Constellation Records boykottiert Israel

Neue Selbstverständlichkeiten

Auf Godspeed You! Black Emperor konnten sich viele Hörer einigen. Die Betreiber ihres Labels Constellation Records wollen den Export ihrer Platten nach Israel vermeiden.

»Ich war den größten Teil meiner Punkrock-Jugend der einzige Jude im Raum«, sagte Efrim Menuck in ­einem Interview über die Gründung seiner Band A Silver Mt. Zion im Jahr 2000. Die Aufnahmen zum Debütalbum »He Has Left Us Alone, But Shafts Of Light Sometimes Grace The Corner Of Our Rooms … « empfand Menuck dagegen als eine »jüdische Erfahrung«; mit drei anderen jüdischen Musikern zu arbeiten habe ihn zum ersten Mal seine Isolation vergessen lassen. Im gleichen Jahr erschien auch das Album »Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven« seiner Hauptband God­speed You! Black Emperor, das trotz seiner Komplexität und Sperrigkeit in zahlreichen Jahresbesten­listen auf den vordersten Plätzen landete.

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Ästhetisch und politisch dem DIY-Punk-Gedanken verpflichtet, ließ sich die flächige Musik schwer einem Genre zuordnen, die Schublade Postpunk, in die sie häufig gesteckt wurde, war eigentlich zu klein. Felix Klopotek hat das Album als »Klagegesang auf die kulturindustrielle Domestizierung der Punkbewegung« beschrieben, und gerade die politischen Aspekte ihrer Musik hat die Band trotz fehlender Songtexte stets betont, durch Linernotes, Interviews und andere Verlautbarungen. Immer ging es um die Widersprüche des Kapitalismus, dem sich die Band trotz aller Mühe nicht vollständig entziehen konnte, und um politische Bezüge von Michail Bakunin über Emma Goldman bis zum Schwarzen Block. Allerdings war man darauf bedacht, das Prozesshafte und Unabgeschlossene, das auch der Musik innewohnte, zu betonen, Ambivalenzen und politische Differenzen auszuhalten.

Eine Zeitlang konnten sich viele auf diese Bands einigen, auch meine eigene musikalische und politische Entwicklung wurde von den genannten Alben nachhaltig geprägt, pünktlich zum Beginn des Studiums und auf der Suche nach neuen Formen von Musik, ausgehend von der eigenen Punk- und Hardcore-Vergangenheit. Zwei Jahre später war damit allerdings Schluss. Zwischenzeitlich hatte der 11. September nicht nur die politischen Verhältnisse in der Linken durcheinandergebracht, sondern in der Folge auch im Kleinen zahlreiche Freundschaften zerstört. Und mitten in diese konfliktreiche Zeit warfen Godspeed You! Black Emperor 2002 ihr Album »Yanqui U.X.O.«, das musikalisch nur minimal schwächer war als das vorangegangene, aber in den Linernotes die Ambivalenz und Offenheit früherer Veröffentlichungen ad acta legte. Als einzige klare politische Aussage wurde formuliert: »Ariel Sharon surrounded by 1 000 Israeli Soldiers marching in al-Haram al-Sharif and provoking another intifada.« Die Ressentiments, die die Band mit dieser vermeintlich sachlichen Information bediente, ließen mich Godspeed und A Silver Mt. Zion den Rücken kehren – an das plötzliche Ende langjähriger Freundschaften hatte man sich damals ohnehin gewöhnt. »Am Ende bleiben Godspeed dann doch genauso dumpf wie ein Großteil ihres Klientels«, fasste wiederum Felix Klopotek die neue politische Positionierung der Band zusammen.

Ein paar Jahre später geriet mir durch Zufall das damals aktuelle Album der mittlerweile in Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra umbenannten Band in die Hände und ohne große Erwartungen hörte ich »Horses in the Sky«, nur um wieder eine ähnliche horizonterweiternde Erfahrung zu machen wie fünf Jahre zuvor bei Godspeed. Dank den Möglichkeiten des menschlichen Gehirns war die Ohrfeige von »Yanqui U.X.O.« ganz tief in Vergessenheit geraten – zum Glück, sonst wäre mir wohl das Universum, das sich mit »Horses in the Sky« auftat, für immer verborgen geblieben. Die »jüdische Erfahrung« des Bandprojekts war immer stärker in den Mittelpunkt getreten, es ging um jüdisches Leben in der ­Diaspora, Antisemitismus in Kanada, Luftmenschen, den Blick aus Amerika nach Israel und in die osteuropäischen Herkunftsländer der Großeltern, kurz: um die Suche nach einer jüdischen Post-Shoah-Identität, um neue Formen der Erinnerung und um alternative Lebensentwürfe in einer feindlichen Mehrheitsgesellschaft – »Your hips on mine make a choir/Singing‚ baruch atta adonaï’«.

Die Interviews mit der Band waren, sobald es um politische Fragen ging, zwar oftmals ebenso vorhersehbar, wie man angesichts ihrer Herkunft aus der kanadischen anarchistischen Antiglobalisierungs­szene erwarten konnte. Noch plumper aber waren oftmals die Inter­viewer, die die Mitglieder der Band als Juden zu antiisraelischen Kronzeugen zu machen versuchten, um selbst bestimmte Äußerungen nicht tätigen zu müssen. Die Aussagen der Bandmitglieder, die Songtexte und Verweise auf den Alben blieben ambivalent und widersprüchlich genug, um mit ihnen noch diskutieren zu wollen. Und neben Silver Mt. Zion existierte auf Constellation Records, ihrem Label, mittlerweile ein stets wachsender Mikrokosmos, dem unter anderen das auf Jiddisch singende Post-Klezmer-Projekt Black Ox Orkestar angehörte, das personelle Überschneidungen zu Silver Mt. Zion hatte und ähnlichen Suchbewegungen nach einer zeitgemäßen Form jüdischer Identität vollführte.

2010 dann wurde die verdrängte Godspeed-Entgleisung wieder ins Bewusstsein gerufen, als die beiden Betreiber von Constellation, Ian Illavski und Don Wilkie, den Aufruf »500 Artists against Israeli Apartheid« unterschrieben, mit dem Künstler aus Montreal ihre Solidarität mit der weltweiten BDS-Kampagne öffentlich machten. Aber Bands boykottieren, weil die Labelbetreiber seltsame Ansichten haben? Zumal zwar einige Musiker des Labels den Aufruf unterschrieben hatten, die Mehrzahl allerdings nicht. Selbst nicht Efrim Menuck, musikalischer Kopf von Godspeed You! Black Emperor und Silver Mt. Zion, der sich in Interviews immer wieder Mühe gab, seine Kritik an politischen Entwicklungen in Israel besonders explizit auszustellen – zur Freude vieler seiner Hörer, wenn auch nicht zu meiner. Trotzdem wog für mich das ­widersprüchliche Konzept dieser jüdisch-kanadischen Musikergruppe ­einiges auf, der fortwährende, nicht abgeschlossene Klärungsprozess, schwerelos und voller offener Fragen, auf Jiddisch und Englisch, mit der ­jüdischen Kulturgeschichte, Luftmenschen, Klezmer, Postrock und Punk, Emma Goldman, Karl Marx und dem jüdischen Antifaschistischen Komitee im Gepäck, mit dem Ziel der Erschütterung gesellschaftlicher Zwänge. Dafür war ich bereit, die Widersprüche auszuhalten.

Die Strömung, der sich die Labelbetreiber 2010 anschlossen, ist ­seitdem immer stärker und fordernder geworden, wie man zuletzt an der öffentlichkeitswirksamen Kontroverse um den Auftritt von Radiohead in Tel Aviv sehen konnte. Als Thom Yorke dort am 19. Juli 2017 sagte: »Letztendlich haben wir einfach nur Musik gemacht«, war auch ihm vermutlich klar, wie wenig dies in den Augen seiner Kritiker stimmte. Eine breite Front von Kulturschaffenden, allen voran Roger Waters und Ken Loach mit Rückendeckung von Thurston Moore, den Young Fathers und vielen anderen, hatte von der britischen Band per offenem Brief eine Absage des Konzertes verlangt. »Radiohead müssen sich entscheiden, ob sie auf der Seite der Unterdrückten oder der Unterdrücker ­stehen wollen. So einfach ist das«, ließ der Regisseur Ken Loach die Band wissen, eine koloniale Geste erkannte im Konzert die Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel (PACBI) und der ­Regisseur Mike Leigh nannte die Ansage von Radiohead, mit ihrer Musik Grenzen überschreiten und ­keine neuen ziehen zu wollen, einen Hohn angesichts von sterbenden ­palästinensischen Krebspatienten, denen der Zugang nach Israel verwehrt bleibe – auf welche dubiosen Quellen er sich auch immer bezogen haben mag.

Glücklicherweise haben mich persönlich von allen involvierten Bands maximal Sonic Youth jemals wirklich interessiert, so dass die Frage danach, welche Konsequenzen daraus für die eigenen Musik- und Filmvorlieben zu ziehen wären, sich in diesem Fall nicht stellt. Während Radiohead dadurch zwar sympathischer, aber musikalisch nicht interessanter werden, bleibt Roger Waters so unhörbar wie eh und je. Ken Loachs Filme laufen übrigens auch in Israel, darauf angesprochen ließ er mitteilen, dies sei ein Versehen gewesen.

Jenseits dieser lauten und medial begleiteten Kontroverse hat man sich bei Constellation Records entschieden, still und leise einen wesentlich radikaleren Weg zu beschreiten. Während in jedem Plattenladen Tel Avivs wohl Alben von Pink Floyd, Sonic Youth oder TV on the Radio zu erwerben sein dürften, sieht es mit Godspeed You! Black Emperor, Do Make Say Think, Matana Roberts oder Silver Mt. Zion heute anders aus. »No Export to Israel« lautet die Ansage des Montrealer Labels an seinen Vertrieb, die auch seit einer Weile klein auf jedem Presseinfo von Neuveröffentlichungen aufgedruckt ist, weswegen es erst jetzt im Zuge der Ankündigung einer neuen God­speed-Platte zufällig auffiel.

Der Vertrieb hüllt sich dazu auf Nachfrage in Schweigen, dabei wäre es durchaus interessant zu erfahren, wie das in der Praxis funktioniert. Bekommt der Tel Aviver Plattenladen eine Standardmail, einen politischen Aufklärungsbrief oder wird er ebenso ignoriert wie ein Journalist? Letztendlich ist es aber auch egal. Mir ist jedenfalls kein anderes Plattenlabel, kein Verlag oder Filmverleih bekannt, der seine Produkte weltweit vertreibt und aus politischen Gründen einzig Israel ausspart. Keine der Bands des Labels hat sich dazu geäußert, kein Journalist hat es bislang problematisiert. »No Export to Israel« scheint einer neuen Selbstverständlichkeit zu entsprechen. Für mich war’s das jedenfalls mit Constellation, Silver Mt. Zion und all den anderen. Das dumpfe Bedienen von Ressentiments hat sich nun endgültig vor die Schönheit der Musik geschoben.

Godspeed You! Black Emperor: Luciferian Towers (Constellation)