Small Talk mit Adriatik Hasantari, Leiter der Organisation »Roma Active Albania«, über die Lage der Roma in Albanien

»Viele Roma verbergen ihre Identität«

Adriatik Hasantari leitet die Organisation »Roma Active Albania« (RAA). Er setzt sich dafür ein, dass sich albanische Roma selbst organisieren. Das RAA erstellt Analysen im Auftrag der EU, verschiedener Staaten und von NGOs.

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stLaut Zensus von 2011 leben in Albanien 8 301 Roma. Das sind ungefähr 0,3 Prozent der Bevölkerung. Der Europarat hält diese Zahl für unrealistisch. Das Europäische Zentrum für die Rechte der Roma geht von 120 000 Roma in Albanien aus.
Der Zensus von 2011 ist nicht repräsentativ. Zudem verbergen viele Roma ihre Zugehörigkeit vor den Behörden, um nicht diskriminiert zu werden. Viele identifizieren sich selbst nicht als Roma, sie möchten sich nicht selbst stigmatisieren. Seit 2015 gilt Albanien in Deutschland als sicheres Herkunftsland. Seitdem wurden viele Roma nach Albanien abgeschoben. Wir dürfen und wollen keine eigenen Zahlen erheben, das ist Aufgabe der Regierung.

Im September 2016 wurde der ehemalige Minister für Arbeit, Soziales und Chancengleichheit, Spiro Ksera, zu 20 Monaten Haft verurteilt, weil er für Roma bestimmte Gelder in Höhe von 220 000 Euro unterschlagen hatte.
Es ist kein Geheimnis, dass Politik, Justiz und Polizei in Albanien zutiefst korrupt sind. Warum es ausgerechnet in diesem Fall zu einer Verurteilung kam, kann ich nicht sagen.

Gibt es Gewalt gegen Roma in Albanien?
Unser Hauptproblem sind die Räumungen, vor allem in Tirana. Wir sind für Stadtentwicklung und auch bereit, umzuziehen. Viele Roma werden jedoch aus ihren Wohnungen vertrieben, ohne dass sie eine Alternative zur Verfügung gestellt bekommen. Als Albanien im Jahr 2015 zum sicheren Herkunftsland erklärt wurde, reagierten die Behörden von Tirana mit einer großen Vertreibungsaktion, um zu verhindern, dass die Abgeschobenen sich in Tirana niederlassen. Mein Eindruck ist, dass die albanische Gesellschaft nach Jahrzehnten der Abschottung nun sehr offen ist. Der einzige registrierte Fall von antiziganistischer Gewalt in Albanien ereignete sich im Jahr 2011 in Tirana. Damals zündeten zwei junge Albaner die Baracken einer Romasiedlung an. In den Medien entstanden damals Spekulationen, ob die Tat durch Diebstahl oder Gewalt von Roma ausgelöst wurde. Die Motivlage der Täter wurde kaum diskutiert.

Die behördliche Diskriminierung von Roma in Albanien wird seit mehreren Jahren international kritisiert und gilt als Hemmnis für einen EU-Beitritt. Führt dieser Druck zu einer Verbesserung der Situation?
Albanien entwickelt sich in rasantem Tempo. Das funktioniert nur mit einer guten Führung, der Druck durch die EU und die UN spielt eine wichtige Rolle. Die hiesige Gesetzeslage ist vorbildlich – wir haben Gesetze aus anderen Ländern mit copy & paste bei uns eingeführt. Mit der wirklichen Entwicklung haben diese Gesetze aber sehr wenig zu tun. Die rasche Veränderung führt für viele zu einem gesellschaftlichen Abstieg. Und wer eignet sich besser zum Sündenbock als Roma? Wir haben eine schwache Lobby. In Tirana gibt es fünf Beinahe-Ghettos von Roma. Die Behörden sehen deren Existenz als eine Bedrohung an und nicht als eine Bereicherung. Sie betrachten albanische Roma nicht als Teil der Gesellschaft. Es gibt kleine Fortschritte, aber die grundsätzlichen Probleme bleiben ungelöst: Bildung, Wohnen, Beschäftigung und Gesundheitsversorgung.

Wie planen Sie, dies zu lösen?
Wir wollen Roma bestärken, sich gegen Antiziganismus zu wehren. Denn Antiziganismus ist mehr als Rassismus. Es ist eine seit Jahrhunderten andauernde alltägliche Verfolgung durch die Mehrheit. Viele erfolgreiche Roma verbergen ihre Identität, aus Angst, ihren Status zu gefährden. Wir verhandeln mit der Regierung über alles, was unser Leben verbessern könnte.