Der indische Guru Gurmeet Ram Rahim Singh wurde wegen Vergewaltigung verurteilt, seine Anhänger protestieren

Krimineller Guru

Porträt Von Nicole Tomasek
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Es gäbe so vieles, wogegen man in Indien auf die Straße gehen könnte: gegen das Kastensystem, Sexismus, Korruption, religiösen Fanatismus und etliches mehr. Doch einige Verblendete ziehen es vor, für ihren Guru den Aufstand zu proben. Gurmeet Ram Rahim Singh wurde am Freitag von einem indischen Gericht für schuldig befunden, zwei seiner Anhängerinnen vor 15 Jahren vergewaltigt zu haben. Der 50jährige ist seit 1990 der »spirituelle Anführer« der 1948 gegründeten Sekte Dera Sacha Sauda und eine Art Rockstar unter den indischen Gurus, der sich gerne mit dicken Motorrädern zeigt, mehrere Musikalben veröffentlicht und in Filmen mitgespielt sowie Regie geführt hat. Hunderttausende Anhänger und Anhängerinnen demonstrierten gegen das Urteil, in zahlreichen Orten im Bundesstaat Haryana und im angrenzenden Punjab kam es zu Angriffen auf Polizeiwachen und Medienvertretungen. Mindestens 38 Menschen sollen bei den Unruhen mittlerweile getötet worden sein, die auch auf andere Regionen übergriffen. Wegen der Ausschreitungen wurden Bildungseinrichtungen geschlossen, der Verkehr auf zahlreichen Zugstrecken wurde ausgesetzt, der Internetzugang blockiert und die Armee in Alarmbereitschaft gesetzt.

Dera Sacha Sauda unterhält einige Sozialprojekte, weltweit hat die Sekte eigenen Angaben zufolge 60 Millionen Mitglieder. Angesichts der Vergewaltigungsvorwürfe gegen Singh ist pikant, dass es auch Vorwürfe der Zwangskastration gibt. 400 Mitglieder sollen 2014 im Hauptsitz der Sekte kastriert worden sein, um sie »näher an Gott zu bringen«. Der zuständigen Ermittlungsbehörde zufolge habe es sich um Maßnahmen gehandelt, um »Frauen vor sexueller Anmache zu schützen«. Auch in zwei Mordfällen wird gegen Singh ermittelt. Dabei geht es um den Mord an einem Manager der Sekte und an einem Journalisten, der über deren Aktivitäten berichten wollte. Als verwerflicher als diese Taten gilt meist allerdings die Verletzung religiöser Gefühle, die Singh vorgeworfen wird, da er in Videos einen Sikh-Guru und einen Hindu-Gott imitiert hat. Trotz des Unmuts über die Imitationen kooperierte die Sekte sowohl mit den regierenden Hindunationalisten als auch mit der konkurrierenden Kongresspartei, für die die Millionen von Wählerstimmen der Anhängerschaft attraktiv sind.