Amateur-Fußball wird live übertragen

Stolpern live

Nach einer Pilotphase in der vergangenen Saison beginnt das Kölner Medienunternehmen Wige Media damit, Amateurfußballspiele live zu übertragen.

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160 000 Fußballmannschaften aus 25 000 Vereinen sind im Deutschen Fußballbund organisiert und tragen während der Saison Woche für Woche 80 000 Partien aus. Für die allermeisten dieser Spiele interessiert sich kaum jemand: Zu denen der ersten und zweite Liga strömen die Fans in die Stadien, in der dritten Liga ist die Begeisterung schon deutlich geringer und die siebtklassige Landesliga ist nur noch etwas für die ganz hartgesottenen Anhänger des Ballsports.
Darunter wird es einsam: Wenn der FC Neuenfelde gegen den SV RW Wilhelmsburg in der Kreisliga Hamburg oder der SV Uedesheim gegen den SSV Berghausen in der Bezirks­liga Niederrhein spielt, stehen am Spielfeldrand vor allem Freunde und Angehörige der Spieler – sowie einige wenige Vereinsmitglieder – und genießen rustikale Spiele von herber Schönheit und von Regen verwässertes Bier in Plastikbechern.

Für alle, die es etwas deftiger mögen, hat Sporttotal die Rubrik »Die härtesten Spieler« eingerichtet. Zu sehen gibt es spektakuläre Fouls.

Die DFB-Tochter Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) vermarktet die Spiele der ersten und zweiten Bundesliga zwar sehr erfolgreich, allein die Erlöse für den Verkauf der Medienrechte für die Spielzeiten 2017/18 bis 2020/21 belaufen sich auf 4,64 Milliarden Euro. Aber die unteren Ligen bleiben unberücksichtigt.

Als die DFL 2009 Spiele der zweiten Liga auf sonntags 15.30 Uhr ansetzte, beschwerten sich die Amateurvereine, weil sie weitere Zuschauerverluste befürchteten, denn am Sonntagnachmittag finden traditionell ihre Spiele statt. Genutzt hat das nichts, die Vermarktung der zweiten Liga im Fernsehen hatte für DFB und DFL Priorität.

Nun sollen die Amateure mehr Beachtung erhalten – und das in Bild und Ton und in Farbe. Die DFB-Tochter DFB GmbH ist mit der zur Kölner Wige Media AG gehörenden Sporttotal.tv GmbH eine Koopera­tion eingegangen, zu der sich Bild als Medienpartner gesellt. Sporttotal.tv will nach und nach immer mehr Vereine mit vollautomatischen Kamerasystemen ausstatten, welche Spiele live online übertragen. Rainer Koch, erster DFB-Vizepräsident und oberster Vertreter des Amateurfußballs, sagt: »Nach dem erfolgreichen Abschluss der Pilotphase wissen wir, dass dieses Kamerasystem und die Plattform eine neue Perspektive für den Amateurfußball bieten – ob im Livestream, als Video on Demand oder als Posting in den sozialen Netzwerken. Besonders die jungen Fußballerinnen und Fußballer kommunizieren über die sozialen Netzwerke. Sie posten und teilen Bewegtbildsegmente von Spielen ihrer eigenen Mannschaft und ihres Heimatvereins.« Die »ausgezeichnete Resonanz und die hohen Zuschauerzahlen der bisher übertragenen Spiele« zeigten, wie attraktiv Amateurfußball sein könne.

Auch Peter Lauterbach, der Vorstandsvorsitzender der Wige Media AG, ist von dem Angebot begeistert: »Die hervorragenden Erfahrungen aus der Pilotphase sowie das hohe Interesse an Werbepartnerschaften haben uns zu einer eindeutigen Entscheidung geführt: Wir werden Sporttotal.tv deutschlandweit als die Bewegtbildplattform für den Amateurfußball etablieren.«

Nun wird die Zielgruppe von Sporttotal.tv wohl kaum aus Fans von Mannschaften bestehen, die ­keine Fans haben. Sicher, ein paar Zuschauer werden sich ab und an ein Spiel ihres Vereins aus der Nachbarschaft anschauen, aber ihre Zahl wird den hohen Aufwand kaum lohnen. Allerdings finde sich bei vielen Tausend Stunden Bildmaterial dann doch immer wieder ein paar Szenen, an denen man Spaß haben kann, wenn man sie betrachtet – auch wenn man gar kein ausgeprägtes Interesse am Fußball hat, sondern einfach ein Mensch ist, dem Schadenfreude nicht fremd ist. Unter der Rubrik Topvideos wird man auf Sporttotal.tv rasch fündig. Da ist der Spieler des TSV Schwaben Augsburg, der im Spiel gegen den TSV 1865 Dachau aus vollem Lauf ein Eigentor schießt, oder der Torwart des FC Ismaning, der sich im Spiel gegen den TSV Kornburg auf einen Zweikampf mit einem Feldspieler einlässt und so ein relativ lässiges Tor kassiert. Die Überschrift des kurzen Clips, der durchaus das Zeug hat, viral zu laufen, lautet: »Vielleicht bin ich gar nicht Manuel Neuer?«

Für alle, die es etwas deftiger mögen, hat Sporttotal.tv die Rubrik »Die härtesten Spieler« eingerichtet. In ihr gibt es spektakuläre Fouls zu sehen, eine Spezialität der unteren Ligen, deren Spieler ja eher nicht für ihre filigranen Fußballkünste bekannt sind. Da tritt ein Spieler der DJK Ammerthal in der Partie gegen die DJK Don Bosco Bamberg in dem Clip »Wenn der Sensenmann kommt« einem Mittelfeldspieler spektakulär im vollen Lauf die Beine weg oder ein Spieler vom SSV Jahn Regensburg ll foult einen Gegner vom FC Unterföhring in nächster Nähe zur automa­tischen Kamera. Der Clip heißt dann passenderweise »Genau vor unseren Augen«.

Klar, Sporttotal.tv bietet mehr als Pleiten, Pech und Pannen: Es gibt gelungene Torszenen zu sehen und die schönsten Dribblings der Amateure, aber das bieten die Profis auch und oft besser. Bei Fouls und Patzern indes liegen die Freizitkicker klar vorne.

Wie populär die vom DFB beschworene »neue Perspektive für den Amateurfußball« letztendlich wird, bleibt abzuwarten. Die Facebook-Seite von Sporttotal.tv hat mit deutlich unter 6 000 Fans eine bescheidene Reichweite. Viel Geld können die kleinen Werbevideos, die den Clips vorgeschaltet sind, da nicht bringen. Die Pilotphase mag DFB und Wige Media überzeugt haben, die Fans ­interessieren sich bislang offenbar kaum für das Angebot. Die Jungle World wollte von Wige Media wissen, mit wie vielen Vereinen die Übertragungen in der der Saison 2017/18 beginnen, wie sich Sporttotal.tv ­finanziert, wie genau das mit den automatischen Kameras läuft, wann die Aufbauphase, in die man nun eintritt, beendet sein wird und wer sich das Gekicke der Amateure überhaupt anschauen soll. Antworten auf unsere Fragen erhielten wir nicht.

Wige Media wird einen langen Atem brauchen und muss auf spektakuläre Szenen hoffen, die online ­geteilt werden. Bislang gab es die wohl kaum, sonst wäre Sporttotal.tv in den sozialen Netzwerken erfolgreicher. Auch die Kooperation mit Bild.de, wo seit Monaten einmal wöchentlich die »spektakulärsten ­Szenen« des Amateurfußballs gezeigt werden, hat daran nichts geändert.

Amateurfußball hat es schwer – nicht nur auf dem Platz, sondern auch in den Medien. Zwar berichten die lokalen Sportseiten der Tages­zeitungen regelmäßig über die Mannschaften der unteren Ligen, aber ­alles, was darüber hinausgeht, war bislang wenig erfolgreich. Das am­bitionierte und schön gemachte Magazin Bolzen, ein Nebenprojekt des Fußballmagazins 11 Freunde, veröffentliche zwischen 2004 und 2009 gerade einmal 13 Ausgaben, bevor es sein Erscheinen einstellte. Es widmete sich allerdings der Freizeitfußballszene jenseits der kleinen DFB-Vereine. Die spielte damals zwar auch nicht besser als die Rumpelfüßler mit Verbandsstatus, war aber dafür wenigstens hip. Genutzt hat es nichts.