Eine Frauenkooperative im iranischen Isfahan

Der Himmel von Isfahan

Die offizielle Position des iranischen Regimes ist klar: Männer stehen in der Öffentlichkeit, Frauen unter der Fuchtel und am Herd. Doch die Wirklichkeit in einem Land mit chronisch kriselnder Ökonomie und hoher Inflation ist eine andere: Viele Frauen müssen ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten. Oft gründen sie Kooperativen – nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern vor allem weil Frauen auf dem regulären Arbeitsmarkt systematisch benachteiligt werden. Gleichwohl bieten sie den Beteiligten Freiräume, die sie ansonsten nicht genießen. Auch in Isfahan: In der kunsthandwerklichen Produktion für den großen Basar der einstigen Hauptstadt Persiens wurden von jeher Frauen beschäftigt. Mittlerweile beginnen sie, sich einen eigenständigen Marktzugang zu verschaffen.

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Naqsh-e Jahan, übersetzt: Bild der Welt, so heißt traditionell der zentrale Platz Isfahans, der zweitgrößten Stadt des Iran. Die prächtigen und in der ganzen islamischen Welt bekannten Gebäude, die ihn säumen, stammen aus der Zeit der persischen Herrscherdynastie der Safawiden (1501–1722); das Ensemble zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Einheimische, die alt genug sind, sich an die Zeit der Herrschaft der Pahlavis zu erinnern, kennen den Ort noch als Shah-Platz. Nach der Revolution wurde er in Imam-Platz umbenannt, aber ungeachtet der wechselnden Namen war er schon immer von einem großen Basar umgeben, dem Basar Bozorg. Dessen Läden sind gefüllt mit edlen azurblauen Vasen und Tellern mit ganz besonders raffinierten, feinziselierten Ornamenten. Und im Verkaufsgespräch betont jeder Ladenbesitzer, dass Frauen diese Objekte herstellen, denn – so die Argumentation – nur der weibliche Sinn für akribische Ästhetik könne solch aufwendige, schöne Formen hervorbringen.
Nur ein paar Meter entfernt vom Basar, in einem labyrinthischen Gewirr kleiner Gassen, liegen zahlreiche Werkstätten verstreut in Stille und Schatten, die einen gigantischen Kunsthandwerksmarkt versorgen. Große Glasfenster gewähren Vorbeikommenden einen Blick nach drinnen, wo meist etwa zehn Frauen an großen Tischen sitzen und kleine Türkisstücke auf Kupfervasen anbringen, delikate Muster in polierte Silbergefäße hämmern oder Metallteller emaillieren.

In einer dieser Werkstätten arbeitet Azin, eine 30jährige Künstlerin, die beschlossen hat, ihre Werke nicht an einen Ladenbesitzer oder einen Zwischenhändler zu verkaufen. Sie und sieben andere Frauen haben entschieden, sich selbst um ihre Arbeit zu kümmern, anstatt endlos nach einer sicheren Anstellung zu suchen, die diejenigen, die den Basar beherrschen, ohnehin nicht bieten wollen. Deshalb haben Azin und ihre Kolleginnen das Risiko auf sich genommen, die Kooperative »Tolou« (Sonnenaufgang) zu gründen. »Alles begann vor zwei Jahren«, sagt Azin, »drei Freundinnen und ich beschlossen, die Materialien zu kaufen und selbständig zu arbeiten.« Der Anfang gelang, man fand bald zu einer organisierten Form der Selbstverwaltung. Alle Frauen der Kooperative sind zwischen 25 und 30 Jahre alt; alle haben einen Bachelor- oder Masterabschluss. Azin selbst ist Absolventin der Shahrekord-Universität der Künste und Gewinnerin eines landesweiten Kunstwettbewerbs.

Die Frauen üben eine der bekanntesten Formen des Kunsthandwerks im Iran aus und stellen »Mina« her. »Mina« ist die weibliche Form des Wortes »Minoo«, das im Persischen »Himmel« bedeutet. Es bezeichnet die Kunst, Metall und Fliesen mit feinen Details, Mustern und Abstufungen in himmelblauer Farbe zu dekorieren. Die Frauen sitzen Schulter an Schulter nebeneinander in ihrer kleinen Werkstatt, hören ruhige Musik und malen kunstvoll imaginäre Gärten mit Miniaturblumen. »Für uns ist das nicht nur eine Arbeit, hier ist ein Ort, an dem wir unseren Glauben an uns selbst wiedergewinnen. Wir besprechen unsere Probleme miteinander und haben eine kleine solidarische Gemeinschaft gegründet«, sagt Azin, während sie vorsichtig den Teller abstellt, den sie gerade fertig emailliert hat. »Wir waren es leid, von den Ladenbesitzern und Geschäftsmännern ausgebeutet zu werden. Jetzt arbeiten wir selbständig und jede Mina-Künstlerin, der es genauso geht, ist herzlich eingeladen, bei uns mitzumachen«, fügt eine neben Azin sitzende junge Frau hinzu. »Dies ist der einzige Ort, an dem die offiziell gewollte Geschlechtertrennung von Vorteil sein könnte. Wir wollten eine Frauenkooperative schaffen, die der Kunst selbst entspricht, also völlig weiblich.« Azin sagt, dass sich die Beziehungen der Mitarbeiterinnen untereinander bemerkenswert von denen unterschieden, die an anderen Arbeitsplätzen üblich sind: »Viele von uns mussten eine Art sozialen Preis zahlen, um unabhängig zu sein, um die Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Wir haben hier mehr oder weniger die gleichen Probleme und die gleichen Ziele. Deshalb kommen wir ziemlich gut miteinander aus.«

Immer mehr iranische Frauen verarmen, eine Entwicklung, die durch das strikte Beharren der »Islamischen Republik« auf der Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum und das inkompetente Sozialhilfewesen teils verursacht und teils verstärkt wird.

Der Alltag, mit dem iranische Frauen, auch in Isfahan, ansonsten konfrontiert sind, ist sehr viel weniger freundlich. Der obligatorische Hijab ist vermutlich der sichtbarste Aspekt einer enormen systematischen Diskriminierung, aber eben nur ein Aspekt. Immer mehr Frauen verarmen, eine Entwicklung, die durch das strikte Beharren der »Islamischen Republik« auf der Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum und das inkompetente Sozialhilfewesen teils verursacht und teils verstärkt wird. Die Situation ist auch deshalb so verfahren, weil viele iranische Frauen bestrebt sind, ihren sozialen Status durch Bildung zu verbessern. Zudem gibt es bei ihnen eine starke Tendenz, sich auch außerhalb des familiären Rahmens zu betätigen, was sich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Engagements zeigt – eine Tendenz, die der Staat misstrauisch beäugt. So stellen Frauen die Mehrheit der gebildeten Bevölkerung, sind aber mehr als doppelt so häufig arbeitslos wie Männer. Frauen stellen auch weiterhin die Mehrheit der Studierenden.

Ungeachtet der politischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Präsidenten der vergangenen vier Jahrzehnte änderte sich niemals etwas Grundlegendes an der ökonomischen Situation der Frauen: Entweder besaß das Thema keine Dringlichkeit oder der Zugang von Frauen zur Arbeitswelt wurde regelrecht hintertrieben. Sogar die sich reformorientiert gebenden Regierungen lösten ihrer Versprechen nie ein, die vorrevolutionären Zahlen bei der Frauenbeschäftigung wieder zu erreichen. In den ersten Jahren nach der Revolution wurden Frauen in Scharen gefeuert, meist weil sie den nun vorgeschriebenen Hijab nicht tragen wollten oder gegen die drohenden Unterdrückungsmaßnahmen protestierten.

Geschlechtertrennung im Bus

Im Bus herrscht Geschlechtertrennung. Azin auf dem Weg ins Zentrum

Bild:
Giacomo Sini

Die herrschende Geschlechtertrennung basiert auf dem iranischen Zivilgesetz, dem wiederum die Vorschriften der Sharia zugrunde liegen. Zum Beispiel sieht es den Mann grundsätzlich als Familienoberhaupt an und erlegt ihm die Verantwortung auf, »für seine Frau zu sorgen«. Dementsprechend gibt es staatliche Zuzahlungen, wie zum Beispiel das Kindergeld, nur für die männlichen Arbeitskräfte. Zudem beharrt die Staatspropaganda auf der Auffassung, dass Frauenarbeit unnötig sei für den Familienunterhalt und die vordringlichste Aufgabe der Frauen darin bestehe, sich um das Wohl der Familie zu kümmern. Allerdings wirkt diese Propaganda, obwohl landesweit verbreitet, weltfremd in einer Gesellschaft, in der eine hohe Inflationsrate, verschlimmert durch die Sanktionen, vor allem niedrigere Einkommen belastet. Unter solchen Bedingungen ist das ökonomische Überleben vieler Familien unmöglich, ohne dass die Frauen eine bezahlte Arbeit aufnehmen. So überrascht es nicht, dass die Untergrundwirtschaft immens gewachsen ist; nach manchen Einschätzungen macht sie bis zu 36 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes aus. Wenn man noch in Betracht zieht, dass nur sieben Prozent der Arbeiterschaft durch Tarifverträge geschützt sind, kann man sich vorstellen, dass die am meisten von Prekarität bedrohten Arbeitnehmer Frauen sind. Ungefähr die Hälfte der iranischen Frauen hat gar keine andere Wahl, als informelle Arbeitsarrangements zu akzeptieren, die ihren Zugang zu Sozialleistungen, wie zum Beispiel Renten oder Arbeitslosengeld, einschränken.

Es herrschen so harte Bedingungen, dass die Zahl der Frauen, die ein eigenes Geschäft gründen wollen, regelrecht explodiert. Zu ihnen zählen auch Frauengruppen wie Tolou, die unabhängige Kooperativen gründen, die Hierarchien von vorneherein einebnen. In diesen kleinen Unternehmen gibt es keine Chefin und jede Frau verdient gleich, proportional zu ihrem Arbeitsbeitrag. Es gibt viele solcher Beispiele überall im Iran, in großen Städten und kleinen Dörfern. Oft entstehen die Kooperativen aus einem Kreis von Freunden und Bekannten. Die meisten dieser Kleinunternehmen kommen nur schwer über die Runden, einige jedoch haben es geschafft, ihren Mitgliedern Möglichkeiten zu eröffnen, ohne die diese sich ihr Leben kaum mehr vorstellen können. Manche Kooperativen wollen sogar expandieren. 
Isfahan, eine der größten Städte des Iran, bekannt für ihre Geschichte und die vielfältige Kunsttradition, ist genau der richtige Ort, um solche Frauenprojekte kennenzulernen. Doch nach wie vor sind es die Männer, die den Markt kontrollieren, die die Läden, die Werkstätten und die Produkte besitzen. Und nach wie vor ärgern sich Azin und ihre Freundinnen darüber, wie die Marktmächtigen versuchen, die Preise zu drücken, neue Kreationen zu verunmöglichen und die Qualität zu senken. »Die Händler und Ladeneigentümer stehen mit den Kunden in Kontakt und diktieren die Moden und die Geschmäcker. Letztendlich sind sie aber Geschäftsleute, keine Künstler«, sagt Azin, während sie auf die Muster deutet, die ihre Kollegin gerade mit geschickten Händen zeichnet. Sie will damit klarmachen, wie groß der Unterschied zwischen den Arbeiten der Kooperative und der gewöhnlichen Mina ist, die man in den meisten Souvenirshops finden kann. »Für uns ist die Herstellung von Mina nicht nur ein Job, es ist unsere Art, uns auszudrücken«, sagt Azin, während sie die Werkstatt durchquert. Es sei eine ungemeine Herausforderung, fährt sie fort, eine Kooperative zu betreiben und dabei die vorherrschenden ausbeuterischen Beziehungen des Marktes vom Betrieb fernzuhalten, besonders in Zeiten anhaltender wirtschaftlicher Rezession. »Wir befinden uns in einer kritischen Lage. Um Ausgaben zu reduzieren und Geld zu sparen, haben wir unsere Werkstatt mit einem anderen Unternehmer geteilt. Das gesparte Geld werden wir in die Anmietung einer ordentlichen Arbeitsstätte investieren, an der wir unseren eigenen Laden mit direkt angeschlossener Werkstatt eröffnen können«, fasst eine andere der Frauen die optimistischen Ziele zusammen. »Das kostet natürlich Zeit, ist aber ein großer Schritt nach vorn. Wenn es gut läuft, werden wir sogar in der Lage sein, junge Talente zu fördern.«

Eine ältere Kooperative, die Azin kennt, hat solche Ziele bereits erreicht. Deren Geschäft befindet sich an einem der Eingänge zum alten Basar, nur ein paar Meter entfernt vom riesigen Naqsh-e Jahan-Platz. Azin geht oft dort vorbei und tauscht Erfahrungen aus. Die Frauenkooperative Niloufar-Abi (azurblaue Lilie) bietet ihren Mitgliedern nicht nur ein stabiles Einkommen, sondern hat auch Produkte mit neuen geometrischen Mustern und Farbkombinationen entwickelt. Diese fanden Anklang und die Kooperative ließ sie unter ihrem Namen registrieren.

Die Staatspropaganda beharrt auf der Auffassung, dass Frauenarbeit unnötig sei für den Familienunterhalt und dass die vordringlichste Aufgabe der Frauen darin bestehe, sich um das Wohl der Familie zu kümmern.

Jeden Abend geht Azin die ganze Strecke von der Werkstatt nach Hause zu Fuß, der Weg führt am Flussufer entlang. Oft nimmt sie sich dann ein paar Minuten Zeit und genießt es, den Leuten unter den Bögen der Khaju-Brücke beim Singen bekannter Lieder zuzuhören. Solche Sangesfreude findet man in keiner Karaokebar oder Talentshow dieser Welt. Menschen, die sich zuvor noch nie begegnet sind, erweisen sich gegenseitig Respekt. Sie warten, bis sie an der Reihe sind, keiner spricht und manchmal ermutigen die Zuhörer die Sänger spontan mit Klatschen oder einer gesungenen Antwort. Dann unterbricht ein auftauchender Polizist, mit zwei Soldaten im Schlepptau, das Abendvergnügen. Die Leute stieben in alle Richtungen auseinander und einige Minuten später erklingt der Gesang aus einer anderen Ecke. Das wiederholt sich alle fünf bis zehn Minuten, jede Nacht.

Die positiven Erfahrungen mit der Kooperative Tolou haben Azin ermutigt, einen persönlichen Traum zu verfolgen und sich ihrer größten Leidenschaft, dem Teppichdesign, zu widmen. Den weiteren Abend verbringt sie in ihrem kleinen Zimmer, das ihr als zweite Werkstatt dient. Sie lebt mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zusammen. Amir, ihr älterer Bruder und enthusiastischster Unterstützer, kommt oft zu Besuch. »Ich glaube, dass sie genau das tut, was dem Kunsthandwerksmarkt heutzutage am meisten fehlt. Authentische Kunst, die aus einem Streben heraus entsteht, nicht aus materiellen Bedürfnissen«, sagt er, während er wohlduftenden Zimttee in die Gläser füllt. 
Auch Ameneh kommt häufig in das Haus der fröhlichen Familie mit dem unerschöpflichen Sinn für Humor. Sie ist eine alte Freundin aus Universitätszeiten, gemeinsam diskutiert man über mögliche Motive. Bei jedem Gemälde geraten Amir, Azin und Ameneh in eine hitzige Debatte über Geschichte und Mythologie. »Diese Kunstwerke umfassen einen großen Teil unserer Kultur. Das, was Azin zu erreichen versucht, wo auch immer es hinführt, trägt seinen Teil dazu bei, diese Kultur zu gestalten und stärker zu machen«, betont Amir, während er seiner Schwester hilft, die Gemälde wieder in den Boxen zu verstauen. 

Basar

Im Inneren des Basars wachen die Porträts der bärtigen Führer

Bild:
Giacomo Sini

Azin rollt die Teppichmuster aus, an denen sie arbeitet. Die Vielfalt der Farben und Formen ist atemberaubend und verlangt vom Betrachter Zeit, um alles zu entdecken. Auf diesen Mustern wird die erste Produktionsreihe einer noch zu gründenden Kooperative beruhen, deren Mitglieder nur Frauen aus ländlichen Gegenden sein sollen. Sie sind es, die unter schwierigsten Umständen arbeiten müssen, ohne dass irgendeine ihrer Arbeiten angemessen wertgeschätzt würde. Als die Teppiche noch nicht für den Export bestimmt waren, arbeiteten die Weberinnen selbständig und für ihren Eigenbedarf. Sie konnten sich auf ihre Vorstellungskraft verlassen und woben faszinierende Details, solange ihre Hände sich frei durch die Fäden bewegen konnten, ohne sich an Abgabetermine halten oder die Bedürfnisse des riesigen Marktes befriedigen zu müssen. Heutzutage arbeiten diese ländlichen Hausfrauen meist für Teppichhändler. Das Ergebnis ist selbstverständlich nicht so gut wie früher, weil die monotone Arbeit keiner anderen Motivation entspringt als dem Zwang, den Lebensunterhalt zu sichern. Die Bezahlung ist schlecht, außerdem sind die Hausfrauen mit der ohnehin schon mühsamen Hausarbeit beschäftigt.

Wenn es um Teppiche geht, sprechen Ameneh, Azin und sogar Amir mit ganz besonderer Leidenschaft. »So wie es scheint, interessiert es die Mittelsmänner nicht, ob das Teppichweben als Kunst verschwindet, weil billige Arbeitskräfte das Geschäft trotzdem profitabel machen«, sagt Azin. Übermorgen wird sie in ein Dorf in der Nähe von Isfahan fahren, um einige potentielle Mitglieder der geplanten Kooperative zu treffen. Die Tatsache, dass morgen Nationalfeiertag ist, der Jahrestag der »Iranischen Revolution« von 1979, stört nicht. »Ich weiß, dass ich mit ihnen sprechen kann, während sie arbeiten. Wenn du permanent hart arbeiten müsstest, würdest du auch keine Zeit finden, in den Kalender zu schauen«, sagt sie, als wir uns verabschieden.