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Mit einer stundenlangen Tanzperformance hat gestern Chris Dercons Intendanz an der Berliner Volksbühne begonnen

Dit is‘ Berlin

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Es ist Sonntagmorgen und viel zu früh, als ich die Augen aufschlage. Doch es ist der große Tag. Ich will zur Eröffnung der neuen Volksbühne auf den ehemaligen Flughafen Tempelhof. Als Zeichen der Solidarität mit allen verfolgten und unfreien belgischen Theaterleitern der Stadt habe ich mir extra einen Schal umgeschlungen und mache mich auf den Weg. Kaum am Flughafengebäude angekommen, gerate ich in Panik. Niemand zu sehen. Habe ich den Tag verwechselt? Oder die Uhrzeit falsch gemerkt? Weder noch. Kurz darauf entdecke ich einen Eingang im Zaun, wo sich eine Sicherheitsschleuse befindet. Ein Aufhänger zeigt mir, dass es sich hier tatsächlich um den Weg zu den Eröffnungsfeierlichkeiten handelt. Sicherheitsleute mit gelben Westen und Serviceleute mit roten T-Shirts wuseln um mich herum.

In einem Kilometer Entfernung ist eine kleine Ansammlung von Menschen zu sehen. Die Sonne knallt auf den schattenlosen Beton des Flugfeldes. Als ich näher komme, erspähe ich unter den rund einhundert Gästen, die offenbar eine Art gymnastische Übung machen, bei der man den über eine Anlage verstärkten Anweisungen eines Tanzanimateurs zu folgen hat, mein Idol Chris D.

Neid ergreift mich, als ich sehe, dass sein Schal größer und bunter als der meinige ist und zudem auf unnachahmlich lässige Weise an seinem kräftigen Kuratorenkörper herabhängt. Währenddessen tanzt man das 20. Jahrhundert: Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg und Vietnamkrieg sollen durch in der Luft wedelnde Arme symbolisiert werden. „Ich will more Angst sehen!“ plärrt der Animateur ins Mikrophon. In unmittelbarer Entfernung, hinter einem Zaun, leben Flüchtlinge in Containern. Weiter wedeln Arme durch die Luft. Dit is‘ Berlin: Keine Form, kein Inhalt, aber Hauptsache Event. Der Mittelstandsgymnastik überdrüssig verlasse ich den Ort.