Arbeitskämpfe im Bananenanbau in Ecuador

Arbeitskampf auf den Plantagen

In Ecuador wehren sich einige wenige Gewerkschaften gegen Lohndumping im Bananenanbau und den Einsatz von Pestiziden aus der Luft. Doch die Unternehmen haben sehr großen Einfluss auf die Politik.

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Die Bilder sind spektakulär, sie zeigen aus der Perspektive eines Sprühflugzeugs, wie dichte Pestizidschwaden über eine Plantage und die dazugehörigen Gebäude wabern. Für die nötigen Kontakte, damit die Kamera an einem dieser Flugzeuge montiert werden konnte, hat Jorge Acosta gesorgt. Der 57jährige Vorsitzende der Gewerkschaftlichen Vereinigung der Bananenarbeiter und -bauern (Astac) hat früher selbst im Cockpit von Sprühflugzeugen gesessen und steht noch in Kontakt zu ehemaligen Kollegen. Den Job hat er 2012 aufgegeben. »Ich hatte ab 2009 immer wieder gesundheitliche Probleme, dachte, dass ich herzkrank sei. Doch der Arzt bescheinigte mir schließlich, dass ich mich vergiftet hatte«, erinnert sich Acosta und lenkt den Mietwagen aus Guayaquil.

Er wohnt eigentlich in Quevedo, dort befindet sich auch das Gewerkschaftsbüro. In Guayaquil leben seine beiden Kinder und dort hat er regelmäßig zu tun, wenn es um die Arbeiterrechte auf den Plantagen geht. In der Hafenstadt, der Wirtschaftsmetropole Ecuadors, haben die meisten der großen Bananenexporteure ihren Sitz, dort wird das Gros der Früchte in Kühlcontainer verladen und auf die Reise nach Europa, die USA und Asien geschickt. »5 700 Bananenfarmen gibt es in Ecuador – vom Kleinbetrieb bis zur Plantage mit über 1 000 Hektar. Bananen sind das zweitwichtigste Exportprodukt nach Erdöl und werden auf 220 000 Hektar angebaut«, erläutert Acosta die Dimensionen der Bananenproduktion in Ecuador. Schätzungen zufolge gibt es mindestens 220 000 direkte Jobs in diesem Sektor, mit den indirekten sind es bis zu zwei Millionen.

Zu wenig zum leben
Folgerichtig komme niemand in Ecuador an der größten Lobbyorganisation des Landes, der Vereinigung der Bananenexporteure (AEBE) vorbei, so Acosta: »Die haben ihre Repräsentanten in der alten Regierung, sie sitzen in der neuen und obendrein in vielen Schlüsselfunktionen. Das ist ein Grund, weshalb kaum über die Verletzung von Gewerkschaftsrechten auf Plantagen geredet wird.« 2007 gründete er mit anderen Astac, seitdem hat es die Gewerkschaft geschafft, hier und da für Aufsehen zu sorgen – in Italien, in Deutschland, in Holland und deutlich seltener in Ecuador. »Hier mag sich niemand mit den bananeros, den Bananenproduzenten, anlegen«, meint Acosta. Die großen Unternehmen wie die Gruppe Noboa, Palmar, Reybanpac oder Obsa haben großen Einfluss auf die Politik und befinden sich oft in den Händen von Familien, die in mehreren Wirtschaftsbereichen tätig sind.

Die Noboa-Gruppe ist auch interna­tional für ihre gewerkschaftsfeindliche Haltung bekannt, in Ecuador hat die Plantage Los Álamos vor ein paar Jahren Schlagzeilen gemacht. Dort stürmte 2006 eine bewaffnete Bande eine Gewerkschaftsversammlung, die Bilder vom Überfall sorgten dafür, dass das Image des Besitzers der weitläufigen Plantage großen Schaden nahm. Álvaro Noboa Pontón, der die Noboa-Gruppe kontrolliert, kandidierte damals für die Präsidentschaft und verlor letztlich gegen den gerade aus dem Amt geschiedenen Rafael Correa.

Viel habe sich auf der Plantage, die nur ein paar Kilometer vor der Kleinstadt Puerto Incas entfernt liegt, trotzdem nicht geändert, sagt Oscar Bagui. Der 32jährige ist der Vorsitzende der Gewerkschaft auf der Plantage, sie ist mit rund 190 organisierten von insgesamt 1 050 Arbeitern relativ stark. »Wir als unerwünschte Gewerkschaft konkurrieren mit einer unternehmenshörigen Vertretung«, schildert Bagui die schwierigen Verhältnisse.

Diese prägten den Bananenanbau landesweit, so Acosta, der gerade auf einer Rundtour durch den Süden Ecuadors ist, Gewerkschafter besucht, sich mit ihnen austauscht und die Strategie für die kommenden Monate bespricht. Bagui bearbeitet mehrere latent schwelende Konflikte, die er mit Anwälten zugunsten der Gewerkschaft zu lösen versucht: die Nichtbewilligung von ­Arbeitskleidung, die Nichtbezahlung von Überstunden und die Besprühung aus der Luft, während die Belegschaft auf der Plantage arbeitet. »Das ist unser Alltag, wir werden ohne jede Vorwarnung von oben besprüht – das ist unverantwortlich«, ärgert sich der 32jährige. Bagui hat ein sympathisches Lächeln und ist eine Kämpfernatur. Für seine beiden Kinder engagiert er sich und spart von seinem kargen Lohn das Schul­geld ab. Würde seine Frau nicht ebenfalls arbeiten gehen, könnten sie ihren Kindern das nicht bieten. »Ohne eine gute Bildung haben die zwei nur die Chance, das Gleiche zu machen wie ich. Genau das will ich nicht. Sie sollen wählen können«, sagt er und blickt zu Acosta hinüber, der nickt. Schon oft hat er diese Worte gehört und ganz genau weiß er, dass die Familien kaum über die Runden kommen mit den Löhnen. Umgerechnet rund 100 US-Dollar verdient Bagui pro Woche, doch da er noch einen Kredit abbezahlt, bekommt er gerade einmal 55,60 US-Dollar ausgezahlt.

Das ist zu wenig, um anständig davon leben zu können. So geht es den meisten Arbeiterinnen und Arbeitern. »Ein fairer Lohn wären 150 US-Dollar pro Woche, aber hier werden wir oft noch um die Überstunden betrogen«, sagt Bagui und rollt genervt mit den Augen.

Gegen die Bananenlobby
Das geht vielen Kollegen so, die sich bei oder mit Astac engagieren. Diese sieht sich als Branchengewerkschaft. »Doch so etwas ist in Ecuador gar nicht vorgesehen. Die Gesetzgebung schreibt die Zahl von 30 Mitgliedern für die Gründung einer Gewerkschaft auf einer Plantage vor. Wir wollen uns aber gar nicht auf eine beschränken«, sagt Acosta schmunzelnd. Rund 1 000 Mitglieder hat Astac und gerade hat eine Delegation der Internationalen Arbeits­organisation (ILO) Acosta und seinen Mitstreitern bescheinigt, dass die Verantwortlichen im Arbeits- und Justizministerium die Gesetze sehr eng auslegen. Das führe zu einer gewissen Diskriminierung. Für die ecuadorianische Regierung in Quito könnte das ein kleiner und vielleicht entscheidender Denkanstoß sein. Darauf hofft auch Acosta, doch so ganz überzeugt ist er nicht, dass sich unter Lenín Moreno, der Ende Mai als neuer Präsident ver­eidigt wurde, alles ändern wird. »Klar, er steht für mehr Dialog, ist ein ausgleichender Typ, aber in seinem Kabinett sitzt mit Arbeitsminister Raúl ­Ledesma der Sohn des Vorsitzenden der Vereinigung der Bananenexporteure (AEBE). Er könnte die Vorhaben blockieren«, sagt Acosta und seine ­Miene spricht Bände.

Dann verabschiedet er sich von Bagui, tankt an der Tankstelle am Ortseingang von Puerto Inca voll und fährt weiter Richtung Süden. »Als nächstes haben wir eine Verabredung mit drei Kollegen von der Plantage Matías nahe Naranjal. Wir treffen uns heimlich in einem Park«, kündigt Acosta an. Der Grund dafür ist einleuchtend: Die Gewerkschafter haben Angst vor ihrer Entlassung, denn davon hat es dort und anderswo schon viele gegeben. Matías, eine mittelgroße Plantage mit rund 200 Mitarbeitern, ist einer der fünf Zulieferer aus Ecuador, die den deutschen Discounter Lidl beliefern.
Im Schritttempo manövriert Jorge Acosta den Wagen am Werkstor vorbei. Das steht weit offen. Mehrere uniformierte Wachleute hocken im Schatten daneben und achten darauf, dass niemand unbefugt die Plantage betritt. Acosta wäre so ein Unbefugter, denn Gewerkschafter sind dort nicht gern gesehen. Immer wieder ist das Unternehmen gegen sie vorgegangen, droht mit Entlassung, zahlt keine Überstunden, und über die Vorarbeiter wird ­extremer Druck auf die Arbeiter ausgeübt. »Auf dieser Plantage gelten die nationalen Gesetze nicht – hier sind Menschen mit Behinderung zur Kündigung gezwungen worden, hier sind die Sprühflugzeuge im Einsatz, wenn wir zwischen den Stauden arbeiten«, kritisiert Leóncio Moreida im Gespräch mit Acosta. Der stämmige Mann von Mitte 40 ist ein gewerkschaftlicher Veteran, er scheut sich nicht, den Mund aufzumachen und die Unternehmensleitung offen zu kritisieren. Da sind seine beiden Kollegen, die heute mit ihm in einem Park von Naranjal, einer mittelgroßen Provinzstadt, stehen, deutlich vorsichtiger. »Wir sind seit gut zwei Jahren bei Matías angestellt und wollen den Job behalten«, sagt der eine entschuldigend, der anonym bleiben möchte. Seine Arbeit auf der Plantage ist ausgesprochen riskant. Erst vor drei Monaten musste er zum Arzt, nachdem er mehr als sieben Stunden lang Schädlingsbekämpfungsmittel ausgebracht hatte. »Mir war übel, ich hatte Magenkrämpfe, und als ich am nächsten Tag zum Arzt ging, hat der mit den Schultern gezuckt und gesagt, dass es nur von den Pestiziden kommen könne.« Was er ausgebracht hat, weiß der 28jährige nicht, nur dass es gegen die Fadenwürmer im Wurzelbereich der Bananenstauden helfen sollte. 14 Tage habe er mit Magenschmerzen zu kämpfen gehabt und Schmerzmittel genommen. Mittlerweile weiß er von Jorge Acosta, dass ein Arbeiter maximal vier Stunden lang Pestizide ausbringen darf – und das nur in Schutzkleidung.

Beteuern hilft nicht weiter
Schutzkleidung haben die Arbeiter auf der Plantage Matías längst nicht immer erhalten, denn mit den Vorschriften nimmt es die Plantagenleitung nicht so genau. Eigentlich gilt in Ecuador, dass die Arbeiter nicht auf der Plantage sein dürfen, wenn die Sprühflugzeuge über den Bananenstauden Pestizide ausbringen. »Doch daran hält sich hier niemand«, klagt Moreida. Er ärgert sich auch darüber, dass die Arbeiter für jedes Zuspätkommen mit Lohnabzug bestraft werden und um die Bezahlung von jedem einzelnen Urlaubstag mit dem Verwalter feilschen müssen. Das sei unwürdig. Moreida hält den Kontakt zu Acosta, der regelmäßig im Süden unterwegs ist und interna­tional auf die Nichteinhaltung der gesetzlichen Vorgaben aufmerksam macht.

Erst Anfang Juli hat der Gewerkschaftssekretär eine kleine Studie und einen offenen Brief in Deutschland veröffentlichen lassen, um über den Kooperationspartner Oxfam, eine international agierende Hilfs- und Entwicklungsorganisation, Druck auf Lidl aufzubauen. »Wir brauchen den Druck der Verbraucher in Deutschland. Es muss etwas von unten kommen, denn bisher hat Lidl zwar viel angekündigt, aber wenig gehalten«, kritisiert Acosta. Im Sommer vergangenen Jahres war er in Deutschland, dort hatte ihm der Verantwortliche für »Corporate Social Responsibility« bei Lidl, Florian Schütze, zugesagt, bei den Lieferanten zu intervenieren. So habe er den Gewerkschaftern mitgeteilt, dass ihm die Einhaltung der Menschenrechte auf den zuliefernden Bananenplantagen wichtig sei, heißt es in dem offenen Brief, und deshalb habe er die Rainforest Alliance unter Vertrag genommen, um die Unternehmen zu zertifizieren. Passiert sei auch ein Jahr später nicht viel, das Recht auf gewerkschaftliche Freiheit bleibe weiterhin verwehrt, die Menschenrechte werden weiter verletzt, konstatieren die Gewerkschafter in dem offenen Brief.

Die Situation auf der Plantage Matías ist dafür das beste Beispiel. Deshalb läuft bei Oxfam in Berlin gerade eine neue Kampagne an, um die Lidl-Manager erneut zu fragen, weshalb sie Produkte importierten, die unter Missachtung der Arbeitsrechte und unter Gefährdung der Gesundheit der Arbeiterinnen und Arbeiter pro­duziert werden.
Acosta hofft auch auf Druck der Konsumenten, weiß aber, dass das dauern kann. Den Arbeitern rät er zum Durchhalten, denn in der Region gibt es für sie kaum andere Erwerbsmöglichkeiten. Dann steigt er ins Auto, um zur nächsten Plantage zu fahren. Zwei hat er noch rund um die Bananenstadt Machala weiter südlich auf dem Zettel. Danach geht es zurück ins Gewerkschaftsbüro nach Quevedo.