Zur Besetzung der Volksbühne in Berlin

Nicht irgendeine Location

Die Besetzung der Berliner Volksbühne verfolgt kein klares Ziel.
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Wer am vergangenen Wochenende über den Berliner Rosa-­Luxemburg-Platz auf die Volksbühne zulief, sah schon von Weitem das berühmte Räuberrad. Die riesige Metallskulptur war das Emblem der Volksbühne unter der Intendanz von Frank Castorf und wurde im Sommer auf Anweisung des scheidenden Intendanten demontiert und auf Reisen geschickt. Jetzt wurde eine Nachbildung aus Pappe vor das Haus gestellt. Im frühherbstlichen Nieselregen könnte sich die improvisierte Skulptur ebenso schnell auflösen wie die Besetzung des Theaters.

VB
Bild:
Archiv 2. Juni

Am Freitag vergangenen Woche hat eine lose Gruppe unter Anleitung eines Kollektivs mit dem Namen »Staub zu Glitzer« das Gebäude der Volksbühne betreten und besetzt. Die Aktion war seit langer Zeit geplant und auch vorher bekannt geworden. Das Kollektiv erklärte gleich zu Beginn der Besetzung seine Auflösung und betonte, dass es die Besetzung nicht als solche verstanden wissen wolle, sondern als Inszenierung. »Mit dieser kollektiven, transmedialen und mimetischen Theaterinsze­nierung nehmen wir das Theaterhaus in Besitz und erklären es zum Eigentum aller Menschen. Wir öffnen es und stellen es zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung«, erklären die Besetzer.

Alternatives Stadtmarketing

An der Frontfassade der Volksbühne baumelte ein Transparent mit der Aufschrift »Doch Kunst«, ein anderes trägt den Aufdruck »Make Berlin geil again«. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich dabei um eine alternative Form von Stadtmarketing handelt. Prompt wurde am Wochenende eine Nonstop-Party ausgerufen. Im Theater versammelten sich mehrere Hundert Menschen zum Rave. Vielen Besuchern war anzumerken, dass es ihnen vor allem um die »tolle Location« ging und man sich in einem besonders authentischen Technoclub wähnte.
Am Rande wurde aber auch diskutiert. Berlins Kultursenator Klaus Lederer lieferte dabei einen reichlich fragwürdigen Auftritt, als er das Vorgehen der Besetzer mit dem der AfD verglich. Ein Vorwurf, der umso abwegiger war, als nicht wenige Besetzer zu den Demonstranten gegen die AfD-Wahlparty im nahegelegenen Traffic-Club gehörten.

Klar ist, dass Lederer und auch Chris Dercon, der neue Intendant der Volksbühne, in den Tagen und Stunden vor der Bundestagswahl Medienbilder einer Räumung vermeiden wollten. Die Folgen eines polizeilichen Eingreifens wären für den einen wie den anderen nicht absehbar. Unterdessen ist ein Programm für das besetzte Theater in Arbeit. Am Sonntag bastelten Menschen aus den Programmbüchern der Volksbühne Skulpturen. Es geht ihnen dabei nicht allein um die Person Dercon, der ­Intendantenwechsel ist eher ein Anlass des Protests. Vielleicht ist das Kapern der Volksbühne am ehesten mit der Besetzung des Sozialwissenschaftlichen Instituts an der Humboldt-Universität Anfang des Jahres zu vergleichen, als Studierende gegen die Kündigung des linken Stadtsoziologen Andrej Holm protestieren und urbanitätspolitische Fragen diskutieren wollten.

Menschen mit geringen Einkünften können in Berlin immer schlechter leben, das ist im Stadtbild unübersehbar geworden. Auch gibt es ein starkes Unbehagen gerade bei denjenigen, die nicht ganz unten sind, sich aber in ihrer Freiheit doch empfindlich eingeschränkt sehen. Dass sich allein mit Rave, Performance und symbolischen Protesten daran etwas ändern lässt, darf bezweifelt werden. Es gibt passendere Orte, um die Eigentumsfrage zu stellen.