Maya Peretz, Gewerkschafterin aus Israel, im Gespräch

»Würden wir BDS unterstützen, würden wir keine Rolle mehr spielen bei den israelischen Arbeitern.«

Interview Von Martin Hauptmann
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Wie erklären Sie sich das rasche Wachstum von Koach la’Ovdim?

Tarifverträge zwischen dem israelischen Gewerkschaftsbund Histadrut und ­Unternehmen wurden oft über die Köpfe der Beschäftigten hinweg ausgehandelt. Außerdem legte die Histadrut ihren Fokus auf Beamte und feste Arbeits­verhältnisse in großen Betrieben. Wir haben von Anfang an den Willen der Belegschaften ins Zentrum gestellt. Entscheidend ist, was mehr als 50 Prozent der Beschäftigten wollen. Und wir haben gezielt prekär Beschäftigte organisiert. Dazu gehört, dass wir alle Gesetzestexte und sonstigen Materialien auch auf Arabisch veröffentlichen.

Hat die Histadrut in den vergan­genen zehn Jahren ihre Praxis verändert?

Ja. Nach der Jahrtausendwende begann unter dem damaligen Finanzminister Benjamin Netanyahu eine umfassende Privatisierungswelle. Bei aller Kritik an den Strukturen der Histadrut – sie waren so ziemlich die einzigen, die ­dagegen gekämpft haben. Ein weiterer Strategiewechsel erfolgte vermutlich als Reaktion auf die Gründung von Koach la’Ovdim: Vor ungefähr vier Jahren begann die Histadrut mit der aktiven Organisation von Belegschaften. Zuvor hatte die Histadrut kaum neue Betriebe organisiert, sondern sich mit dem Bestand zufriedengegeben.

»Die meisten unserer Mitglieder sind Israelis und unser Ansatz ist, palästinensische und isra­elische Beschäftigte zusammenzubringen. 80 Prozent der Beschäftigten in meinem Bereich sind palästinensisch.«

Ist Koach la’Ovdim mittlerweile also überflüssig?

(lacht) Die Histadrut ist nach wie vor nicht demokratisch. Alle fünf Jahre ­halten sie Wahlen ab, die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Mitglieder sind weit von dem entfernt, was wünschenswert wäre. Ich freue mich über die Änderungen, aber ein Klassenkampf wäre mit der Histadrut undenkbar.

Die Histadrut ist 30 Jahre älter als der Staat Israel und spielte von Anfang an eine staatstragende Rolle. Als in den Achtzigern erstmals Likud die Regierung stellte, änderte sich das. Diese ­traditionelle Rolle wirkt aber bis heute fort. Sicher sind die Probleme inzwischen eher vergleichbar mit denen im DGB. An einigen arbeiten sie, andere wollen sie nicht angehen, weil sie einen anderen Blick auf die Wirklichkeit ­haben als wir.

Dass wir nicht überflüssig sind, merken wir daran, dass die Histadrut auf unseren Vorschlag, sich gegenseitig keine Konkurrenz in Betrieben zu machen, also die Belegschaft nicht zu spalten, nicht eingegangen ist. Sie gehen mittlerweile auch in Betriebe, die wir organisiert haben. Immerhin haben sie inzwischen ihre Materialien ins Arabische übersetzt.

Welche sonstigen Gewerkschaften gibt es in Israel?

Es gibt Spartengewerkschaften, zum Beispiel zwei für Lehrpersonal und eine im medizinischen Bereich. Außerdem gibt es gelbe Gewerkschaften, die im Auftrag der Arbeitgeber handeln und nie streiken.
Eine kleinere Gewerkschaft ist Maan. Ihre Hauptzielgruppe sind palästinensische Frauen mit dauerhafter Aufenthaltserlaubnis. Diese waren vorher fast gar nicht organisiert und hatten zugleich die schlechtesten Arbeitsbe­dingungen.

Auf einer Veranstaltung der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) Berlin im Juli bezeichnete ein Mitglied der antiisraelischen Bewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) Maan als die einzige nichtrassistische Gewerkschaft in Israel, weil sie nicht zur »Normalisierung« beitrage – Israel also nicht als normalen Staat behandle, mit dem man friedliche Beziehungen eingehen kann.

Man macht keine Gewerkschaftsarbeit in dem Sinne, wie wir das tun. Sie ­haben in ihrer Geschichte zwei Tarifverträge vereinbart. Die meisten unserer Mitglieder sind Israelis und unser Ansatz ist, palästinensische und isra­elische Beschäftigte zusammenzubringen. Ich bin für öffentliche Verkehrsmittel zuständig und 80 Prozent der Beschäftigten in meinem Bereich sind palästinensisch. Gleichzeitig leiden wir unter diesen Verhältnissen. Im September wurde ein Jerusalemer Mitglied unserer Sektion verhaftet, und zwar nur, weil es ­Palästinenser und Gewerkschaftsmitglied ist. Der Arbeitgeber und die Polizei haben dabei kooperiert.

Palästinenser aus Jerusalem besitzen einen ­Sonderstatus. Sie brauchen keine Arbeitserlaubnis, um für israelische ­Firmen zu arbeiten. Sie werden aufgrund der Besatzung häufig und willkürlich von der Polizei schikaniert. Als rechtlicher ­Vorwand genügt es zu behaupten, dass sie ein Sicherheitsrisiko darstellen würden. Wir lernen gerade, mit dieser Willkür umzugehen. Das ist keine Gewerkschaftsarbeit und unsere Arbeitsrechtsanwälte können uns hier nicht weiterhelfen. Ein Knesset-Abgeordneter der linken Partei Chadasch hat für uns beim Verteidigungsministe­rium nachgefragt, das uns wiederum ans Innenministerium verwiesen hat.

Wir wollen den Kollegen aus der Haft befreien, aber für uns ist das Neuland. Falls das jemand so interpretiert, dass wir zur Normalisierung beitragen, dann kann ich das nicht ändern.

Die FAU erwägt, ein internationales Bündnis einzugehen, unter anderem mit europäischen Gewerkschaften, die sich BDS angeschlossen ­haben. Es geht also überall um Klassenkampf außer im Nahen Osten. Sichtbar wurde das zum Beispiel im Fall der israelischen Firma Soda-Stream: BDS bewirkte die Schließung einer Fabrik gegen den Willen der Belegschaft. Was würde passieren, wenn Koach la’Ovdim BDS unterstützen würde?

Wir würden keine Rolle mehr spielen bei den israelischen Arbeitern. Würden wir BDS unterstützen, könnten wir unsere Arbeit nicht mehr machen.

Wie sehen Sie die künftige Entwicklung?

Was den Konflikt im Nahen Osten angeht, verliere ich langsam die Zuversicht. Internationale Arbeit, Solidarität und Politik sind ein wichtiger Teil von Gewerkschaftsarbeit oder allgemein einer linken Be­wegung. In Israel haben wir ein großes Problem, weil diese internationale Kultur überhaupt nicht existiert. Dafür gibt es viele Gründe. Das eine ist die Isolation der israelischen Linken. Es fühlt sich so an, als ob alle Welt und alle im Inland uns hassen. Wir sind klein und haben nur uns selbst.

Diesem Eindruck möchte ich etwas entgegensetzen und nach außen gehen. Bei Koach la’Ovdim gibt es kein internationales Sekretariat. Ich mache das nebenher in meiner Freizeit.

Ein anderes Hindernis ist die Histadrut. Sie mag uns nicht. Das ist sicher nicht hilfreich für unseren Antrag auf Aufnahme in den Internationalen ­Gewerkschaftsbund (IGB). Er liegt seit langem auf Eis. Uns wurde mitgeteilt, dass wir noch nicht reif dafür seien.

Erstaunlich. Es gibt doch einige noch kleinere Gewerkschaften im IGB aus ähnlich großen Demokratien wie Israel.

Wir sind jung, klein und radikal. Vielleicht lehnen sie deshalb unseren ­Antrag ab.

Inwiefern ist Ihre Gewerkschaft radikal?

Wir sind als Gewerkschaft kompromisslos. In Israel ist das radikal. Wir unterschreiben keinen Tarifvertrag, dem nicht mindestens die Hälfte der Beschäftigten zugestimmt hat. Es spielt keine Rolle, ob ich als Funktionärin mit dem Vertrag zufrieden bin. Die Beschäftigten müssen einverstanden sein. Das ist der entscheidende Unterschied zur Praxis der Histadrut.
Vieles in der Histadrut erinnert an den DGB. Das ist kein Zufall, da die Histadrut stark von deutschen Emigranten geprägt wurde. Sie enthält auch Elemente aus der britischen Mandatszeit.