Der Film »The Square« im Kino

Kurator in der Krise

In der eleganten Gesellschaftssatire »The Square« stellt der schwedische Regisseur Ruben Östlund die politische Korrektheit des Kunst­betriebs auf eine schwere Probe.

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Willkommen in der Welt schwarzer Anzüge, in der man Schals zu jeder Jahreszeit und Brillenmodelle als Statement trägt. Willkommen im Leben Christians (Claes Bang), der als Kurator eines Museums für zeitgenössische Kunst im Mittelpunkt der Stockholmer Kunstszene steht. Mitte 40, geschieden – und so weltläufig und smart, dass er Paul Valéry im Original lesen könnte, während er am Herd die neuesten Quinoa-Rezepte für seine beiden Töchter im Teenager-Alter zubereitet.

Was die zahlreichen Besucher der Vernissage nicht wissen: Christian hat nicht zu Hause geschlafen, er ist morgens auf dem eleganten Designersofa seines Büro aufgewacht. Dass sein Gesicht und das weiße Hemd gleichermaßen zerknittert sind, deuten die Gäste sicher als Ausdruck seiner Genialität. Die verwuschelte Frisur? War wie der Dreitagebart vermutlich Einstellungsvoraussetzung. Ohnehin sind das Nebensächlichkeiten angesichts des rhetorischen Geschicks, das dieser feingliedrige Mann, der ja selbst eine Art Künstler ist, vor versammelter Mannschaft beweist. Es gibt keinen Zweifel, die geschliffene Rede hätte er spontan in drei Fremdsprachen aus dem Ärmel schütteln können. Dass sein Leben bald aus den Fugen gerät, ahnt Christian noch nicht.

Es geschieht am helllichten Tag, ein banaler Taschendiebstahl, plötzlich sind Mobiltelefon und Brieftasche weg. Christian ist erschüttert, aber das Handy lässt sich mit Hilfe einer Computersoftware bis auf einige Meter genau orten. Gemeinsam mit einem Kollegen fasst er einen Plan, halb im Spaß. Schon rasen sie durch die Nacht, in einem Tesla, dessen elektrisch angetriebene Spritzigkeit Männern wie Christian so ungeheuer gut zu Gesicht steht. Von null auf 100 in weniger als drei Sekunden. Durch die satt klingenden Boxen dröhnt der Brutalo-Sound der französischen Elektrorocker Justice. Gerecht erscheint den Arbeitskollegen ihre Mission, die sie zu einem der Wohnsilos am Stadtrand führt. Jede Mietpartei bekommt einen Drohbrief eingeworfen: Wer ungeschoren davonkommen möchte, soll schleunigst Christians Eigentum herausrücken. Die beiden gackern ganz übermütig; schön, wenn man sich solche Kindereien leisten kann.

Nun heißt es abwarten. Erst einmal mit der Fernsehjournalistin Anne (Elisabeth Moss) ins Bett. Aber etwas stimmt nicht mit ihr: Warum besteht sie darauf, dass Christian ihr das gebrauchte Kondom aushändigt, damit sie – und nicht er – es entsorgen kann? Und wieso eigentlich sitzt ein dicker Affe in Annes Küche? Weil es vom Künstler zum Affen nicht weit ist. Das wäre eine Erklärung. Seit zwei Jahrhunderten wird der Gestaltungswille kritzelnder Primaten immer wieder untersucht; Künstler stellten sich als malende Affen dar – oder teilten gleich die Staffelei mit ihnen, so wie der als »Übermaler« berühmt gewordene Österreicher Arnulf Rainer in seiner »Parallel Malaktion mit Schimpansen«. 2005 kamen drei Bilder eines Affen bei Bonhams unter den Hammer und erzielten über 14 000 Pfund. Es waren Werke von Congo, dem begabten Schimpansen aus dem Londoner Zoo, der als Cézanne der Affenwelt in die Geschichte eingegangen ist. Seine abstrakten Arbeiten hat Pablo Picasso gekauft, nachdem sie erstmals 1957 im Institute of Contemporary Arts in London ausgestellt worden waren. Der Künstler starb 1964 im Alter von nur zehn Jahren, viel zu früh.

Auf den ungewöhnlichen Mitbewohner der Journalistin angesprochen, sagte Ruben Östlund in einem Interview: »Es wohnt halt ein Affe in ihrer Wohnung.« Für »The Square« wurde der schwedische Regisseur und Drehbuchautor (»Höhere Gewalt«) bei den 70. Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Man scheitere oft daran, zivilisiert zu handeln, so Östlund. Ob die Kunst daran etwas zu ändern vermag? Auch darum geht es in der titelgebenden Attraktion in Christians Museum. Einfacher geht’s kaum: Die Installation besteht aus einer abgegrenzten Bodenfläche von etwa vier mal vier Metern, auf der man angehalten ist, sich verantwortungsvoll zu verhalten. Ein Quadrat, nicht mehr, nicht weniger. Unter Sachverständigen würde man, ohne zu zucken, von einer Intervention im öffentlichen Raum sprechen.

Während des Meetings fachsimpeln Marketingexperten über geeignete Werbestrategien. Die Intention des quadratischen Kunstwerks? Nebensächlich – zumindest für die Produktion eines Videoclips, der vor allem eine öffentliche Debatte über ethisches Verhalten entfachen und die Massen ins Museum locken soll. Christian beschäftigen indes immer noch die Folgen des Diebstahls. Dass er eine von seiner Marketingagentur geplante PR-Aktion unbesehen durchwinkt, wird ihn teuer zu stehen kommen. Die provokative Kampagne verselbständigt sich und droht, den ganzen Kulturbetrieb auf den Kopf zu stellen.

Östlund hat das Kunstwerk vorher ausprobiert. Im schwedischen Värna mo platzierte er 2014 ein leuchtendes Quadrat mitten in der Stadt. Es sollte ein Ort sein, an dem man sich sicher fühlen und sein Gepäck abstellen konnte. Klingt schwer nach safe space. Es geht um Komfortzonen, das Leben in der Bubble und die Bereitschaft, sie ab und an zu verlassen: Halten die eigenen Überzeugungen der Realität stand? Wie schnell es dort draußen, jenseits der Geborgenheit des eigenen Milieus, ungemütlich werden kann, damit hat Christian nicht gerechnet. Auch das geladene Kunstestablishment wird es beim Bankett noch zu spüren bekommen. Als der Performance-Künstler Oleg (Terry Notary) den Saal betritt und animalische Laute von sich gibt, muss die feine Gesellschaft entscheiden, wie weit Kunst gehen darf. Es wird still, man ist verunsichert, die Darbietung des Mannes mit dem nackten Oberkörper ist etwas zu überzeugend. Seine Körperhaltung und das ganze Gebaren legen nahe, dass es sich um einen Affen im Menschenkostüm handelt. Er wird übergriffig, das Stück läuft aus dem Ruder, und es dauert zehn beklemmende Minuten, bis der Firnis der Zivilisation reißt. Im Nachgang ein wenig schal, wie ein verfilmtes Sozialexperiment, ist die Szene dennoch denkwürdig. Schon allein wegen des Spiels von Terry Notary, der als Choreograph unter anderem die Bewegungsmuster der Fabelwesen in »Avatar« und der »Hobbit«-Trilogie entwarf und in der jüngsten Verfilmung von »King Kong« Modell stand. Von Notarys Darbietung kann sich so mancher Affe eine Scheibe abschneiden.

Indem Östland seinen kultivierten Protagonisten nicht von der Klippe stürzt, beweist er Sympathie für den Kunstbetrieb. Die Ressentiments von Kunstverächtern, die Phantasielosigkeit mit Kritik verwechseln, interessieren ihn ebenso wenig wie schriller Humor. Christians Elaboriertheit wirkt dezent überzeichnet, der Lächerlichkeit wird der trotz seiner Makel doch respektable Mann nicht preisgegeben. Nicht einmal, als er unter großer Mühe versucht, den hoffnungslos verschwurbelten Begleittext einer Ausstellung im Fernsehen zu erklären. Dass es sich um Blendwerk handelt, um aufgeblasenes Wortgeklingel, ist ihm bewusst. Aber die Spielregeln des Geschäfts verbieten es ihm, sich in solchen Situationen aus der Affäre zu ziehen. Zur Not unter Einsatz des Hundeblicks. Christian ist ein Profi, eklatante Fehler wird er am Ende des Films eingestehen.

Ethik, Verantwortung, soziale Ungleichheit, Pressefreiheit – viele Themen, selbst für einen zweieinhalbstündigen Film. Hat Östlund sich verhoben? Ja, und zwar mit sichtlichem Genuss! Er kostet jeden Humor aus, den er seinen Figuren nicht zubilligt, und hat mit »The Square« eine lichtende Gesellschaftssatire geschaffen, die ihrem Gegenstand mit Jiu Jitsu begegnet, statt ihn mit einem Faustschlag vernichten zu wollen. Dass sein Witz von Voraussetzungen lebt, die er gewissermaßen selbst aufspießt, kann man ihm nicht vorwerfen. Im Gegenteil.


The Square (D/F/Schweden/Dänemark  2017). Buch und Regie: Ruben Östlund. Darsteller: Claes Bang, Elisabeth Moss, Terry Notary. Filmstart: 19. Oktober.