Small Talk mit Eyal Weizman von »Forensic Architecture« über den Kasseler NSU-Mord

»Kein begründeter Zweifel«

Kürzlich hat der CDU-Obmann im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss, Holger Bellino, die Londoner Forschungseinrichtung »Forensic Architecture« scharf kritisiert. Diese hatte den Tathergang des Mordes an Halit Yozgat in einem Internetcafé in Kassel rekonstruiert und nahegelegt, dass der hessische Verfassungsschutzbeamte Andreas Temme, der zum Tatzeitpunkt im Lokal war, etwas mitbekommen haben müsse. Temme bestreitet das. Eyal Weizman, Forschungsleiter bei »Forensic Architecture«, hat mit der Jungle World gesprochen.

Small Talk Von Tobias Maier
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STWie hat Bellino im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss seine Zweifel an Ihrer Rekonstruktion begründet?
Da gibt es mehrere Punkte, in einigen widerspricht er sich selbst. Bellino hat uns ein wenig abschätzig als »Künstlergruppe« bezeichnet. Das ist falsch. Wir sind Wissenschaftler und gehören zur University of London. Wir sind den wissenschaftlichen und ethischen Standards einer Universität verpflichtet. Zusätzlich besteht ein wertvoller Teil unseres Teams aus Künstlern, Schauspielern und Fotografen. Bellino hat außerdem neue Daten darüber veröffentlicht, wann sich die anderen Besucher in dem Internetcafé ein- und ausgeloggt hatten. Wir haben mit Daten aus einem Leak gearbeitet, weil das die einzigen waren, die zu diesem Zeitpunkt öffentlich zugänglich waren. Die von Bellino erstmals ins Spiel gebrachten Daten der Ermittlungseinheit »BAO Bosporus« weichen leicht von unseren Daten ab. Sie zeigen aber eindeutig, dass sich Temme zum Tatzeitpunkt im Hinterzimmer des Cafés befunden haben muss. Jede andere Version schließen die neuen Daten aus.

Welche Version präsentierte Bellino?
Zu der Frage, ob Temme von seinem Platz im Café aus die Tat beobachtet haben könnte, sagte Bellino: ­Womöglich habe er etwas gehört, gesehen oder Schießpulver gerochen, aber man wisse nicht, was in seinem Kopf vor sich gegangen sei. Womöglich sei er zu dem Zeitpunkt nicht voll zurechnungsfähig gewesen – ein sehr schwaches Argument, für das er keinerlei psychologische Indizien liefert.

Ist es möglich, dass Temme von den Schüssen auf Halit Yozgat nichts mitbekommen hat?
Im Englischen gibt es den juristischen Terminus beyond reasonable doubt, auf Deutsch etwa »jenseits vernünftiger Zweifel«. Es kann, erst recht nach den von Bellino im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss veröffentlichten Informationen, keinen begründeten Zweifel mehr daran geben, dass er den Mord beobachtet hat. Was die CDU im Ausschuss vorträgt, kann man getrost unreasonable doubts nennen.

Was versprechen Sie sich von einer öffentlichen Debatte über die NSU-Morde?
Wir wollen nicht einfach nur eine öffentliche Diskussion, wir wollen volle Transparenz. Bellino sagt in aller Öffentlichkeit, er wolle die Beweisaufnahme zu einem ungelösten Mordfall schließen. Das ist verstörend. Wir wollen, dass das hessische Landesamt für Verfassungsschutz öffentlich macht, was genau Temmes Rolle war. Wenn sie dort nichts zu verbergen haben, warum haben sie dann nicht schon längst ihre Daten öffentlich zugänglich gemacht? Das haben sie nicht getan. Vielmehr legt die Art, wie sich Bellino und seine Parteikollegen im Untersuchungsausschuss gegen mehr Transparenz wehren, eine Interessenvermengung von CDU und Verfassungsschutz nahe. In der Öffentlichkeit sollte es stattdessen darum gehen, das Vertrauen eines großen und verwundbaren Teils der deutschen Bevölkerung wiederherzustellen: der Menschen, die selbst oder deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind.