Argentinische Beschäftigte leisten Widerstand gegen ihre Entlassung

Der Durst der Löwinnen

In Argentinien kämpfen Beschäftigte eines Getränkekonzerns ohne Unterstützung der Nahrungsmittelgewerkschaft gegen ihre Ent­lassung. Sie haben die Unterstützung anderer gesellschaftlicher und gewerkschaftlicher Gruppen, denen sie als Vorbild dienen.

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Gegenüber dem mit Stuck und Statuen verzierten Gebäude des Nationalkongresses steht im argentinischen Win­ter­regen ein weißes Plastikzelt. Es ist von außen mit Parolen bemalt: Solidarität, Wiedereinstellung und Boykott, so lauten die Forderungen. Hier im Zentrum von Buenos Aires, auf der Plaza del Congreso, demonstrieren die Beschäftigten der Firma Pepsico. Einer von ihnen ist Alejandro*. Als er Mitte Juni seine Nachtschicht um 4.30 Uhr morgens beendete, ahnte er nicht, dass es seine letzte sein sollte. Wenige Stunden später wurde das Ende der Produktionsstätte in Buenos Aires mit einem schlichten Aushang an den Werkstoren verkündet. Der Getränkehersteller plante, die Fabrik einen Monat später zu schließen und Hunderte Angestellte, vor allem einfache Arbeiterinnen und Arbeiter, auf die Straße zu setzen.
»Für uns war klar, dass wir dies nicht so einfach hinnehmen würden«, sagt Alejandro. Es gab Gespräche und Versammlungen, bis in die Nacht wurde diskutiert. »Wir haben überlegt, was wir tun können.« Drei Tage später fiel die Entscheidung: Die gesamte Branche sollte bestreikt werden. Der Betriebsrat forderte die Nahrungsmittelgewerkschaft STIA dazu auf, die Belegschaften anderer Betriebe einzubeziehen und den Arbeitskampf auszurufen. Doch dazu kam es nicht. Auf dem Treffen zwischen Gewerkschaft und Betriebsrat kam es zum Bruch, alte Konflikte wurden sichtbar. Auf der einen Seite stehe ein traditionell kämpferischer Betriebsrat mit »Leuten von uns«, wie Alejandro sagt, auf der Seite der Gewerkschaft stünden die Haltungslosen.

»Die Gewerkschaft gab an, mit der Unterstützung mancher unsolidarischer Arbeiter, das angeblich Beste für die Arbeiter rauszuholen, und einigte sich mit der Firmenleitung auf 200 Prozent der eigentlichen Abfindung«, sagt Alejandro. Je nach Vertrag wären das zwischen 400 000 und 1,5 Millionen Pesos, etwa 20 000 bis 75 000 Euro pro Person. »Das haben wir nicht akzeptiert, also sind wir gegangen. Wir wollten keine Abfindung, sondern unsere Arbeit behalten«, erzählt Alejandro übernächtigt. Pepsico hatte angegeben, das Werk aus wirtschaftlichen Gründen schließen zu müssen. Dies sei Unsinn, kommentiert Alejandro erbost. »Der Konzern verzeichnet Gewinne. Eigentlich geht es darum, die Belegschaft und den Betriebsrat loszuwerden und die Produktion nach Chile auszulagern, weil es dort billiger ist.«

Wenige Tage nach den gescheiterten Verhandlungen mit der Gewerkschaft unter dem Vorsitzenden Rodolfo Daer kamen die Arbeiter wieder und besetzten die Fabrik. Sie befürchteten, Pepsico könnte die Maschinen abholen lassen. Die Beschäftigten wollten weiterarbeiten, notfalls ohne Chefs und in Selbstverwaltung. In ganz Argentinien gibt es annähernd 400 selbstorganisierter Betriebe. Doch die Besetzung hielt nicht lange an. Nachdem Pepsico angegeben hatte, auf dem Gelände befänden sich umweltschädliche Chemikalien, die ins Abwasser gelangten, ordnete eine Richterin im Auftrag von Horacio Rodríguez Larreta, dem rechten Oberbürgermeister von Buenos Aires, die Räumung an. Diese erfolgte äußerst brutal, die 500 Polizisten setzten dabei Gummischrot, Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Auch das angrenzende Wohnviertel und ein Kindergarten waren von den Schwaden des sich ausbreitenden Pfeffersprays betroffen.

Wenige Stunden nach der Räumung stellte ein argentinisches Arbeitsgericht fest, dass diese illegal erfolgt sei. »Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre«, sagt Alejandro und schüttelt den Kopf. »Das war schlimm«, pflichtet ihm Nancy* bei, die sich auf einen weißen Plastikstuhl neben ihn setzt. »Ich bin seit acht Jahren bei Pepsico. Durch die Arbeit habe ich einen kaputten Rücken.« Als sich die Räumung abzeichnete, hätten ihre Kolleginnen sie gezwungen zu gehen – wegen ihrer Rückenprobleme. »Sie brachten mich in ein nahegelegenes Auto, von wo aus ich dann ihre Schreie und Rufe hörte. Meine Kolleginnen in dieser Situation zu wissen, das war noch viel schlimmer, als selbst darin zu sein. Es war wie Folter«, sagt Nancy.

»Es gibt Menschen, die arbeiten hier schon viele Jahre, auch weitaus länger als ich. Sie haben ein Recht darauf, ihre Arbeit zu behalten.« Nancy, protestierende Arbeiterin bei Pepsico

Der Großteil der Belegschaft bei Pepsico ist wie Nancy weiblich, prekär beschäftigt und hat eine Familie. Fast 70 Prozent der Beschäftigten sind Frauen, daher kommt der Name »Las Leonas de Pepsico« (die Löwinnen von Pepsico). »Die feministische Perspektive in unserem Kampf ist wichtig«, so Nancy. Weil die Belegschaft am 8. März zu einem Solidaritätsstreik aufrief, da erneut eine Frau im Großraum Buenos Aires verschwunden war, erhalten die Pepsico-Beschäftigten viel Zuspruch aus feministischen Kreisen: Der Losung »Ni una menos« (Nicht eine weniger), die sich gegen Gewalt gegen Frauen richtet, wurde um »ohne Arbeit« erweitert: »Ni una menos sin trabajo«. 
Nancy trägt wie alle hier einen dunkelblauen Pepsico-Fleecepulli. »Es gibt Menschen, die arbeiten hier schon viele Jahre, auch weitaus länger als ich. Sie haben ein Recht darauf, ihre Arbeit zu behalten«, sagt die Mutter von zwei Kindern. Es gehe in ihrem Arbeitskampf auch um die »gesamtgesellschaftliche Situation«, denn »seit ein paar Jahren, seit der Krise, wird die Situation von Lohnabhängigen immer schlechter«. Im industriellen Sektor Argentiniens sind seit 2015 fast 50 000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Der oppositionellen Zeitung Página 12 zufolge liegt das nicht zuletzt an den Arbeitsmarktreformen des seit Ende 2015 amtierenden Präsidenten Mauricio Macri. Dessen Arbeitsministerium hatte bislang keinen Termin für die Arbeiter von Pepsico frei, obwohl diese seit Wochen Gespräche einfordern.

Die wirtschaftspolitischen Reformen der Regierung, die Argentinien wieder international wettbewerbsfähig und kreditwürdig machen sollen, verschlechtern den protestierenden Beschäftigten von Pepsico zufolge die Situation der Erwerbstätigen und großer Teile der Bevölkerung. »Wenn wir uns nicht wehren, geht es immer weiter mit all den Kürzungen und Reformen«, meint Nancy. Kurz vor den anstehenden Kongresswahlen im Oktober ist der Kampf der Pepsico-Beschäftigten zum Symbol eines größeren politischen Konflikts geworden.

»Wir haben viel Zuspruch bekommen, viel Solidarität. Während der Räumung aus dem angrenzenden Viertel, aber auch danach, als 20 000 Menschen aus allen möglichen politischen Lagern auf einer Solidaritätsdemonstration waren«, sagt Nancy. Das habe auch daran gelegen, dass die Pepsico-Beschäftigten in den Tagen der Besetzung verschiedene gesellschaftliche Gruppen eingeladen hatten, um sie »auf unsere Seite zu ziehen«. Einige Beschäftigte, die zunächst die Abfindung akzeptiert hatten, versuchten nun, dies wieder rückgängig zu machen, »weil sie sehen, dass es vielleicht doch eine Perspektive gibt, ihre Arbeit zu behalten«, wie Alejandro berichtet.

Immer wieder kommen Delegierte anderer Gewerkschaften in das Zelt vor dem Kongress, um ihre Solidarität auszudrücken. Es wird gesungen, geklatscht, für Fotos posiert. Mitglieder einer Eisenbahngewerkschaft verlesen eine Grußbotschaft. Die Gewerkschaften sollten wieder zu Organisationen der Arbeiter werden, sagen sie. »Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Und wer ohne Organisation kämpft, wird geschlagen«, ruft einer von ihnen und bedankt sich bei den Pepsico-Beschäftigten für ihren Kampf, der als Vorbild diene. »Das alles ist nur möglich, weil viele unserer Kolleginnen hier Erfahrungen aus anderen Organisationen mitbringen«, sagt Nancy und meint damit kommunistische und andere linke Gruppen. »So kann es sein, dass ich als alte Frau von 17- oder 18jährigen lerne.«

Der Konflikt zwischen den Beschäftigten und Pepsico findet auch auf der anderen Straßenseite statt, im Kongress. Dort fordert die trotzkistische Koalition Frente de Izquierda y de los Trabajadores, die über vier von 257 Sitzen verfügt, eine neue Gesetzgebung, die die Verlagerung der Fabrik verhindern soll. Derweil kämpfen die Löwinnen von Pepsico weiter.

* Vollständiger Name der Redaktion bekannt.