Die Interessen der Türkei und weiterer Kriegsakteure in Nordsyrien

Im Zentrum der Begehrlichkeiten

Die Türkei bedroht nicht nur die kurdische Selbstverwaltung in Nord­syrien, sie gefährdet auch den Kampf gegen den »Islamischen Staat«.

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Seit dem 26. Juni werden die Stellungen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) in der nordwestsyrischen Region Erfîn von der türkischen Armee beschossen. Der befürchtete Einmarsch der Türkei hat bislang nicht stattgefunden. Dies ändert allerdings nichts daran, dass Erfîn ­immer mehr zur Verhandlungsmasse zwischen den in Syrien präsenten Groß- und Regionalmächten wird.

Als die syrische Armee 2012 aus Efrîn abzog und damit die Voraussetzung für die Machtübernahme der PKK-Schwesterpartei, der Partei der Demokratischen Union (PYDL) und ihrer bewaffneten Volks- und Frauenverteidigungseinheiten schuf, war die nördlich von Aleppo gelegene Region nur eine von drei kleinen Enklaven unter kurdischer Kontrolle. Mit der Verbindung der beiden 2014 ausgerufenen autonomen Kantone Kobanê und Cizîrê durch die Einnahme der Stadt Tell Abyad im Juni 2015 entstand im Nordosten Syriens allerdings ein größeres zusammenhängendes Gebiet, das seit der Gründung der Syrian Democratic Forces (SDF) im Oktober 2015 militärisch von den USA unterstützt wird. Mit den SDF, die neben YPG und YPJ auch eine Miliz der arabischen Shammar, die ebenfalls überwiegend ara­bische »Armee der Revolutionäre« sowie turkmenische und syro-aramäische Milizen umfasst, stand den USA endlich ein multiethnischer Verbündeter zur Verfügung, dem man ohne direkte Involvierung der PKK militä­rische Unterstützung zukommen lassen konnte.

Sollte die Türkei in den nächsten Wochen doch noch in Efrîn einmarschieren, wäre auch das größte Siedlungsgebiet der Yeziden in Syrien gefährdet.

Während militärische Erfolge mit US-Unterstützung den SDF 2016 und 2017 große Geländegewinne brachten, blieb Efrîn weiter isoliert. Zwar gelang es der dortigen YPG/YPJ nach der Eroberung Aleppos durch das syrische Regime im Dezember 2016, weiter nach Osten vorzurücken und südlich der Grenzstadt Azaz einen Landstreifen in Richtung Osten zu erobern, jedoch konnten im Februar 2017 türkische Truppen und protürkische Milizen den Wettlauf um den Korridor zwischen Efrîn und Kobanê durch die Einnahme von al-Bab am 23. Februar 2017 für sich entscheiden. Nach der Einnahme von Tadef am 26. Februar 2017 durch syrische Regierungstruppen, die dort auf protürkischen Milizen trafen, hätten sich die SDF entweder mit der syrischen Armee oder mit den türkischen Truppen und ihren Verbündeten anlegen müssen. Dass der Korridor zwischen den beiden Kantonen letztlich nicht erobert wurde, hatte nach Angaben des damaligen YPG-Sprechers Rêdûr Xelîl politische und nicht militärische Gründe. Es scheint, dass die USA als wichtigster Verbündeter der SDF ein Veto gegen ein weiteres Vordringen eingelegt hatten, um ihren Nato-Verbündeten Türkei nicht weiter zu provozieren.

Dass die SDF allerdings keineswegs nur zum verlängerten Arm der USA und Westeuropas geworden sind, sondern bei aller Rücksichtnahme auf die Interessen der Verbündeten versuchen, sich nach anderen Seiten hin abzusichern, zeigt die am 19. März 2017 getroffene Vereinbarung mit Russland, die dem engsten Verbündeten des Regimes die Errichtung einer Außenstelle ihres »Versöhnungszentrums« in Efrîn ermöglichte.
Die Rolle Russlands bleibt seither undurchsichtig. Bereits Anfang Juli sickerte durch, dass die Türkei als Schutzmacht der arabischen Oppositions­milizen Russland einen Tausch zwischen Iblid und Erfîn angeboten haben soll. Erfîn sollte demnach von protürkischen Milizen übernommen werden, während die Regierungsarmee in Iblid einmarschieren und damit die Region zwischen Aleppo und dem alawitischen Kernland an der Küste übernehmen könnte. Das hätte nicht nur eine gewisse Entflechtung der verworrenen Truppensituation vor Ort mit sich gebracht, sondern die Erzfeinde der türkischen Regierung zumindest aus West­syrien von der Grenze zur Türkei verdrängt. Wenn es diesen Vorschlag tatsächlich gegeben hat, ließ sich Russland offenbar nicht darauf ein. Angeblich drängte Russland YPG und PYD dazu, Erfîn wieder der syrischen Armee zu übergeben und sich aus der Region zurückzuziehen. Nur dadurch könne ein Einmarsch der Türkei abgewendet werden.

Grundsätzlich hat die verstärkte militärische Zusammenarbeit der SDF mit den USA in den vergangenen Monaten zu einer Entfremdung von Russland geführt. Für den Kampf gegen den »Islamischen Staat« (IS) hätte ein türkischer Angriff auf Efrîn möglicherweise verheerende Folgen. Der YPG-Oberkommandeur Sipan Hemo sagte Ende Juli in einem Interview mit einer der PKK nahestehenden Nachrichtenagentur, dass bei »anhaltenden Angriffen auf Efrîn die Raqqa-Operation nicht weitergeführt werden« könne. Die Hoffnung dürfte wohl sein, dass die USA so viel Druck auf die Türkei ausüben, dass diese von ihren Angriffsplänen Abstand nimmt. Wie viel Einfluss die USA auf die Türkei unter der Regierung Recep Tayyip Erdoğans allerdings noch haben, gehört derzeit zu den großen Fragen in diesem Konflikt.

Sollte die Türkei in den nächsten Wochen doch noch in Efrîn einmarschieren, wäre auch das größte Siedlungsgebiet der Yeziden in Syrien gefährdet. Insgesamt 26 Dörfer existieren auf einem Gebirgsstock im Südosten der ­Region. Was mit dieser nichtmuslimischen Minderheit geschehen könnte, kann man angesichts des Schicksals der yezidischen Bewohner des kleinen Dorfes Elî Qîno erahnen. Das Dorf liegt westlich des Sperrwalls, den die YPG/YPJ an der Grenze des von ihnen kontrollierten Gebietes errichtet hatten, und stand damit de facto unter der Kontrolle protürkischer Rebellen. Am 12. Juni wurde der yezidischen Bevölkerung des Dorfes eine Stunde Zeit ge­geben, ihre Häuser zu verlassen, die danach von protürkischen Rebellen ­beschlagnahmt wurden.
Im Rahmen der im Kanton Efrîn im Mai 2015 eingeführten Wehrpflicht werden derzeit verstärkt Soldaten ausgebildet. Im Falle eines türkischen Angriffs will man vorbereitet sein. Ob dabei der militärische Widerstand in Efrîn selbst entscheidend sein wird, ist allerdings fraglich. Die Drohung einer weiteren militärischen Eskalation innerhalb der türkischen Kurdengebiete könnte schon wirkungsvoller sein. ­Militärisch hat der Kampf der SDF gegen den IS, der insbesondere in der ­IS-Hauptstadt Raqqa einen enormen Blutzoll verlangte, die kurdischen Einheiten sehr geschwächt. Ohne die ­militärische Unterstützung der USA wäre Efrîn mit Sicherheit nicht gegen die türkische Armee zu verteidigen.

Dabei ist gerade der Kampf um Raqqa aufgrund der hohen Opferzahl unter den Kurden umstritten. Wer sich in Rojava selbst außerhalb von PYD-Kreisen umhört, hört oft von Unverständnis darüber, weshalb Kurden für arabische Städte sterben sollen. Die Eroberung Tell Abyads 2015 oder die Errichtung eines Korridors nach Efrîn wäre im kurdischen Interesse gewesen. Dass nun »für die Amerikaner« in Raqqa gekämpft wird, stößt nicht überall auf Zustimmung.

Zudem haben sich die Konflikte mit den kurdischen Oppositionsparteien, insbesondere den im Kurdischen Nationalrat (ENKS) organisierten Parteien, die Massoud Barzanis kurdischer Regionalregierung im Nord­irak nahestehen, diesem Jahr weiter verschärft. Seit den Auseinandersetzungen zwischen den Rojava-Peshmerga, also der bewaffneten Miliz des ENKS im irakischen Sinjar (kurdisch: Şingal), mit den der PKK nahestehenden yezidischen Widerstandseinheiten von Şingal (YBŞ) im März 2017 wird in Rojava die Op­position mehr unterdrückt denn je. Eine ganze Reihe von Parteibüros wurden geschlossen und Politikerinnen und Politiker verhaftet. Der Kurdische Nationalrat arbeitet wie Barzani selbst immer offener mit der Türkei zusammen.

Die enormen Geländegewinne der Föderation Nordsyrien-Rojava in den vergangenen Monaten, die ganz überwiegend arabisch besiedeltes Gebiet betreffen, stellen Selbstverwaltung vor neue Herausforderungen. Ende Juli wurde deshalb eine Neuaufteilung des Territoriums in drei Regionen und sechs Kantone beschlossen. Zwei der Kantone sollen in Efrîn sein. Voraus­gesetzt, es befindet sich dann noch unter Kontrolle der SDF.