Small Talk mit Jann Schweitzer über die Auswirkungen eines Medikaments zur HIV-Prophylaxe

»Endlich die Angst los«

Die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) ist ein Medikament, mit dem HIV-negative Menschen sich vorbeugend vor einer HIV-Infektion schützen können. Seit kurzem ist sie für etwa 50 Euro im Monat erstmals für eine breitere Kundschaft erschwinglich. Die Jungle World sprach mit dem Erziehungswissenschaftler Jann Schweitzer, der für die Frankfurter Aidshilfe arbeitet und an der Goethe-Universität zu Jugendsexualität und zu Männern forscht, die Sex mit Männern haben.

Small Talk Von Alexander Nabert
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STSeit kurzem ist die PrEP in Deutschland für viele Menschen erschwinglich. Sie gehören zu den Nutzern der ersten Stunde. Wie ist Ihr Alltag mit dem Medikament?
Ich nehme die PrEP seit sieben Wochen. Mittlerweile geht es mir gut damit. Es ist natürlich eine Umstellung, man muss sich daran gewöhnen, jeden Tag zur gleichen Zeit eine Pille zu nehmen. Die ersten Tage hatte ich ein paar Nebenwirkungen, nach ein paar Stunden wurde mir etwas schlecht und schwindelig. Das ist aber relativ normal. Nach ein paar Tagen hat man sich aber daran gewöhnt, ein Medikament zu nehmen.

Wie tief sitzt das kollektive Trauma der Aidskrise heutzutage im Bewusstsein von Männern, die Sex mit Männern haben? Kann die PrEP daran etwas ändern?
Die Angst vor HIV spielt beim Sex nach wie vor eine große Rolle. Die Aidskrise ist noch stark im Bewusstsein, auch für meine Generation. Ich bin 31 und selbst für mich bedeuteten HIV und Aids immer noch das gleiche Stigma. Man hat selbst Angst vor HIV und das trägt man in sein Sexleben. Die PrEP kann auf jeden Fall etwas daran ändern, das merkt man auch an den Reaktionen von PrEP-Usern. Es gibt Berichte von Leuten, die darüber reden, dass sie endlich die Angst los sind und viel leichter, unbeschwerter Sex haben können.

Der schwule Schriftsteller Ronald M. Schernikau befürchtete in den achtziger Jahren, dass wegen der Aidskrise die Sexualmoral unter Schwulen erstarken könnte: Angst und Monogamie statt Lustbetontheit und Promiskuität. 1984 forderte er in der Siegessäule: »Fickt weiter!« Was er befürchtet hat, ist zumindest teilweise eingetreten. Ermöglicht die PrEP eine neue Leichtigkeit?
Schernikau hat sich damit vor allem an sein Umfeld gerichtet. Es gab ja schon vor der Aidskrise Homosexuelle, die durch die Stigmatisierung von Homosexualität eine bigotte Sexualmoral angenommen hatten. Das zeigen nicht zuletzt der Dokumentarfilm »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« (1971) von Rosa von Praunheim und die Studie »Der gewöhnliche Homosexuelle« (1974) von Martin Dannecker und Reimut Reiche. Die Aidskrise hat das noch mal verstärkt. Ich hoffe, dass die PrEP daran etwas ändert. Man merkt bereits, dass die sexuelle Kommunikation eine ganz andere ist.

Die Aufklärung über die PrEP findet vor allem in schwulen Kontexten statt. Können auch andere Gruppen, etwa Transpersonen, davon profitieren?
Die PrEP ist für alle, die sich neben der Verwendung von Kondomen vor HIV schützen wollen, eine Möglichkeit. Auch für Sexarbeiterinnen oder Transpersonen ist die PrEP attraktiv. Studien zeigen allerdings, dass der Wirkstoff sich in der Vagina nicht so gut anreichern kann wie im Analbereich. Das ist ein Problem für Frauen oder Transmänner, die vaginalen Geschlechtsverkehr haben.

Die PrEP schützt nur vor HIV und nicht vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Birgt das die Gefahr, dass andere Krankheiten sich ausbreiten?
Das ist die große Angst von Leuten, die die PrEP eher kritisch sehen. In London, wo die PrEP schon länger verfügbar und sehr verbreitet ist, zeigt sich allerdings, dass das Gegenteil der Fall ist. Das liegt daran, dass Leute, die die PrEP nehmen, sich regelmäßig testen lassen.