischenbücher überstehen die kurzfristigen Trends und wirken über lange Zeiträume hinweg.« Im Amazon-Bookshop wird man diese Werke eher nicht finden.

Susan Hawthorne: Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren. Aus dem Englischen von Doris Hermanns. Verbrecher-Verlag, Berlin 2017, 150 Seiten, 15 Euro