Manuel Karasek im Gespräch über sein Romandebüt »Mirabels Entscheidung«, die ambivalente Beziehung zum Vater und die Krise in Venezuela.

»Wie schnell man auf diesen Scheiß reinfallen kann«

Interview Von Tobias Prüwer
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Warum gibt es über Sie keine Homestorys?
Wegen der Berühmtheit meines Vaters hatte ich immer den Eindruck, dass meine Eigenständigkeit durch so eine Sohnesgeschichte gestört wird. Und ich hatte einfach keine Lust dazu.

Der Name Ihres Vaters – Hellmuth Karasek – war kein Türöffner?
Nein. Er ist eine Herausforderung, die ich angenommen habe, die mich auch beim Schreiben des Romans antrieb. Ich habe angefangen, die Geschichte meiner Familie zu erzählen, und beschäftigte mich zum ersten Mal mit dem realistischen Roman. Das war der Hauptreiz, vorher schrieb ich nur phantastische Geschichten.

Mehrere Rezensenten bezeichneten den Roman als Abrechnung mit dem Vater, verwechselten Autor und Figur. Wie erklären Sie sich das?
Es gehört zum Handwerk, zwischen Figuren und Vorlage zu trennen, zumal man diese nur vermuten kann, denn man ist ja nicht dabei gewesen. Ich glaube, das hat etwas mit der Obsession einiger Rezensenten mit meinem prominenten Vater zu tun. Da haben manche eine Besessenheit, die ich nie gehabt habe. Daher kann ich sie auch nicht kommentieren, nur hinnehmen. Aber natürlich würde ich lieber als der Autor wahrgenommen werden, dessen Figuren eigenständig funktionieren.

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Manuel Karasek (Jg. 1967) wuchs in Stuttgart, Hamburg und Caracas als Sohn von Hellmuth Karasek und dessen erster Ehefrau Marvela Ines Mejia-Perez auf. Er studierte Iberoromanistik und arbeitet als Journalist und Autor. 1995 erschien sein Erzählband »El Tigre«. »Mirabels Entscheidung« (Verbrecher-Verlag, 2017) ist sein erster Roman. Seit 2000 lebt Manuel Karasek in Berlin.

 

Bild:
Nane Diehl

Sie sagen allerdings, dass die Auseinandersetzung mit Ihrem Vater Sie zum Schreiben motiviert hat. Wie war denn das Verhältnis?
Das ist schwierig zu beantworten, man kann die Beziehung zu den Eltern nicht auf eine Formel bringen. Wenn ich sage »schlecht« oder »gut«, würde ich lügen. Es war komplex. Sagen wir so: Ich hatte größtenteils das Gefühl, dass dieser Mann nie erwachsen geworden ist. Er blieb immer ein Kind, und mit so einem Menschen müssen Sie mal aufwachsen. Er war ein Borderliner, und damit musste ich umgehen.

»Es wurde immer schwieriger, in das Land zu reisen. Und als Journalist und Autor ist es nicht leicht, sich eine Reise zu leisten, die nach Venezuela führt. Größtenteils bin ich auf Arbeitslosengeld angewiesen. Um ein Schlagwort zu geben: Der Markt lässt es einfach nicht zu, dass man mit Schreiben sein Geld verdient.«

Ihre Mutter lebt in Venezuela. Wie ist das Verhältnis zu ihr?
Ich stehe in gutem Kontakt zu ihr, da ist immer eine große Nähe gewesen. Die Figur der Mirabelle ist eigentlich eine Liebeserklärung an sie.

Als Kind haben Sie viele Jahre in Caracas verbracht, heute leben Sie in Berlin. Was lösen Gedanken an Venezuela bei Ihnen aus?
Heimatgefühle. Auch weil die Krise dort so groß ist, bewegt mich das.

Wann waren Sie das letzte Mal dort?
1994, meine Mutter habe ich das letzte Mal 1999 gesehen, da war sie hier zu Besuch. Es wurde immer schwieriger, in das Land zu reisen. Und als Journalist und Autor ist es nicht leicht, sich eine Reise zu leisten, die nach Venezuela führt. Größtenteils bin ich auf Arbeitslosengeld angewiesen. Um ein Schlagwort zu geben: Der Markt lässt es einfach nicht zu, dass man mit Schrei­ben sein Geld verdient. Das sind die Zustände seit 20 Jahren und das spielte eben auch eine große Rolle, warum ich dort nicht hinfahren konnte. Und ich bekam es irgendwann mit der Angst zu tun, weil ich immer mehr Schreckensgeschichten gehört habe. Es werden Menschen auf offener Straße entführt. Die Kriminalität ist extrem hoch, es ist ein Staat, in dem es keine Polizei mehr gibt. Was ich in den letzten Monaten alles recherchiert habe, ist krass, um den Jugendausdruck zu benutzen.

Wurde Hugo Chávez zu sehr idealisiert? Auch Teile der deutschen Linken waren voller Sympathie.
Das kann ich durchaus nachvollziehen, ich habe ihm ja auch Sympathien entgegengebracht. Das war nach der Recherche und angesichts der nüchternen Fakten nicht mehr möglich. Für die heutigen Probleme ist eine katastrophale Wirtschaftspolitik verantwortlich. Ich wünschte, es wäre anders. Mir ist die staatliche Regulierung des freien Marktes auch viel lieber. Deshalb habe ich Sympathien für sozialistische, besser: sozialdemokratische Projekte, weil das Gesellschaften gut tut.

Wo sehen Sie gravierende Fehler?
Zu meinen, dass eine Benefizpolitik die Lösung sei, war falsch. Die gab es auch schon vor Chávez. Statt Arbeitsplätze zu schaffen, wie es eine europäische liberalistische Politik tun würde, sagt jeder Politiker: »Ich verteile besser als mein Vorgänger und ihr braucht auch nicht zu arbeiten.« Das ist das Paradigma dieser Gesellschaft wie in anderen rohstoffreichen Ländern auch. Wenn Sie einen Venezolaner fragen, sagt der: Es gibt hier so viel Erdöl, es könnte das Paradies sein. Die Politik versucht, die gesellschaftliche Erwartung zu erfüllen, dass man allein vom Öl leben könnte. Das stimmt natürlich nicht. Chavez hat sich einfach eine andere Klientel als seine Vorgänger ausgesucht und seine Anhänger mit Schulen und Krankenhäusern belohnt. Das war super, lässt sich aber bei fallendem Ölpreis nicht finanzieren. Plötzlich hatten die Menschen nicht einmal mehr etwas zu essen. Er hat nicht in die Grundversorgung investiert.

Wohin steuert das Land?
Eine Prognose abgeben kann ich natürlich nicht. Noch vor ein paar Monaten hieß es, es werde zu einem Bürgerkrieg kommen. Dazu ist es nicht gekommen, denn die einen sind bewaffnet, die anderen nicht. Wenn es ganz schlimm kommt, wird das Land für einige Jahre auf einen Stalinismus zusteuern. Ich weiß auch nicht, wie lange es die Nachbarn aushalten. Das Problem ist nicht der Sozialismus an sich, das Problem ist, dass eine Clique von Gangstern in der Regierung sitzt. Das ist ja kein Sozialismus, das ist wie bei Ceaușescu. Was machen wir mit solch kriminellen Leuten wie Nicolás Maduro? Vielleicht müssen die USA das Land befreien – und von »Befreiung« muss man hier tatsächlich sprechen. Aber dann werden viele Medien wieder über amerikanischen Imperialismus und Öl reden. Es geht jedoch nicht um Öl. Das bekommen sie sowieso, das liefern die Gangster ja weiterhin. Leider hat auch die Opposition keinen guten Plan, wie sie das Land nach einem Regierungssturz aus der Krise führen möchte.

Was ist Ihre Perspektive? Haben Sie ein neues literarisches Projekt begonnen?
Ich arbeite gerade an einem Text, der sich mit Venezuela und den Telefonaten mit meiner Mutter auseinandersetzt. Es ist nicht nur eine persönliche Geschichte, sondern eine Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte in literarischer Form. Wie verhält man sich in bestimmten gesellschaftlichen Situationen? Wie verhält sich die Figur, die wie ich in Berlin in einem Klima aufwächst, das geprägt ist von den Heimsuchungen des freien Marktes, wo eine journalistische Stelle nach der anderen gestrichen wird? Wie gut findet sie dann doch einen Chávez? Jemand, der die Gerechtigkeit anruft und ein wunderbares Märchen erzählt. Wie schnell man auf diesen Scheiß reinfallen kann, mit diesen Widersprüchen müssen wir ja selber ständig umgehen.