Die identitäre Seite des katalanischen Nationalismus

Periphere Rebellion

Für mehr katalanische Eigenständigkeit gäbe es gute Gründe. Nationalismus ist keiner von ihnen.

Kommentar Von Thorsten Mense
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Zehntausende auf den Straßen, besetzte Universitäten, Bauern, die mit ihren Traktoren Zufahrtsstraßen blockieren, und konservative Politiker, die gemeinsam mit Anarchisten das Parteibüro der linksnationalistischen CUP vor der Polizei schützen – das katalanische Volk hält die Reihen geschlossen.

Wer dieses Volk ist, wer da gerade auf der iberischen Halbinsel rebelliert, hat der katalanische Ministerpräsident Carles Puigdemont vergangene Woche dem Spiegel erzählt: »Katalonien ist ein Land der Einwanderer. 70 Prozent aller Katalanen haben mindestens ein Elternteil, das Wurzeln außerhalb unseres Landes hat.« Das hört sich gut an und ist sicher fortschrittlicher als das, was die meisten Deutschen unter Nation verstehen. Nur sollte man wissen, dass mit diesen anders verwurzelten Immigranten in erster Linie Menschen aus anderen Regionen Spaniens gemeint sind. Dies zeigt die ethnische Schlagseite des katalanischen Nationalismus, die sich im Gerede vom »kulturellen Genozid« ebenso wie in der von Linksnationalisten aufgestellte Forderung nach Vereinigung der katalanischen Länder – eines Großkataloniens inklusive Andorra, Teilen Südfrankreichs und eines kleinen Dorfes auf Sardinien.

Die meisten Befürworter eines unabhängigen Kataloniens berufen sich auf die Existenz einer katalanischen Nation und deren »Recht zu entscheiden«. Daraus spricht ein ethnisiertes Demokratieverständnis, in dem Freiheit und Selbstbestimmung nicht den Einzelnen, sondern der Nation zustehen.

Puigdemont hat sich in der Vergangenheit kaum fremdenfeindlich geäußert und auch die Referendumskampagne hat eine antirassistische Ausrichtung. Doch das ist keine Garantie, dass das auch in Zukunft so bleibt, erst recht nicht in einem eigenen Staat. Nationale Souveränität ist nunmal nicht zu haben ohne die Mechanismen der Ausgrenzung und Diskriminierung, die jeder Nationalstaat mit sich bringt. Dass die Mehrheitsverhältnisse in dem Streifen am Mittelmeer anders gelagert sind als im iberischen Zentrum, steht außer Frage. In einem katalanischen Staat würde sicher eine progressivere Gesetzgebung und ein anderes Verhältnis von Staat und Gesellschaft vorherrschen. Auch der Wunsch, sich vom autoritären Zentralstaat und seiner postfranquistischen Ordnung zu lösen, ist nachvollziehbar.

Die meisten Befürworter eines unabhängigen Kataloniens haben allerdings andere Argumente. Sie berufen sich auf die Existenz einer katalanischen Nation und deren »Recht zu entscheiden«. Daraus spricht ein ethnisiertes Demokratieverständnis, in dem Freiheit und Selbstbestimmung nicht den Einzelnen, sondern der Nation zustehen. Diese identitäre Politik ist der Grund, warum es die Massenbewegung in den vergangenen Jahren geschafft hat, weitaus mehr Menschen auf die Straße zu bringen als die sozialen Proteste. Den Großteil dieser Menschen verbindet eben wenig außer ihrer nationalen Identität. Die Einheit, die sich auf den Straßen Kataloniens zeigt, ist eine falsche, die den linken Unabhängigkeitskämpfern spätestens in ihrem eigenen Staat auf die Füße fallen wird.

Linke haben sich in der Geschichte schon oft mit der Hoffnung auf die soziale Revolution an nationalistischen Kämpfen beteiligt – und sind ausnahmslos gescheitert. Auch in Katalonien ist die radikale Linke in der Minderheit. Sie hat es zwar geschafft, die Unabhängigkeitsbewegung als Ganzes ein Stück nach links zu schieben und sich an die Spitze ihres außerparlamentarischen Flügels zu setzen. Aber der katalanische Nationalismus ist keine revolutionäre Massenbewegung und die Wandlung eines Befreiungsnationalismus in einen Unterdrückungsnationalismus ist keine Frage des Ob, sondern nur des Wann. All dies bedeutet nicht, die Repression gutzuheißen oder sich nicht mit dem Widerstand gegen die Guardia Civil zu solidarisieren, die sich in Katalonien aufführt, als bereite sie die Auferstehung Francos vor. Mit etwas Glück führt diese autoritäre Konfliktlösungsstrategie sogar dazu, dass sich der nationale tatsächlich zu einem sozialen Konflikt entwickelt, der über die Grenzen Kataloniens hinaus seine Wirkung entfaltet und das nationalistische Moment zugunsten eines wirklich demokratischen Kampfes zurückdrängt.