Arno Frank erzählt seine Familiengeschichte

Missbrauchtes Vertrauen

Arno Franks Jugenderinnerungen »So, und jetzt kommst du« bereiten bei der Lektüre fast körperliche Schmerzen.

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Eltern genießen bei ihren Kindern einen immensen Vertrauensvorschuss. Sie können dem Nachwuchs beinahe alles erzählen. Die Kleinen werden mit glänzenden Augen an ihren Lippen hängen und selbst der größten Räuberpistole mit Begeisterung lauschen. Liebende, verantwortungsbewusste Eltern werden es freilich nicht übertreiben – den Kindern zuliebe, der Familie wegen. Sie wissen oder ahnen: Ein einmal erschüttertes Urvertrauen ist kaum wiederzugewinnen.

Dass es Jürgen Frank darauf angelegt hätte, das Vertrauen seiner Kinder immer wieder zu enttäuschen, kann man nicht sagen. Er tut es trotzdem und noch einiges mehr. Dieser Jürgen in dem autobiographischen Roman »So, und jetzt kommst du« ist dem echten Vater des 1971 in Kaiserlautern geborenen Autors Arno Frank wohl recht ähnlich. Der für Taz und Spiegel Online tätige Journalilst beschreibt den Autohändler Jürgen als einen notorischen, bald schon von der Polizei und Interpol gesuchten Hochstapler. Die Frage nach der ­Authentizität dieser ebenso bewegten wie bewegenden Familien- und Fluchtgeschichte ist für die Lektüre keineswegs gleichgültig und auch nicht mit dem Verweis auf literarische Freiheiten erledigt. Selbstverständlich ist der Text zunächst einmal ein Text, aber dennoch verstärkt das Wissen um die Authentizität die Empathie des Lesers, sein Miterleben und Mitempfinden. Ohnehin schon bemerkenswert lebendige Romanfiguren werden in »So, und jetzt kommst du« nahezu menschlich; deren Leid erscheint einem echter, ­brutaler, nimmt einen mehr mit als das Leid von fiktiven Romanfiguren. Jedenfalls kommt es dem Rezensenten so vor. Gleichzeitig beseitigt die vom Autor in verschiedenen Interviews unterstrichene Wahrheit und Wahrhaftigkeit seiner Geschichte mögliche Einwände gegen die ausgesprochen heftige Dramaturgie: Eine steilere Rolltreppe abwärts muss man erst einmal bauen.

Die Träume der Eltern vom großen Glück sind auf diffuse Art immer auch die Träume der Kinder – oder deren angstbesetzte Albträume. Eine Familie von Gespenstern nennt der Autor sie kurz vor Ende des Romans. Keiner nimmt mehr Notiz vom anderen.

Dass hier keine Kindheitsgeschichte in ferkelrosa erzählt wird, ahnt man früh. Weit mehr Wert als auf Anekdoten aus der betulichen pfälzischen Provinz legt Arno Frank auf die Unsicherheiten und Alltagskatastrophen seines Ich-Erzählers, die bisweilen wie ungünstige Vorboten erscheinen. Freunde hat der pummelige Junge keine. Papa Jürgen hält ihn für begriffsstutzig. Die kleine Schwester Jeany erscheint dem Jungen äußerst seltsam, früh entwickelt sie eine ­eklige fetischistische Vorliebe für verwesende Organismen – noch so ein Zeichen, das in eine düstere Zukunft weist.

Arno Frank erzählt seine Familiengeschichte mit einem pointensicheren Gespür für Situationskomik. Geschickt verkleidet er den bitteren Ernst mancher Begebenheit. Zum Bespiel bei der Sache mit dem so faszinierend sirrenden Heimtrainer im Keller, auf dem der Vater sich eines Abends abstrampelt: »Die feinen Linien der Kette wie parallel schwingende Striche. Ich streckte die rechte Hand aus und spürte einen einladenden Kitzel an der Handfläche. Dann griff ich zu. Natürlich griff ich zu.« Der Vater spürt keinen Widerstand, hört »aber ein Knacken wie von trockenen Zweigen«. Der Daumen ist ab. Fortan ist der Junge der Freak mit der verkrüppelten Hand.

Die »Renner« genannten Heimtrainer sind nur eine von vielen Geschäftsideen eines Mannes, der von sich selbst sagt, dass er zu schlau war, das Abitur zu bestehen. Auf den Wehrmachtskübelwagen, Kunststoffhirschgeweihen, Expandern und Wagenhebern, die er gewinnbringend an den Mann zu bringen gedenkt, bleibt er ebenso sitzen wie auf dem Heimtrainer. Das vermeintlich lukrative Modell der Selbständigkeit scheitert und schon bald sind hohe Schulden angehäuft. Und obwohl der zu grandioser Großspurigkeit und rücksichtslosem Egoismus ­neigende Vater weiß, »es steht jeden Tag ein Dummer auf«, ist doch vor allem die Familie die Dumme, da ihr das Haus unterm Hintern weggepfändet wird.

Tupperware-Partys muss Mutter Jutta allerdings nicht allzu lange veranstalten, damit die Familie finan­ziell wieder auf die Beine kommt: Jürgen veruntreut 300 000 Mark – und ab geht’s an die Cote d’Azur, inklusive Villa, Pool, sündhaft teurer Privatschule, einen Zwerg- und einen Riesenschnauzer gibt’s obendrauf. Keine Frage: Jürgen hat’s gern größer, am liebsten wie die Reichen, über die er selbstverständlich schlecht redet, wenn gerade keiner von ihnen in der Nähe ist. Mutter Jutta, eine von Arno Frank distanziert-zärtlich gezeichnete, durchaus liebevolle, aber anscheinend auch etwas willensschwache Person, zieht bei sämtlichen Aktionen des Vaters mit. Sie liebt ihren Mann und vertraut ihm, irgendwie. Sie will an ihn und eine glückliche Zukunft in Wohlstand glauben. Andernfalls müsste sie verzweifeln, was sie aber anscheinend partout nicht möchte.

Die Geschwister sind inzwischen älter geworden, aber immer noch naiv genug, ihrem Papa zu glauben. Gleichwohl ist das Vertrauen in den Vater bereits erschüttert. Nach knapp zwei Jahren in Südfrankreich ist das Geld verprasst und der Betrug fliegt auf. Spätestens an diesem Punkt weiß man: Das wird alles ganz schlimm enden. Was folgt, ist eine schier endlose, nervenaufreibende Flucht, die für die Familie in einer Bauruine als provisorischer Heimstatt in der Pampa Portugals noch lange nicht beendet ist, und die vor dem geistigen Auge mitanzuschauen, beinahe schon körperliche Schmerzen verursacht.

So wie einen irgendwann die an aussichtslosestes absurdes Theaterspiel erinnernden zäh-ver­zweifelten Versuche des Vaters, Geld zu beschaffen, nur mehr den Kopf schütteln lassen. Da ist Familie Frank längst bettelarm. »Hunger ist eine Grube im Bauch«, schreibt Arno Frank, und: »Zum Geburtstag bekomme ich ein Snickers. Ein Snickers.«

Weil einem die Geschichte inzwischen furchtbar nahegeht, fragt man sich mehr als nur einmal: Wie das wohl sein mag, sich derlei Erlebnisse erneut ins Gedächtnis zu rufen? Packt einen die Wut, wird man furchtbar traurig oder hält man das locker aus, weil das echte Leben längst woanders spielt? Der trockene Witz Arno Franks und seine kluge, dichte Beschreibungskunst, verfasst aus der Perspektive eines leicht verwunderten Jungen, bewahren die Geschichte jedenfalls vor Sentimentalität.

Die Träume der Eltern vom großen Glück sind auf diffuse Art immer auch die Träume der Kinder – oder deren angstbesetzte Albträume. Eine Familie von Gespenstern nennt der Autor sie kurz vor Ende des Romans. Keiner nimmt mehr Notiz vom anderen. Irgendwann geht’s zurück nach Deutschland, in die Gegend von Kaiserslautern, das Gefühl von Fremdheit ist erdrückend. »Ich gehöre nicht mehr dazu«, schreibt Arno Frank. »Ich sollte anderswo sein. Und weiß nicht, wo.« Schließlich landet der Vater in U-Haft. Von seinem neuen Klassenzimmer aus kann der Teenager den Gefängnishof ­sehen. »Dieser Gefängnishof, in dem er nie auftaucht«, ist der letzte Eindruck, den er von seinem Vater hat.

Arno Frank: So, und jetzt kommst du. Tropen-Verlag, Stuttgart 2017, 352 Seiten, 22 Euro