Emin Alpers Spielfilm »Abluka« beeindruckt

Verdächtige Bewegungen

Mit »Abluka« gelingt dem türkischen Regisseur Emin Alper die albtraumhafte Vision einer Stadt im Ausnahmezustand. Leider verliert sich der Film zu sehr im Allegorischen.

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Auf eine schwere Erschütterung folgen Hundegebell, Polizeisirenen, Geschrei – ein chaotisches sound piece, das den Ausnahmezustand in leichten Variationen immer wieder begleitet. Durch einen schmalen Spalt, der sich zwischen den verriegelten Türflügeln des Gefängnisses auftut, versucht Kadir (Mehmet Özgür) einen Blick nach draußen zu erhaschen. Die Kamera verrät jedoch nicht, was auf den Straßen vor sich geht, sie weist dem Ton kein Bild zu. Stattdessen sieht man zu Beginn des Films »Abluka« nur gleißendes, helles Licht, das auf das Gesicht des bärtigen Mannes fällt, seinen angstvollen Blick, das leuchtende Weiß der Augäpfel.

Schon der Debütfilm »Tepenin Ardı – Beyond the Hill« (2012) des türkischen Regisseurs Emin Alper lebt von der Suggestivkraft, die durch Abwesenheit im Bild mobilisiert wird. Der Feind hinter den Hügeln – Nomaden, die die Wiesen eines gewalttätigen Patriarchen gelegentlich als Weideland für ihre Ziegen benutzen – bleibt den ganzen Film über unsichtbar. Bei allem Augenmerk auf die Enge der Geschlechterrollen und den Zerfall familiärer Einheit ließ der erzählerische Rahmen aber immerhin noch Platz für Projektionen: die Weite der Landschaft als das Versprechen eines Daseinsrechts. In »Abluka« – der Titel bedeutet »Blockade« – fehlt dafür schlichtweg der Raum. Alle Bewegungen im Film weisen nach innen und bedeuten Abschottung. »Jeder hockt in seinem Loch und dreht sein schräges Ding«, sagt der Protagonist Kadir einmal resigniert; auf einer Häuserwand ist der fast prophetische Satz zu lesen: »Checkpoints bedeuten Isolation«. Über die TV-Bildschirme flimmern Szenen von Gewalt: Straßenkämpfe, brennende Autos, Rauchschwaden. Die Ereignisse werden indes nicht näher eingeordnet.

Nach 20 Jahren Haft wird Kadir aus dem Gefängnis entlassen oder vielmehr: bedingt entlassen. Als Informant der Polizei soll er in einem Armenviertel den Müll nach Material durchsuchen, das für den Bombenbau benutzt werden kann – ein »Job« mit Aussicht auf Festanstellung. Auch sein jüngerer Bruder Ahmet (Berkay Ateş) geht einer Arbeit nach, die unter den Vorzeichen der Säuberung steht. Im Auftrag der Stadtverwaltung tötet er streunende Hunde. Auf Kadirs Versuche, mit ihm ein geschwisterliches Verhältnis aufzubauen, reagiert der Jüngere abweisend und schroff. Seit seine Frau mit den Kindern fort ist, hat sich Ahmet der Außenwelt noch mehr verschlossen. Es gibt noch einen Bruder, Vali, der Mittlere der drei Geschwister, doch seit zehn Jahren fehlt von ihm jede Spur. Später heißt es einmal, er stehe im Verdacht, Mitglied einer terroristischen Gruppe zu sein.

Die Gespräche zwischen den beiden Brüdern in der finsteren Wohnung klingen wie Verhöre. Lügen und Ausweichmanöver provozieren insistierende Nachfragen und umgekehrt, auch diese Kreisbewegung geht nach innen und wird enger. Ahmet verschanzt sich, das schrille Klingeln der Türglocke, das penetrante Klopfen, die Rufe des Bruders vor der verschlossenen Wohnung wachsen sich zu einer Bedrohung aus, erst recht als er heimlich einen herrenlosen Hund bei sich zu Hause aufnimmt. Die Liebe zum Tier treibt ihn noch weiter aus der Gesellschaft; in seiner Wohnung bewegt er sich wie ein Gefangener in einem Versteck. Kadir, der sich in seine Arbeit hineinsteigert und die penible Genauigkeit eines Stasi-Mitarbeiters an den Tag legt, bastelt sich aus der beobachteten Isolation des Bruders ein verschwörungstheoretisches Szenario zusammen.

Schnüffeln, Horchen, Spähen: Irgendwann wendet sich Kadirs Tätigkeit gegen ihn selbst und beginnt, ihn zu zersetzen. Die psychotische Dimension infiziert dabei auch zunehmend den Film. 

Emin Alper, promovierter Historiker im Fach Neuere Türkische Geschichte, autodidaktischer Filmemacher und Gewinner des von der Akademie der Künste vergebenen Großen Kunstpreises Berlin 2017, gehört zu einer jüngeren Generation des türkischen Autorenkinos in der Nachfolge Nuri Bilge Ceylans (»Drei Affen«, »Once Upon a Time in Anatolia«, »Wintersleep«). Ähnlich wie Ceylan verbindet Alper existentielle Fragestellungen und Gegenwartsdiagnose, wobei seine Erzählweise deutlich dem Allegorischen verpflichtet ist. So ruft in »Abluka« das Massengrab, in das die erschossenen Hunde geworfen werden, unmittelbar Bilder von Massakern und Genoziden auf. In dem Film bleiben Ort und Zeit des Geschehens unbestimmt. Schauplatz ist die verwahrlosende Peripherie einer Großstadt – es könnte Istanbul sein; die Totalen im Film sind rar –, das politische Chaos in den von Terroranschlägen und massiver Gegengewalt bestimmten Slums trägt Züge von Vergangenheit, Gegenwart und dystopischer Zukunft gleichermaßen. Seit »Abluka« vor zwei Jahren bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt wurde – und dort den Spezialpreis der Jury gewann –, hat der Film noch eine ganz andere Aktualität gewonnen. Zurzeit würde es für diesen Stoff sicherlich keine Fördergelder geben. Nachdem sich das türkische Autorenkino durch die wirtschaftliche und kulturelle Öffnung der ersten Erdogan-Jahre zunächst erneuert hat, liegen seit dem Putschversuch viele Projekte brach. Die Filmbranche ist zudem gespalten: Auf der einen Seite stehen kritische Filmschaffende wie Alper, auf der anderen Regisseure wie der bekennende Erdogan-Anhänger Semih Kaplanoğlu (»Bal«) und der ehemals kritische Künstler Kutluğ Ataman, der sich nach der Niederschlagung der Gezi-Proteste offen auf die Seite der Regierung gestellt hat.

Wie in »Beyond the Hill« sucht Alper auch in »Abluka« die Nähe zum Genrekino. Setting, Stimmung und Motive evozieren ein postapokalyptisches Szenario: brennende Mülltonnen und Rauchwolken in der Ferne, nächtliche Straßen, durch die sich gepanzerte Polizeiwagen schieben, die Allgegenwart von Polizeisirenen, streunende Hunde auf der Suche nach Essbarem. Ahmet wird sich irgendwann im Wortsinne einmauern, während Kadir weiterhin mit seinem Müllwägelchen die Straßen abläuft wie der Überlebende einer Katastrophe. Alper arbeitet mit Motiven des Film noir. Die fahlen Bilder in Grau- und Brauntönen wirken erdrückend. Oft werden die Figuren regelrecht verschluckt, mitunter sind sie nur schemenhaft erkennbar. Es gibt Schatten und harte Kontraste von Dunkelheit und weißem, kalten Licht.

Schnüffeln, Horchen, Spähen: Irgendwann wendet sich Kadirs Tätigkeit gegen ihn selbst und beginnt, ihn zu zersetzen. Die psychotische Dimension infiziert auch zunehmend den Film. Szenen nehmen albtraumhafte Gestalt an, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahn verschwimmen. Gegen Ende verliert sich »Abluka« ein wenig zu sehr im Allegorisch-Diffusen. Der Verlust des Realitätsbezugs schwächt den Film und bei manchem Bild trägt der Regisseur allzu dick und raunend auf. Dennoch macht das Zusammenspiel aus Misstrauen, Abschottung, Verdacht und Observation »Abluka« zu einer Gegenwartsbeschreibung, wie sie treffender und klaustrophobischer kaum ausfallen könnte.

Abluka (Türkei/Frankreich/Katar 2015). Buch und Regie: Emin Alper. Darsteller: Mehmet Özgür, Berkay Ateş. Filmstart: 31. August